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Aus: Ausgabe vom 15.01.2019, Seite 8 / Inland
Kritische Psychologen über Krieg

»Überrumpelte Bevölkerung zum Tölpel gemacht«

Krieg nach innen und außen: Psychologiekongress beschäftigt sich mit Rolle von Intellektuellen. Ein Gespräch mit Klaus-Jürgen Bruder
Interview: Kristian Stemmler
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In krisenhaften Zeiten könnte der Intellektuelle für Orientierung und Analyse sorgen. Viel zu oft sind sogenannte Experten aber mit symptomatischen Erscheinungen beschäftigt

Unter dem Motto »Krieg nach innen, Krieg nach außen: Die Intellektuellen als Stütze der Gesellschaft?« findet vom 7. bis 9. März der diesjährige Kongress der »Neuen Gesellschaft für Psychologie« statt. Wie kamen Sie auf dieses Thema?

Es ist ungeheuerlich, was alles passiert: nach außen die Aufrüstung, die Inszenierung der Kriege, und nach innen die Attacken im sozialen Bereich, bei Renten und Löhnen, aber auch die Verschärfung von Polizei- oder Psychiatriegesetzen oder die Zumutungen in der Krankenversorgung. Gleichzeitig tun Intellektuelle jeder Profession – seien es Juristen, Psychologen, Mediziner und auch im Medienbereich – so, als sei nichts. In diesem kritisch gemeinten Sinne sind sie Stützen dieser Gesellschaft. So etwas wie das Auftreten der »Aufstehen«-Bewegung ist Symptom der Unzufriedenheit mit diesem Zustand: Es soll Schluss sein mit der biedermeierlichen Wohlgefälligkeit.

»Krieg nach außen« meint die deutsche Beteiligung an Kriegseinsätzen und ausufernde Waffenexporte. Seit Jahren ist zu hören, Deutschland solle »mehr Verantwortung« übernehmen. Welche Strategie verbirgt sich hinter diesem Mantra?

Dieses Schlagwort haben wir bereits vor einigen Jahren bei einem unserer Kongresse analysiert. Die Parole, Deutschland solle »mehr Verantwortung« übernehmen, ist nach dem typischen »Orwellschen« Muster gestrickt: Die Verantwortungslosigkeit wird Verantwortung genannt. Gemeint ist eine Politik des militärischen Engagements, die zugleich als Verteidigung umdefiniert wird. Darauf zielen die Aufrüstung der Bundeswehr, die grundgesetzwidrigen Rüstungsexporte und auch die Propagierung einer EU-Armee. Mit dieser Verkehrung der Verantwortungslosigkeit wird die überrumpelte Bevölkerung zum Tölpel gemacht.

Die Kehrseite ist der »Krieg nach innen«. Was genau meinen Sie damit?

Die Bedeutung entspricht dem, was der Unternehmer Warren Buffett vor inzwischen 15 Jahren mit »Class warfare« bezeichnet hatte. Die Liste ist lang: von den Hartz-IV-Gesetzen, dem Sozialabbau, über die Zerstörung der Infrastruktur etwa durch Privatisierungen von Eisenbahn, Krankenhäusern, Bildungseinrichtungen, Wohnungsgesellschaften, bis hin zur Massenarbeitslosigkeit. All diese Machenschaften werden von einer ideologischen Weichspülung – »psychologische Kriegführung« müsste man das nennen – begleitet. Daher ist die Bezeichnung als Krieg sehr zutreffend.

Auf die Rolle der Intellektuellen wird im Kongresstitel wohl eher ironisch Bezug genommen. Die Mehrheit hat sich der Agenda der Herrschenden längst untergeordnet, oder?

Das kann man so sagen! Interessant ist dabei, dass viele Intellektuelle gleichzeitig den Eindruck erwecken, als »Gewissen der Nation« zu sprechen. Sie entdecken plötzlich ihre Aufgabe als Kritiker vom Dienst, wenn sie Regierungen anderer Staaten in den Blick nehmen – bevorzugt solche, die sich nicht den Vertretern der »westlichen Wertegemeinschaft« unterordnen: Russland, China, Kuba et cetera. Sie bedienen sich einer schamlos asymmetrischen Beurteilungsweise, wenn sie plötzlich den Balken, den sie im eigenen Auge ungerührt mit sich herumtragen, im Auge der anderen zu sehen vermuten.

Für wen veranstalten Sie den Kongress?

Der Kongress richtet sich an Sozialwissenschaftler der verschiedensten Fachrichtungen, sowohl praktisch arbeitende als auch in der Forschung und Lehre tätige. Ebenso an Studierende und Ausbildungskandidaten in der Psychologie, die sich kritisch mit ihrer Profession und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung auseinandersetzen. Aus diesem Spektrum haben wir auch die Referenten gewonnen, sie sind Experten in ihren Bereichen und renommierte Kollegen.

Welche Konflikte machen Ihnen derzeit am meisten Sorge?

Ob im Nahen Osten oder in der Ukraine: An den Lunten der Pulverfässer drängeln sich viele Brandstifter.

Klaus-Jürgen Bruder ist Dozent im Wissenschaftsbereich Psychologie der Freien Universität Berlin und im Vorstand der »Neuen Gesellschaft für Psychologie« (NGfP)

ngfp.de

Debatte

  • Beitrag von Dieter R. aus N. (15. Januar 2019 um 08:13 Uhr)
    Was oder wer ist Intellektuelle/r? Wikipedia vertritt diese Definition: »Der Intellektuelle analysiert, hinterfragt und kritisiert in öffentlichen Auseinandersetzungen und Diskursen gesellschaftliche Vorgänge, um deren Entwicklung zu beeinflussen.« (Dementsprechend müsste man wohl zumindest alle jW-Leser als Intellektuelle betrachten.) Aber eigentlich handelt es sich lediglich um eine elitäre, arrogante, sich selbst maßlos überschätzende Gruppe, die ihren Alleinanspruch auf Intelligenz permanent in die Welt posaunt. Wie dünn dieser aufgetragene Lack ist, zeigen die vielen jämmerlichen Vertreter dieser Spezies in Politik und Medien.
    • Beitrag von Klaus-Jürgen B. aus B. (16. Januar 2019 um 14:13 Uhr)
      ich habe hier auch eine schöne Definition gefunden:

      http://www.rp-online.de/politik/deutschland/die-leisen-vordenker-aid-1.6508927

      beste Grüße Klaus-Jürgen Bruder

      Berlin

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