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Aus: Ausgabe vom 15.01.2019, Seite 12 / Thema
Antihumanitäre Interventionen

Übrig bleiben Totenstädte

Die verschleierte Brutalität des Krieges der US-Allianz in Syrien und Irak
Von Joachim Guilliard
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Bei dem rund neunmonatigen Feldzug (Oktober 2016 bis Juli 2017) irakischer Truppen im Verbund mit einer US-geführten Militärallianz gegen den Islamischen Staat kamen in Mossul etwa 90.000 Menschen ums Leben, circa 40 Prozent infolge der Luftangriffe. 80 Prozent aller Gebäude im Westteil der Stadt wurden zerstört

Seit mehr als vier Jahren führt eine Allianz aus NATO-Staaten, Aus­tralien und arabischen Monarchien mit den USA an der Spitze in Syrien und im Irak Krieg, ohne dass dieser in der westlichen Öffentlichkeit als solcher wahrgenommen würde. In scharfem Gegensatz dazu wurde das russische Eingreifen an der Seite der syrischen Armee 2015 von Beginn an als brutaler Krieg gegen die gesamte Bevölkerung betroffener Gebiete angeprangert. Dabei standen die unter den Gegnern dominierenden dschihadistischen Gruppen dem »Islamischen Staat« (IS oder arabisch despektierlich »Daesch« abgekürzt), gegen den sich der Krieg der US-Allianz offiziell richtet, an Brutalität und rückständiger Ideologie kaum nach.

Mehr als 100.000 Bomben und Raketen haben die Luftwaffen der USA und ihrer Verbündeten bis Juli 2018 auf rund 30.000 Ziele in Syrien und Irak abgeworfen.1 Dennoch erscheinen die Angriffe auf Hochburgen des Daesch und andere Ziele in den westlichen Medien weniger als Kriegshandlungen denn vielmehr als Polizeiaktionen mit Luftwaffenunterstützung, als alternativlose Einsätze, um die »bösen Buben« auszuschalten. Tatsächlich sind sie jedoch, wie Untersuchungen der Offensiven auf Mossul und Rakka auf der einen und Ostaleppo und Ostghuta auf der anderen Seite zeigen, verheerender als die Maßnahmen von syrisch-russischer Seite.

»Death in the city«

Während im Westen das von den beteiligten NATO-Streitkräften vermittelte Bild eines sauberen, präzise gegen den Daesch gerichteten und nahezu ohne zivile Opfer bleibenden Krieges unhinterfragt übernommen wird, wurde der syrischen und russischen Luftwaffe von Anfang an eine rücksichtslose Kriegführung vorgeworfen, die sich auch massiv gegen die Zivilbevölkerung richten soll. Insbesondere wurden die Angriffe zur Befreiung Ostaleppos von den westlichen Regierungen scharf verurteilt. Der britische Vertreter im UN-Sicherheitsrat warf der russischen Führung vor, in Aleppo »eine neue Hölle entfesselt« zu haben, und der damalige deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier klagte, »die Bilder aus Aleppo« seien »an Grausamkeit kaum zu überbieten«.

In regelrechten Kampagnen wurde vor allem der Einsatz einfacher, ungelenkter Bomben sowie primitiver »Fassbomben« angeprangert, da diese durch ihre mangelnde Zielgenauigkeit per se »wahllos« im Sinne des Kriegsrechts seien, d. h. nicht überwiegend ein militärisches Ziel träfen. Die Sprecher der US-Allianz wurden nicht müde, zur Verteidigung ihrer Kriegführung immer wieder auf die Ungenauigkeit der russischen Waffensysteme hinzuweisen und die wesentlich höhere Präzision ihrer eigenen als Beleg für ihre Anstrengungen, Kollateralschäden zu minimieren, hervorzuheben.

