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Aus: Ausgabe vom 16.01.2019, Seite 16 / Sport

Darauf ein Turmbräu!

Von André Dahlmeyer
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Gehämmert in Buenos Aires. Bild von den Protesten am 10. Januar

Wahrscheinlich haben Sie sich seit einiger Zeit dasselbe gefragt: Steht Buenos Aires noch? Ich kann es Ihnen sagen: Buenos Aires steht noch! Auch wenn es immer wieder Lumpen wie die ehemalige Pseudopunkband Attaque 77 gibt, die es gerne in Flammen sehen würden.

Die Macri-Apostel der Hauptstadtregierung haben zwar seit geraumer Zeit witzige Bekanntmachungen an viele der gefühlt 145 Millionen Stadtbusse gebatscht, die Insassen und Vorstadtpendlern weismachen sollen, dass diese nun Air Condition besäßen. Keine Ahnung, wie so was auf deutsch heißt, aber wer kennt schon jemand, der so was hat? Muss man immer alles wissen, alles haben? Wenn mein Klub 0:3 hinten liegt, weiß ich, dass der Anschlusstreffer auch nichts mehr nützt. Was sollte ich damit anfangen? Ihn etwa einrahmen?

Wenn Sie mal nach Buenos Aires kommen, in die Stadt der guten Lüfte also, nehmen Sie sich besser ihren eigenen Aushilfspropeller mit. Vielleicht bei Düsentrieb nachfragen. Alle anderen Fächelutensilien, auch wenn sie noch so abwegig erscheinen, können auch nicht schaden. Freilich werden Sie damit keinen Krieg gewinnen, aber die Schlacht ist wenigstens eröffnet. Horrido!

Je älter man werde, mit um so weniger gebe man sich zufrieden, wollte mir neulich jemand eintrichtern. Ständig halten Leute ihren Zielwumms auf meinen hübschen Krakeelkopf. Ich habe den Verdacht, dass die Menschen immer beknallter und beknurzter werden. Jeder Depp wird ein Häuptling, das zumeist hinterm eigenen Herd. Der Plastetomahawk saust durch die Küche, und wenn er drehbuchgerecht Lederstrumpfs Skalp erwischt, landet auch der in der Feinschmeckersuppe. Mit Vogelpisse! Und danach wundern sich wieder alle über Krankheiten aus dem bösen Afrika. Darauf ein TB! Turmbräu, Taschenbuch oder Tennis Borussia, is’ egal! Man könnte auch sagen: HSV, Independiente und Cerro Porteño, oder?!

In Buenos Aires hupen alle. Völlig sinnlos. Wenn ich jetzt auch noch zu hupen anfange, geht das Land drauf. Will ich das? Habe den halben Montag damit verbracht, unter Autobahnbrücken Müll mit den Obdachlosen zuzubereiten und zu essen. Keinen Müll aus dem, wie man es in Deutschland nennt, Hausmüll, sondern von der Müllkippe. Was die Cartoneros täglich an Müll aus der Hauptstadt herausschleppen, bringen sie an Essbarem zurück. Mir ist es seit zwanzig Jahren eine verdammte Ehre, an diesen Fressgelagen teilhaben zu dürfen.

Die Hauptstadt schläft den neoliberalen Schlaf. Die Reichen goutieren ihn. An der U-Bahn-Station Independencia spielen die Kinder »Pity« Martínez gegen Boca. Pity ist so einer dieser Copa-Libertadores-Helden, die Europa für das wichtigste Fußballspiel Südamerikas bestochen hatte. »Warum spielt ihr nicht gegen Tévez, gegen Mauro Zárate?« erkundige ich mich. »Tévez ist so ein Dummerchen«, erwidern die kleinen Menschen und sagen: »Und Mauro hat Vélez verraten!« Man kann nicht alles wissen. Dann kommt noch einer der Matratzenwärter besagter U-Bahn-Station an und bittet mich darum, dass ich ihm eine drehe. Das ist jetzt heute, schwer untertrieben, die hundertneunzigste. Schönen Dank auch.

Ich bin gerade in Buenos Aires angekommen. Ich habe seit zwei Monaten keine Dusche gesehen. Mein Gastarbeiterleben in Deutschland ist wieder mal vorbei. Ich tausche Bauwagen gegen Dschungel. Ich bin arm. Und stolz darauf. Oh Gott, ich brauche eine Dusche!

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