Gegründet 1947 Montag, 18. Februar 2019, Nr. 41
Die junge Welt wird von 2161 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 16.01.2019, Seite 11 / Feuilleton
Bildende Kunst

Wie die Arbeiter lächeln

Mit dem Begriff ging das Bewusstsein verloren: Die Mannheimer Ausstellung »Konstruktion der Welt. Kunst und Ökonomie«
Von Reinhard Lauterbach
S 11.jpg
Zeichenwerkzeug als Vorschlaghammer: Nikolai Sagrekow, »Mädchen mit Reißschiene«, 1929

Der Titel trifft es nicht ganz. »Konstruktion der Welt. Kunst und Ökonomie« heißt die Ausstellung. Aber Ökonomie, die der Sklavenhaltergesellschaft, zeigen schon altägyptische Grabgemälde, und in der europäischen Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts sind Bilder geldzählender Kaufleute Legion. Was in der Kunsthalle Mannheim auf breiter Grundlage gezeigt wird, ist Kunst, die sich an der technischen und sozialen Realität seit Mitte des 20. Jahrhunderts abarbeitet. In einem zweiten, deutlich kleineren Teil der Schau im ersten Stock werden zeitgenössische Arbeiten zu den Themen Arbeit und Globalisierung präsentiert, dazu später. Der Hauptteil im Erdgeschoss betrifft die Epoche von 1918 bis 1939 und konfrontiert etwa 200 deutsche, sowjetische und US-amerikanische Werke vom Ölbild bis zur Fotomontage.

All diese Arbeiten sind gegenständlich. Viele der deutschen und einige der sowjetischen teilen die kritische Einstellung zum Kapitalismus. Otto Dix’ »Streichholzhändler« etwa gibt es in zwei Versionen. Auf einer Radierung hockt ein Kriegskrüppel mit ärmlichem Verkaufskasten auf dem Bürgersteig, in alle Richtungen fliehen Paare von Beinen – selbst die des Hundes im Vordergrund. Eine Grisaillemalerei mit dem Titel zeigt einen proletarischen Jungen mit Streichholzschachteln in der Hand am Fuß einer antikisierenden Säule.

Die amerikanischen und sowjetischen Gemälde singen zumeist das Hohelied des technischen Fortschritts. Ob es die fotorealistische Darstellung einer Papiermaschine ist, die »Klassische Landschaft« von Charles Sheeler mit einer nach allen Regeln der Zentralperspektive gemalten, aber menschenleeren Fabrikarchitektur oder ein Industriepanorama im Predella-Format. Wie gewaltsam die Industrie in die gewachsene Landschaft einbricht, wird hier nicht verheimlicht, sondern heroisiert. Schlot, Kanal und Rangierbahnhof treten an die Stelle der fernen Burgen.

Wesentlicher Unterschied im Heroismus: Die Bilder aus den USA – wie in geringerem Umfang aus Deutschland – stellen die Maschinerie anonym dar, die sowjetischen zeigen Industriearchitektur zusammen mit den Menschen, die sie aufbauen und künftig nutzen werden. Emblematisch ein Bild von Alexander Deineka: das Gerippe einer Werkshalle, davor, groß, zwei Frauengestalten. Die eine leichtfüßig und weiß gekleidet, die andere, in Rückensicht, schiebt eine Lore, und dies quer zu der Schiene, die das Bild nach unten abschließt. Die beiden könnten Verkörperungen einer Person in verschiedenen Situationen sein. Sie sind barfuß, aber die Barfüßigkeit hat ikonographisch gegensätzliche Bedeutung: idealisierte Leichtfüßigkeit als Vorglanz des Kommunismus bei der einen, Rückständigkeit des Ausgangspunktes bei der anderen.