Da »die Russen« sich »nicht dieselben Restriktionen auferlegen«, hätten sie, behauptete z. B. der britische Luftwaffenkommandeur Johnny Stringer bei einer Anhörung des Verteidigungsausschuss des britischen Parlaments, in Orten wie Aleppo zu 90 Prozent ungelenkte Waffen aus mittlerer Höhe eingesetzt, aus der sie ihre Ziele meist um Dutzende Meter verfehlen mussten. Er selbst und seine Kollegen aber wollten sich, so Stringer, am Ende des Tages noch in die Augen schauen können.²

Unabhängig davon, ob die Vorwürfe gegen Russland und Syrien tatsächlich zutreffen, erweist sich das Gerede von der Rücksicht auf Unbeteiligte als reine Propaganda. So zeigt eine Studie der britischen Initiative »Airwars« zu den Luftkriegen in Syrien und im Irak, dass die höhere Präzision der NATO-Waffen beim Einsatz in dicht besiedelten Schlachtfeldern keineswegs geringere zivile Schäden und weniger Opfer garantiert.3 Die Analyse der Beobachtergruppe, die tägliche Berichte über Luftangriffe, eingesetzte Munition und zivile Opfer in den beiden Ländern auswertet, deutet vielmehr darauf hin, dass diese Waffen insgesamt sogar zu noch größeren Zerstörungen und mehr Toten unter Unbeteiligten führen. Aufgrund des größeren Vertrauens in deren Treffsicherheit seien die Militärs, so der Verdacht, häufiger bereit, Explosionswaffen mit großer Sprengkraft in bevölkerungsreichen Stadtvierteln einzusetzen.

Die verdienstvolle Initiative bemüht sich um Objektivität, übernimmt jedoch beim Blick auf den Krieg in Syrien zum großen Teil die westliche Sichtweise. So wird das militärische Eingreifen Russlands in Syrien generell wesentlich kritischer gesehen als das der NATO-Staaten. Während »Airwars« auch Informationen syrischer oppositioneller Quellen wie des Syrian Network for Human Rights, des Violation Documentation Center (VDC) und der berüchtigten »Weißhelme« verwertet, werden andere Quellen wie beispielsweise russische und iranische Medien nicht berücksichtigt. Nur dort gemeldete Opfer finden daher keinen Eingang in ihre Datenbank, auch nicht unter der Kategorie »schwach belegt«.

Infolge der Auswahl der Quellen liegt der Prozentsatz der von »Airwars« erfassten Opfer bei Angriffen der US-Allianz vermutlich deutlich niedriger als bei syrischen und russischen Attacken. Dennoch kommt die Initiative in ihrer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass die Angriffe der russischen Luftwaffe in Aleppo und Ostghuta nicht mehr zivile Opfer gefordert haben als die der Allianz. Setzt man die Zahl der Opfer jeweils in Beziehung zur Zahl der Angriffe und der Menge und Sprengkraft der eingesetzte Munition, zeigt sich in allen Fällen eindeutig, dass die Höhe der dabei getöteten Zivilisten hauptsächlich von der Intensität des Bombardements und der Bevölkerungsdichte im Zielgebiet abhängt.

»Einkreisen und auslöschen«

Überraschend ist dieses Ergebnis nicht. Eine Zielgenauigkeit von zehn Metern kann bei Bomben mit 500 Kilogramm Sprengstoff und mehr nicht schonend wirken, wenn sie auf eng bebaute Viertel wie die Altstadt von Mossul abgeworfen werden und jede Bombe mehrere Gebäude zum Einsturz bringen kann. Was nützt die beste Zielgenauigkeit, wenn keine Informationen vorliegen, wo sich wie viele Zivilisten aufhalten? Mit Luftaufklärung allein, auf die sich die US-Allianz nahezu ausschließlich stützen musste, lässt sich ein militärisches Ziel nicht zweifelsfrei ausmachen und noch weniger die Zahl der Menschen, die sich in diesen oder in angrenzenden Gebäuden aufhalten – selbst wenn dies den Zielplanern tatsächlich wichtig gewesen wäre.

