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Aus: Ausgabe vom 17.01.2019, Seite 11 / Feuilleton
Fotografie

Leben, kämpfen, siegen

Bilder der sowjetischen Kriegsfotografin Olga Lander in Berlin-Karlshorst
Von Volker Braun
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»Wie unsere Rote Armee lebte, kämpfte und siegte ...« – Artistenpaar als Teil eines Unterhaltungsprogramms für die 36. Panzerbrigade am Bahnhof Rasdelnaja im Süden der Ukraine, August 1944

Noch bis zum 24. Februar zeigt das Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst Bilder von Olga Lander, der 1909 in Samara geborenen Fotografin, die auf russischer Seite zu der Gruppe von 200 qualifizierten Fotoreportern an der Front gehörte. Sie waren aufgefordert, mit ihren Bildern zum Kampf gegen die Faschisten zu mobilisieren. Zusammen mit den Einheiten der 3. Ukrainischen Front nahm Olga Lander an der Befreiung Bulgariens, Ungarns und Österreichs teil.

Lander zählt neben Dmitrij Baltermanz und Jewgenij Chaldej zu den bedeutendsten Fotojournalisten auf sowjetischer Seite. Der Kampfeinsatz von Frauen war zu diesem Zeitpunkt etwas völlig Neues, während das deutsche Frauenbild noch ein völlig anderes war. Die deutsche Propaganda schuf dafür das Bild des »tollwütigen Flintenweibes« neben dem Bild des »jüdischen Kommissars«; die Konsequenz war für die Rotarmistinnen bei Gefangenennahme der fast sichere Tod. Die Ausstellung in Karlshorst, also am Ort der Kapitulationsunterzeichnung vom 9. Mai 1945, bietet die Chance, ihre Rolle bei der Befreiung Europas und der Welt vom Faschismus zu verstehen und zu würdigen.

Olga Lander bringt das selbst wie folgt auf den Punkt: »Unsere Hauptaufgabe bestand darin, unseren Lesern – dem Frontsoldaten wie den Menschen, die im Hinterland arbeiteten – zu zeigen, wie unsere Rote Armee lebte, kämpfte und siegte …«

Neben der akribischen Dokumentation des Kriegshandwerks beeindrucken besonders ihre Dokumente des Soldatenalltages. Die Fotografien entmystifizieren den Krieg. Sie zeigen Soldaten in den Kampfpausen, beim Tanz, bei den Mahlzeiten, beim Waschen oder Lesen, zeigen ältere Soldaten als Schneider und Schuhmacher oder Schlosser. Sie zeigen lachende Rotarmisten, die Künstlern bei ihren Auftritten zuschauen.

Eine große Strahlkraft und Entschlossenheit spricht aus ihrer Porträtfotografie. Die jungen Funkerinnen, Sanitäterinnen oder Scharfschützinnen und Pilotinnen, die sie fotografiert hat, sind völlig frei von Selbstinszenierung.

Die Dokumentation des Krieges hatte große politische Sprengkraft. Die Kriegsfotografen veröffentlichten u. a. in 18 Frontzeitungen und 110 Armeezeitungen. Lander, die auch unter Artilleriebeschuss arbeitete, wurde meist von einem Rotarmisten eskortiert. Sie arbeitete mit einem sowjetischen Nachbau einer Leica mit Normalobjektiv. Das bedeutete, dass sie sich oft unter Lebensgefahr einem Motiv sehr stark annähern musste. Die Entwicklung betrieb sie als gelernte Fotolaborantin in Abstellkammern und Kellern.

Debatte

  • Beitrag von Bernhard T. aus K. (17. Januar 2019 um 03:42 Uhr)
    Die im Text erwähnte Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde in Berlin-Karlshorst fand bekanntlich nicht am 8. Mai 1945 statt, sondern am 9. Mai 1945 um etwa 00.15 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit (02.15 Uhr Moskauer Zeit). Bernhard Thiesing, Berlin

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