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Aus: Ausgabe vom 16.01.2019, Seite 11 / Feuilleton
Droste

Katastrophen? Mehr davon!

Von Wiglaf Droste
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Erlebnishunger? Wellnessbereich des Hotels Hubertus in Balderschwang (Bayern) am Montag

Wenn ein Trupp von Knallköpfen und Freizeitdeppen ohne Not und Grund unbedingt auf das Schneebrett vor dem eigenen Kopf rauschen muss und anschließend folgerichtig futschikato ist – was daran wäre, von der Grundkatastrophe menschlicher Dummheit abgesehen, katastrophal oder tragisch? Handelt es sich nicht eher um einen unfreiwilligen Akt sozialer Hygiene? Je weniger dieser Hirsel die Welt zerlatschen, desto schöner wird sie.

Ob es der »Erlebnishunger« (Michael Rutschky) ist, der diese Kraft-durch-Freude-Existenzen antreibt? Oder das, was sie »Spaß« nennen? Ich vermag es nicht zu erahnen; erforschungswürdig erscheint es mir nicht.

Erlebnishunger? Ich habe keinen Appetit. Aber »Katastrophen« dieser Art bitte immer gern. Und auch keinesfalls vergessen, die Trauer heuchelnden Mediensalattellergesichter mitzunehmen. Merci.