Daran bestehen jedoch starke Zweifel. Um die Verluste der eigenen Seite zu minimieren, waren bereits unter US-Präsident Barack Obama die Einsatzregeln für die US-Luftwaffe gelockert worden. Die Entscheidung über Luftangriffe wurde mehr und mehr lokalen Kommandeuren übertragen. Diese konnten nun schon Bombardierungen anfordern, wenn aus einem Gebäude auf sie gefeuert wurde.4 Ihre Gegner wechselten jedoch ständig ihre Positionen, bewegten sich über Hinterhöfe und Mauerdurchbrüche zwischen den Häusern. In einem der wenigen vom Pentagon zugegebenen Fälle wurden beispielsweise am 17. März 2017 bis zu 200 Menschen getötet, als ein gegen Scharfschützen angeforderter Luftangriff das Gebäude, in dessen Keller sie sich geflüchtet hatten, über ihnen einstürzen ließ.5

Die Trump-Regierung eskalierte im Mai 2017 die rücksichtslose Kriegführung noch weiter, indem sie das »Einkreisen und Auslöschen« des Daesch als neue Taktik anordnete. Die Rückkehr der in seinen Reihen kämpfenden Ausländer in die USA oder nach Europa sollte durch das Töten möglichst vieler Dschihadisten vor Ort verhindert werden, ein Anliegen, das die europäischen Verbündeten durchaus teilen.

Es ist daher dreist, wenn Sprecher der US-Streitkräfte behaupten, aufgrund der hohen Präzision ihrer Angriffe habe die Vertreibung des Daesch aus Rakka nur wenige zivile Opfer gefordert. Diese Darstellung wurde von westlichen Medien kritiklos wiedergegeben, obwohl sie, wie eine zweiwöchige Recherche von Amnesty International (AI) vor Ort zeigt, leicht zu widerlegen war. Das Team von AI untersuchte anhand des Schicksals von vier Großfamilien exemplarisch die tödlichen Folgen der »präzisen« Angriffe. Es überschrieb seinen Bericht mit »›Vernichtungskrieg‹: Verheerender Blutzoll für die Zivilbevölkerung«.

Am eindringlichsten beschreibt der Fall der Familie Badran das Grauen, das die verbliebene Bevölkerung in der einst 400.000 Einwohner zählenden Stadt erleiden musste. 39 Familienmitglieder und zehn Nachbarn waren durch vier verschiedene Luftangriffe auf die Gebäude getötet worden, in denen sie Schutz gesucht hatten, »als sie von Ort zu Ort flohen, verzweifelt bemüht, den sich schnell verlagernden Frontlinien auszuweichen«. Die anderen drei Familien hatten 42 Todesopfer zu beklagen. Keines der getroffenen Gebäude hatte übereinstimmenden Zeugenaussagen zufolge zu diesem Zeitpunkt Kämpfer beherbergt, nichts an ihnen ließ sie als militärisches Ziel erscheinen.6 »Airwars« zählte insgesamt 1.300 sichere und 3.200 mögliche zivile Opfer der US-Angriffe. Die tatsächliche Zahl ist, so auch die Initiative selbst, sicherlich wesentlich größer.

Ein Sprecher der Allianz gestand zudem gegenüber dem britischen Independent ein, dass »die Kosten für die Befreiung von Rakka sehr hoch seien«, beharrte aber darauf, dass es keine Alternative gegeben habe, da man Daesch nicht erlauben könne, die Bürger von Rakka weiter zu ermorden, zu foltern, zu vergewaltigen und auszuplündern.7 Niemand hat jedoch die Bewohner der Stadt gefragt, ob sie bereit waren, einen solchen Preis zu zahlen, und es wurden keine anderen Wege geprüft, die Dschihadisten zu schwächen und zurückzudrängen.

