Gegründet 1947 Mittwoch, 20. März 2019, Nr. 67
Die junge Welt wird von 2173 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 14.01.2019, Seite 16 / Sport
Tennis

Ein würdiger Abgang

Ein Kontinent killt seine Tennistradition, und Andy Murray macht Schluss. Heute beginnen die 50. Australian Open
Von Peer Schmitt
Australian_Open_Tenn_59937336.jpg
Nach Wimbeldon war’s das: Andy Murray Hüfte spielt nicht mehr mit

Während in Spanien vorige Woche 28 anonyme Tennisprofis wegen Verdachts auf Wettbetrug in Zusammenarbeit mit einer armenischen kriminellen Organisation von der Polizei festgenommen wurden, beginnen davon mehr oder weniger unberührt heute in Melbourne die 50. Australian Open. Die Tradition des Turniers geht weit zurück, bis ins Jahr 1905. Vor 1969 hatte es allerdings diverse Namen und Austragungsorte, den Status eines Majors erhielt das Turnier 1924, seit 1988 wird es im Melbourne Park ausgetragen.

Unter den vier Majors waren die Australian Open lange Zeit der nicht ganz für voll genommene Nachzügler. Dies hat sich nachhaltig geändert. Der Profitenniszirkus scheint sich nur noch um die vier mittlerweile gleichberechtigten Majors zu drehen. Für den regulären Tourkalender der Association of Tennis Professionals (ATP) und der Women’s Tennis Association (WTA) kann das langfristig keine guten Folgen haben.

In diesem Zusammenhang muss es wohl gesehen werden, dass der australische Tennisverband Tennis Australia und die ATP beschlossen haben, die Traditionen der australischen Tennissaison zu zerstören. Betroffen sind freilich nicht die Open selbst, sondern »lediglich« die Vorbereitungsturniere in den beiden Vorwochen, insbesondere die WTA-Turniere. Ebenfalls betroffen ist die inoffizielle Mixed-WM, der Hopman Cup in Perth, der in der ersten Januarwoche mit dem Finalsieg des Schweizer Teams mit Belinda Bencic und Roger Federer über das deutsche mit Angelique Kerber und Alexander Zverev wohl seine vorläufig letzte Ausgabe erlebt haben wird.

Denn ab der kommenden Saison 2020 wird das Vorfeld der Australian Open so gut wie gänzlich von der Wiederauflage des ATP Cup bestimmt werden, der über zwei Wochen in Brisbane, Perth und in Sydney stattfinden soll. Da bleibt wenig Spielraum für anderes. Umziehen muss daher das WTA »Premier«-Turnier, welches bislang in Sydney stattfand – es ist weiterhin ungeklärt, wohin. Dabei hat es eine längere Tradition als die Australian Open, die bis ins Jahr 1885 zurückreicht. Die voraussichtlich letzte Ausgabe gewann Petra Kvitova im spektakulären Finale am vergangenen Samstag gegen Lokalmatadorin Ashleigh Barty mit 1:6, 7:5, 7:6. Die Tschechin gewann das Turnier nach 2015 zum zweiten Mal. Für Barty wiederum war es nach der Niederlage im vorigen Jahr gegen Angelique Kerber die zweite Finalniederlage in Sydney in Folge. Sie sah dabei lange Zeit wie die sichere Siegerin aus, gewann den ersten Satz kinderleicht gegen eine von ihrem Halbfinale gegen Aljaksandra Sasnowitsch deutlich gezeichnete Kvitova und führte auch im dritten bereits 3:0. Vergeblich. Kvitova litt schon unter Krämpfen, schlug aber im abschließenden Tie Break einen Gewinnschlag nach dem anderen.

Das letzte WTA-Finale von Sydney hatte sich als würdig erwiesen, Barty und Kvitova spielten ein überragendes Turnier. Was aber nicht heißt, dass sich ihre Chancen in Melbourne verbessert hätten. Im Gegenteil. Insbesondere für Kvitova könnte es ein Pyrrhussieg sein. Die letzte Spielerin, die sowohl Sydney als auch die Australian Open hintereinander gewinnen konnte war 2012 Wiktoryja Asaranka.

Bei diesen Australian Open haben insgesamt elf (!) Spielerinnen zumindest die rechnerische Chance, Weltranglistenerste zu werden, darunter auch Kvitova. Sie spielt heute ihre erste Runde gegen Magdalena Rybarikova, im Anschluss an die Erstrundenpartie von Roberto Bautista Agut gegen keinen Geringeren als Andy Murray. Der hat direkt vor Turnierbeginn die ATP-Welt mit der Ankündigung erschüttert, noch dieses Jahr bis spätestens Wimbledon vom aktiven Sport zurückzutreten. Der Grund: die chronischen Schmerzen durch seine andauernde Hüftverletzung.

Mehr aus: Sport