Generell sind die Arbeitenden auf den sowjetischen Bildern Subjekte, klassisch in einem Viererporträt von Kusma Petrow-Wodkin, auf dem »Arbeiter« in einer physiognomischen und gestischen Intensität diskutieren, die an Caravaggios »Ungläubigen Thomas« erinnert. Aus der schematisch gezeichneten Reihe von Arbeiterinnen einer Fischkonservenfabrik, stilistisch den italienischen Altmeistern ähnelnd, tritt bei Jekaterina Sernowa eine Frau hervor. Sie holt Nachschub, greift mit jeder Hand einem mächtigen Stör in die Kiemen. Das Bild zeigt auch, wo der sozialistische Realismus in idealisierenden Schwindel umschlägt: Die gleichzeitige Verarbeitung von Lachs (aus dem Pazifik) und Stör (aus dem Kaspischen Meer) in derselben Fabrik wäre noch heute eine logistische Herausforderung. Für die damalige Zeit symbolisieren die Fische einen künftigen Überfluss, der mit der Realität wenig zu tun hat.

Hinreißend das Porträt eines »Mädchens mit Reißschiene« von Nikolai Sagrekow: die flotte junge Frau hält ihr Zeichenwerkzeug in der Hand wie der Prolet seinen Vorschlaghammer. Dagegen ist der Blick der amerikanischen Künstler auf Arbeitende und Arme oft bei aller guten Absicht rassistisch. »Amerikanische Gerechtigkeit« von Joe Jones zeigt einen Lynchmord des Ku-Klux-Klans, den Vordergrund nimmt das Opfer ein: eine bildschöne nackte Afroamerikanerin. Im Gedächtnis bleibt von den amerikanischen Bildern vor allem der »Tanzmarathon«, ein Freizeitwettbewerb, bei dem 500 Dollar gewinnt, wer es am längsten auf der Tanzfläche aushält. Die Tanzenden halten sich aneinander fest, um nicht umzufallen. Selbst das Vergnügen wird im Kapitalismus trostlos.

Viele Künstler greifen bei der Darstellung sozialer Gegensätze zum Prinzip Puppenstube: ein aufgeschnittenes Gebäude, das Gesellschaft oder Fabrik symbolisiert, in dem oben die »Oberen« sitzen, faulenzen oder auch mal von Arbeitern die Pistole unter die Nase gehalten bekommen – und unten die Armen schuften oder streiken.

Im zweiten, zeitgenössischen Teil der Schau kann man sich des Eindrucks der Beliebigkeit nicht erwehren: die Werke von Marx und Engels als 50 papierumhüllte Ziegelsteine, Grafiken zur Reichtumsverteilung als kaum lesbare Stickereien, Fotoprojektionen von Arbeitenden in aller Welt. Am witzigsten ist ein Video des polnischen Künstlers Artur Zmijewski von einem Skulpturenworkshop in einem Metallbetrieb. Wie die Arbeiter lächeln, als ihnen die Künstler erklären, wie sie sich einen Arbeiter vorstellen, ist es wert, das ganze Video anzuschauen.

»Der Arbeiter ist immer nur wichtig, wenn es eine Revolution gibt«, sagt einer der Metaller im Film. »Die darf er machen, danach wird er wieder vergessen.« Wenn man den Unterschied zwischen Erdgeschoss und erstem Stock in einen Satz fassen soll, hatten die Künstler der 20er und 30er Jahre noch einen Begriff von der Gesellschaft, die sie malten, und gestalteten aus diesem heraus. Heute ist an die Stelle des Begriffs ein Kaleidoskop disparater Eindrücke getreten. Konfusion statt Konfrontation.

Noch bis 3. Februar, Kunsthalle Mannheim, Friedrichsplatz 4; am 31.1./1.2. findet dort ein Symposium zur Ausstellung statt

Ähnliche:

  • Partisanenmadonna (1967), Öl auf Leinwand (190 x 170 cm), aus: »...
    17.10.2018

    »Manche Tat schreit ewig«

    Im Herbst 1943 begann die Befreiung Belorusslands von den deutschen Besatzern – eine Erinnerung an den Maler Michail Sawizki
  • 10.10.2018

    Der mit dem Schuss

    Wer war Brecht? Stephen Parker stellt die alte Frage noch einmal und schreibt eine Krankengeschichte
  • Werner Tübke: »Requiem« (1965), Tempera auf Leinwand auf Sperrho...
    06.09.2018

    Wege und Irrwege

    Nach der »Wende« verschwand die DDR-Kunst in den Depots. Nun verändert sich langsam der Umgang mit dem künstlerischen Erbe des sozialistischen Staates – wie aktuelle Ausstellungen in Halle, Dresden und Schwerin zeigen

Mehr aus: Feuilleton