Zwanzigtausend tote Zivilisten

Auch beim Sturm auf Mossul liegen Selbstdarstellung und Wahrheit weit auseinander. Konfrontiert mit Berichten über zivile Opfer der US-Allianz, verstieg sich US-Verteidigungsminister James Mattis im August 2017 kurz nach der Rückeroberung Mossuls zur Behauptung, es habe noch »kein Militär in der Weltgeschichte« gegeben, »das mehr Wert darauf gelegt« habe, »zivile Opfer und den Tod von Unschuldigen auf dem Schlachtfeld zu begrenzen.«8

326 zivile Opfer durch eigene Angriffe räumt die US-Allianz hier mittlerweile selbst ein. »Airwars« registrierte 4.000, einer Studie vor Ort zufolge waren es jedoch noch wesentlich mehr. Durch die Auswertung der Meldungen von Medien, Krankenhäusern und lokalen Beobachtern, wie es »Airwars« macht, kann man stets nur einen Teil der Getöteten erfassen. Dieser ist umso geringer, je heftiger die Kämpfe sind. Meist werden, wie die IPPNW-Studie »›Body Count‹ – Opferzahlen nach zehn Jahren ›Krieg gegen den Terror‹« zeigt, in Kriegssituationen nur ein Achtel bis ein Zwölftel registriert.9

Realistischere Schätzungen ergeben sich durch Mortalitätsstudien mittels repräsentativer Umfragen vor Ort. Eine solche wurde in Mossul durchgeführt und im Mai 2018 in der renommierten Fachzeitschrift PLOS Medicine veröffentlicht.10 Demnach kamen ungefähr jeder achte Bewohner und jede vierzehnte Bewohnerin infolge des neunmonatigen Feldzugs ums Leben. Die Gesamtzahl der Getöteten liegt in einer Größenordnung von 90.000, darunter 33.000 Frauen und Mädchen. Ungefähr vierzig Prozent der Toten starben den Angaben der befragten Überlebenden zufolge bei Luftangriffen. Da die meisten Frauen und vermutlich eine ebenso große Zahl von Männern keine Kämpferinnen bzw. Kämpfer waren, ist davon auszugehen, dass die Luftwaffen der USA, Frankreichs und Großbritannien, die – unterstützt von der Bundeswehr – fast alle Angriffe flogen, für den Tod von mindestens 20.000 Zivilisten verantwortlich sind.11

Neben der völligen Rücksichtlosigkeit der Angriffe waren auch fehlende Fluchtmöglichkeiten für die hohe Zahl von Opfern mitverantwortlich. Während sich das syrische und russische Militär stets um Fluchtkorridore bemühte, hatte die US-geführte Allianz Flugblätter über Mossul abgeworfen, in denen die Bevölkerung zum Bleiben aufgefordert wurde. Von der Außenwelt durch die Front der angreifenden Bodentruppen abgeriegelt und bedroht vom Daesch blieben so bis zum Schluss Hunderttausende eingeschlossen. Zu Beginn der Offensive lebte in Westmossul vermutlich noch eine Million Menschen, mit Sicherheit aber waren es mehr als 800.000. Den Daten der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zufolge hatten bis Mitte Juni erst knapp 400.000 Menschen die Stadt verlassen, viele wohl erst, nachdem ihre Viertel von Regierungstruppen eingenommen worden waren. Weitere 400.000 konnten erst in den allerletzten Tagen dem Inferno entrinnen.12

Verheerender als Ostaleppo

Obwohl auch in Ostaleppo die dschihadistischen Milizen die Flucht der Zivilbevölkerung aus den von ihnen kontrollierten Vierteln mit Gewalt zu verhindern suchten, befanden sich dort zu Beginn der Offensive nach Schätzungen der UNO noch 250.000 von ursprünglich mehr als einer Million Bewohner.13 Am Ende waren es noch knapp 90.000. 36.000 von ihnen ließen sich schließlich mit den Kämpfern evakuieren.14 Allein dadurch, dass die meisten Bewohner das Kampfgebiet rasch verlassen konnten, blieb die Zahl der Opfer deutlich geringer als in Mossul oder Rakka.