Debatte

  • Beitrag von Ronald B. aus . (16. Januar 2019 um 00:25 Uhr)
    Wenn Skitouristen – womöglich jung und nicht zwingend alle aus dem gehobenen Mittelstand oder der Oberschicht – trotz aller Warnungen ob der Lage sich überhaupt draußen und dann noch abseits der Pisten bewegen, mag man vor ihrem leichtsinnigen Verhalten warnen und ihre Verantwortungslosigkeit sich selbst und auch anderen gegenüber beklagen. Ihren Tod aber unter der Überschrift »Katastrophen? Mehr davon!« (!) als »freiwilligen Akt der sozialen Hygiene« zu bezeichnen, wie durch jW-Kultur(!)-Kolumnist Wiglaf Droste geschehen, zeugt von der Menschenverachtung und mangelnden psychischen Hygiene vor allen Dingen des Autors. Der jW-Kulturredaktionschef, ja der Chefredakteur höchstselbst hätten dieses Unverhalten ihres Kolumnisten unterbinden müssen! So aber muss man den Angehörigen der Todesopfer eine Beschwerde beim Presserat wie m. E. auch eine förmliche Strafanzeige (Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener!) zugestehen. Droste schadet der humanistisch-linken Sache und dem Ansehen der jungen Welt! Wenn mir persönlich oder der linken Öffentlichkeit gegenüber kein Bedauern bzw. keine kritische Reflexion der produzierten/nicht verhinderten Unkultur durch jW irgend zeitnah erfolgt, werde ich auf der Sparkasse meinen Dauerauftrag zugunsten des Verlag 8. Mai dahingehend ändern, dass ich statt des Normalpreises für mein Onlineabo von meinem Regelsatz nur noch den Sozialpreis überweise im gesamten Jahr 2019 – den jW damit dann entzogenen Differenzbetrag zwischen Normal- und Sozial-Online-Abo werde ich als langjähriger jW-Leser, aktiver jW-Unterstützer und LPG-Mitglied der Katastrophenhilfe monatlich überweisen, was ich dem Verlag gegenüber auf dem Postwege nachweise – jeden Monatsersten erneut, bis Jahresende. Wiglaf Droste mag Euch den dann neben den ethischen auch finanziellen Schaden ersetzen oder auch nicht! Wenn sein Schandtext einen Tag vorher – am 100. Jahrestag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht – erschienen wäre, wäre meine Disziplinierungsmaßnahme noch drastischer ausgefallen, die Nähe zum Jahrestag aber ist gegeben, und so hört: Genossen, ich werde euch das sozialistische Kirchenjahr schon einprügeln nötigenfalls, darin zweifelt bitte nie und nimmer! Droste ist ein Mann in reifen Jahren, pardon kann ich nicht geben, er ist ein Wiederholungstäter mit schlechter Sozialprognose, als solcher ist er zu beaufsichtigen, und das wisst Ihr! »Schönstens« (Peter Hacks).
    Ronald Brunkhorst, Kassel
  • Beitrag von Ronald B. aus . (16. Januar 2019 um 08:22 Uhr)
    Ich korrigiere meine erste Einlassung zu dem unsäglichen und wenigstens intern zu ahndenen Schandtext (»Katastrophen? Mehr davon!« [!]) des »Kulturschaffenden« Wiglaf Droste: Er schrieb nicht von »freiwilliger sozialer Hygiene«, sondern von »unfreiwilliger sozialer Hygiene« und setzte ein »wohl eher« davor, was seine Unwortverwendung zumindestens etwas selbst in Frage stellt – immerhin. Dass die Welt durch den Tod der von ihm auf das Fürchterlichste Herabgesetzten »zu einer um so schöneren wird«, ist verlagsintern, wo nicht strafrechtlich, am schärfsten zu ahnden, da kann es keinen Zweifel von irgend jemandem geben, selbst wenn man das Recht eines Kulturkolumnisten in Rechnung stellt, sich drastisch bzw. in Übertreibung bzw. in Überspitzung zu äußern, eben berufsbedingt. Wo nicht die Kriterien des einfachen Anstandes bzw. der Pietät dieses Recht eines wohlgemerkt im ganzen deutschsprachigen Raum mit einer wenn auch nur relativ »hohen« Auflage Publizierenden begrenzen, denn »Anstand« wie »Pietät« mögen um so relativere Kategorien sein, je mehr Alkohol zum Beispiel vom »Kulturschaffenden« in seinem Schaffensprozess benötigt wird – das um so nüchternere Strafrecht nach StGB kennt diese Grenzen und das Presserecht ebenfalls! Es ist, bedauern alle jeweils Verantwortlichen ihr schweres Vergehen nicht zeitnah und aufrichtig, konsequent anzuwenden! Darüber steht es natürlich den Lesern frei, bei Uneinsichtigkeit aller Verantwortlichen ob der produzierten Geschmacklosigkeit (die in Wahrheit einen Rechtsbruch darstellt m. E.) ihre Konsequenten zu ziehen und ihre Zahlungsmoral dem Verlag 8. Mai GmbH gegenüber anzupassen, ganz so, wie ich es meine Person betreffend als Möglichkeit schon angedroht habe in meinem ersten Beitrag. Ronald Brunkhorst, Kassel
  • Beitrag von Ronald B. aus . (16. Januar 2019 um 17:59 Uhr)
    Manchmal begegnet einem so dumm-dämlich-dreistes Verhalten, das der getöteten Wintertouristen mag dazugehören, dass man nicht weiß, was man sagen soll – aber dann hält man auch die Schnauze, jedenfalls publiziert man nicht so eine Scheiße wie Droste bzw. seine Beaufsichtigungsverpflichteten durch Unterlassung. Was man irgendwo wohl weintrunken herumschwallt und was man in einer Zeitung schreiben darf, sind unterschiedliche Dinge. Ich komm’ wieder runter, verhänge auch keine Finanzsanktionen gegen jW, meine Erschütterung über den Tölpel Droste und speziell seine »schönere Welt« (ER meint natürlich die schönen, von niemanden berührten Schneelandschaften und nicht etwa den Tod der Verunglückten, wie es sich nur demjenigen auftut, der Droste explizit Böses will – fürwahr, ich könnte ihn vor Wut schlagen, so artfremd erscheint er mir! Ich komm wieder runter. Ronald B., kassel
    • Beitrag von Reinhard L. aus . (16. Januar 2019 um 20:47 Uhr)
      Man kann Droste mögen oder nicht – ich nehme den Großteil seiner Texte als prätentiöses, aufgeblasenes Berserkertum vom sicheren Biertisch aus wahr. Aber mit diesem Text trifft er doch etwas: die dem bürgerlichen Subjekt innewohnende »Raserei der Subjektivität« (Hegel), die sich um eines Erlebnisses, eines Kicks – wie immer man es nennen möchte – willen persönlich in Gefahr begibt, ohne die Folgen zu bedenken: für sich selbst – das wäre ja noch egal –, von eventuellen Angehörigen und ungeregelten Verpflichtungen, für welche diese aufkommen müssen, usw. ganz zu schweigen. Mit anderen Worten: organisierte Verantwortungslosigkeit. Für die Folgen kommt die Allgemeinheit auf, oder sie bleiben an irgend jemandem hängen, der mit der Ursache nichts zu tun hat. So macht’s das Kapital mit der Umwelt und der Gesundheit der ihm Unterworfenen, und so der Skifex mit dem Tiefschnee trotz Lawinenwarnung. Die Trivialform kennt man aus der Zugansage vom »Notarzteinsatz am Gleis«: ein Mensch, der sich das Leben nehmen will und dies nur auf die Reihe bekommt, indem er ein Trauma des auf der anderen Seite beteiligten Lokführers und die Störung der Tagesplanung Tausender Unbekannter, die in seinetwegen gestoppten Zügen sitzen, billigend in Kauf nimmt. Endlich einmal Macht – ein einziges und letztes Mal. Asozial bis zum bitteren Ende, so ist der Spießer – ob am Gleis oder im Schnee. Davon haben wir im Alltag schon gerade genug. Insofern, und da muss ich Droste wiederum zustimmen, schadet es auch nichts, wenn es von diesen Idioten und Arschlöchern ein paar weniger gibt.

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