Selbstverständlich forderte auch der Einsatz schwerer Waffen gegen Ziele in städtischen Gebieten durch die syrischen und russischen Streitkräfte eine hohe Zahl von Opfern. Da in Aleppo und anderen zurückeroberten Städten keine Mortalitätsstudien wie in Mossul durchgeführt wurden, gibt es keine realistischen und miteinander vergleichbaren Schätzungen über die Opfer der dortigen Offensiven. »Airwars« gibt für Ostaleppo und Ostghuta nur die Zahl der Angriffe an, die Russland zugeschrieben werden. Im November 2016 zählte die Initiative 215 russische Angriffe, bei denen vermutlich mehr als 1.000 Zivilisten getötet wurden, ungefähr zwei Drittel davon in Aleppo.

Besser vergleichbar ist der Grad der Zerstörung. Dieser zeigt deutlich, dass die Feldzüge der US-geführten Koalition wesentlich verheerender waren als die der syrischen und russischen Streitkräfte. In Westmossul und Rakka übersteigt das Ausmaß an Zerstörung nach übereinstimmenden Einschätzungen von UN-Missionen, Menschenrechtsorganisationen und Journalisten alles, was seit dem Vietnamkrieg bekannt ist. Im Westen Mossuls wurden nahezu 80 Prozent aller Gebäude zerstört oder schwer beschädigt. Videoaufnahmen und Fotos zeigen westlich des Tigris eine einzige Trümmerlandschaft. Moskau und Damaskus werden oft beschuldigt, Krankenhäuser angegriffen zu haben. Nach Angaben irakischer Behörden wurden in Mossul auch 80 Prozent der medizinischen Einrichtungen der Stadt von Luftangriffen zerstört.

Die Verwüstungen in Rakka werden sogar als noch umfassender eingeschätzt. UN-Vertretern zufolge hat die Rückeroberung 80 Prozent der gesamten, einst 400.000 Einwohner zählenden Stadt unbewohnbar gemacht. Die Zerstörungen, die die USA, Großbritannien und Frankreich Rakka zugefügt haben, seien »die schlimmsten seit Jahrzehnten«, so Amnesty International.15 »Wenn Bomben eingesetzt werden, die groß genug sind, um ganze Gebäude zu zerstören, sowie Artilleriewaffen mit großflächiger Wirkung sind jegliche Behauptungen, zivile Verluste minimiert zu haben, unhaltbar«, so Donatella Rovera, Krisenbeauftragte bei AI.16

Ostaleppo erlitt im Zuge seiner Befreiung ebenfalls großflächige Verwüstungen, jedoch bei weitem nicht in dem Ausmaß wie Mossul und Rakka. Nach Einschätzung der UNESCO waren nach Ende der vier Jahre andauernden Kämpfe 60 Prozent der Altstadt, durch die die Front verlief, schwer beschädigt und bis zu 30 Prozent völlig zerstört. Ein erheblicher Teil der Schäden war allerdings bereits im Sommer 2012 beim Eindringen der islamistischen Milizen entstanden. Entgegen der gängigen Version haben in Aleppo nicht Luftangriffe, sondern Straßenkämpfe die meisten Schäden verursacht. Den Beobachtungen des schwedischen Konfliktforschers Jan Oberg zufolge, der die befreiten Gebiete nach Abzug der Milizen in Augenschein nahm, gingen höchstens zehn Prozent der Zerstörungen auf das Konto von Luftangriffen.17

Auch der französische Militärhistoriker Michel Goya kommt in seinem im September 2017 in der französischen Zeitung Le Monde veröffentlichten Vergleich zum Ergebnis, dass das Vorgehen der russischen Streitkräfte effektiver und schonender für die Zivilbevölkerung gewesen sei als das der US-Allianz.18 Der syrischen und russischen Führung war es stets gelungen, durch Verhandlungen Entscheidungsschlachten in urbanen Zentren bis zum letzten gegnerischen Kämpfer zu vermeiden. So boten sie allen Straffreiheit an, die bereit waren, ihre Waffen abzugeben, und freien Abzug für die, die nicht aufgeben wollten. Von seiten der US-Allianz gab es hingegen keine entsprechenden Anstrengungen bzw. in Rakka erst sehr spät – mit den zu erwartenden Folgen.

Der Wiederaufbau Ostaleppos geht trotz knapper Ressourcen des kriegsgebeutelten Landes und einer umfassenden Handels- und Wirtschaftsblockade durch die westlichen Staaten voran. Das Ende der Kämpfe hat bis Dezember 2017 bereits rund 500.000 aus Aleppo geflohene Einwohner zur Rückkehr bewegt. Mehr als 300.000 wechselten auch wieder in den Ostteil.

Die Lage in Mossul hingegen sieht nach wie vor düster aus. Etwas mehr als die Hälfte der Flüchtlinge ist zurückgekehrt, die meisten drängen sich im nicht so stark verwüsteten Ostteil der Stadt. Der Westen sei immer noch »fast eine Totenstadt«, so der aus Mossul stammende Dominikanerpater Michael Najeeb. »Da findet man kaum ein Haus, das noch aufrecht stünde.«19 »Auch ein Jahr nach der Befreiung ist Mossul kein Ort zum Leben«, berichtete Oxfam im Juli 2018, als die Hilfsorganisation begann, die Rückkehrer mit fließendem Wasser zu versorgen.20

Interesse vor Rücksichtnahme

Die breite Akzeptanz des Krieges der US-Allianz in Syrien und Irak, an dem die Bundesrepublik aktiv beteiligt ist, bis in die Linke hinein beruht zum guten Teil darauf, dass ein massives militärisches Vorgehen gegen den Daesch als alternativlos angesehen wird. Doch kann das grausame Agieren der Dschihadisten keinesfalls eine derart brutale und rücksichtslose Kriegführung unter Missachtung der syrischen Souveränität rechtfertigen. Diese und die Weigerung, mit Damaskus und dessen Verbündeten gemeinsam vorzugehen, zeigen vielmehr, dass dabei andere Ziele im Mittelpunkt standen als die Ausschaltung einer Terrororganisation.

Die syrischen Streitkräfte und ihre russischen Verbündeten, die es mit Gegnern zu tun haben, die von außen ausgerüstet und unterstützt werden, haben kaum Alternativen zu einem militärischen Vorgehen, wollen sie das Land aus den Händen von Al-Qaida und Co. befreien und den Vertriebenen die Rückkehr ermöglichen.

Der »Islamische Staat« jedoch ist ein Produkt der US-amerikanischen Kriegspolitik und konnte nur im Zuge der Umsturzbemühungen der NATO und ihrer arabischen Verbündeten in Syrien derart erstarken. Er konnte sich nur deshalb solange halten, weil er – auch nachdem er vom nützlichen Werkzeug gegen Damaskus schließlich zum Gegner des Westens geworden war – weiterhin Unterstützung – direkt oder indirekt – aus den arabischen Golfmonarchien und der Türkei erhielt. Es hätte daher nahegelegen, ihn zunächst durch effektives Abschneiden vom Nachschub auszutrocknen. Durch politische Zugeständnisse hätten in Mossul gute Chancen bestanden, dass sich die mehrheitlich sunnitische Bevölkerung gegen die Dschihadisten gewandt hätte.

Vor keiner der Offensiven gegen die vom Daesch kontrollierten Städte wurden jedoch Alternativen zur »Befreiung durch Zerstörung« auch nur diskutiert. Den Angehörigen der US-geführten »Anti-IS-Allianz« ging es offensichtlich nicht um das Los der unter der Herrschaft der Dschihadisten leidenden Bevölkerung. Im Vordergrund stand zunächst der Schutz der westlichen Staaten vor den fanatischen Kämpfern, vor allem aber verfolgten sie geopolitische Ziele wie die Ausweitung der eigenen militärischen Präsenz und des Einflusses in den beiden Ländern, die Zurückdrängung anderer regionaler Kräfte, die Besetzung syrischen Territoriums, die Einflussnahme auf Kriegsverlauf und Friedensverhandlungen.

Während die russische Unterstützung der syrischen Streitkräfte im Einklang mit dem internationalen Recht steht, führen die NATO-Staaten ihren Luftkrieg in Syrien völkerrechtswidrig und im Irak an der Seite eines von schiitischen Islamisten dominierten Regimes, das die USA im Zuge der Besatzung installiert hatten. Die Art und Weise der Kriegführung entspreche, sagt der schwedische Konfliktforscher Jan Oberg, einer »kolonialen Mentalität«, die »an Rassismus grenzt«. Die »unglaubliche Brutalität der westlichen Politik« wird jedoch, so der Direktor der »Transnationalen Stiftung für Frieden und Zukunftsforschung«, »bequem versteckt, vernachlässigt oder vergessen«.21

Anmerkungen

1 Islamic State has survived 100.000 bombs and missiles and is still active, The Conversation, 6.7.2018

2 UK Military Operations in Mosul and Raqqa – Oral evidence – Major-General Jones, Air Vice-Marshal Johnny Stringer, HC 999, Defence Committee, 15.5.2018

3 Death in the city: High levels of civilian harm in modern urban warfare from explosive weapons, Airwars.org, Mai 2018

4 New rules allow more civilian casualties in air war against ISIL, USA Today, 19.4.2016

5 U. S. Investigating Mosul Strikes Said to Have Killed up to 200 Civilians, NYT, 24.3.2017, The west condemned Russia’s bombs – now coalition attacks are killing civilians in Mosul, Guardian, 25.3.2017

6 ›War of annihilation‹: Devastating Toll on Civilians, Raqqa – Syria, Amnesty International, 5.6.2018
7 Syria war: Amnesty asks public to help track civilian casualties of US-led bombing in Raqqa, Independent, 21.11.2018

8 Zitiert nach: Death in the city: High levels of civilian harm in modern urban warfare from explosive weapons, Airwars.org, Mai 2018.

9 »Body Count« ‒ Opferzahlen nach zehn Jahren »Krieg gegen den Terror«, IPPNW, September 2015

10 Riyadh Lafta, Maha A. Al-Nuaimi, Gilbert Burnham: Injury and death during the ISIS occupation of Mosul and its liberation: Results from a 40-cluster household survey, PLOS, 15.5.2018

11 Ausführlich erläutert in: Mossul ein Jahr nach der »Befreiung«, Ossietzky 18/2018, 15.9.2018

12 Mosul Crisis Report Population movements analysis: Displacement Tracking Matrix – DTM, IOM-Iraq Mission, July 2017, Iraq – Complex Emergency Fact Sheet No. 1, Fiscal Year 2018, US Agency for International Development, 3.11.2017

13 Eastern Aleppo under al-Assad, Irin News, 12.4.2017, The fall of eastern Aleppo, Irin News, 13.12.2016

14 Syrian Arab Republic: Aleppo Situation Report No. 13, UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs OCHA, 12.1.2017

15 US, UK and France »inflicted worst destruction in decades on Raqqa«, report claims, Independent, 5.6.2018

16 Donatella Rovera and Benjamin Walsby: »Precision« airstrikes kill civilians. In Raqqa we saw the devastation for ourselves, Guardian, 5.6.2018

17 Jan Oberg: The destruction of Eastern Aleppo, Syria December 2016, 25.12.2016

18 Thomas Pany: Syrien: Warum das russische Militär erfolgreicher vorgeht als die US-Koalition, Telepolis, 14.9.2017

19 Irak: Düstere Aussichten für das »befreite« Mossul, Vatican News, 9.7.2018

20 Irak: Auch ein Jahr nach der Befreiung ist Mossul kein Ort zum Leben, Oxfam, 9.7.2018

21 Jan Oberg in seiner Einführung zur Artikelserie von Farhang Jahanpour, Regime Change: Not Iran Too! An educational series on regime change in the Middle East, Transnational Foundation for Peace and Future Research (TFF), 17.8.2018

Joachim Guilliard schrieb an dieser Stelle zuletzt am 22. Juni 2018 über den Irak nach den Wahlen.

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