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Aus: Ausgabe vom 14.01.2019, Seite 5 / Inland
Unzuverlässiger Mobilitätsgarant

Pünktlich wie die Bahn

Zu spät, zu teuer? Selbst ein Minister mäkelt am Staatskonzern herum. Der verspricht Besserung. Bis 2025
Von Gerrit Hoekman
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Bahnhofsuhr in Potsdam: Die Zeit wird exakt angezeigt. Doch wo bleibt der Zug?

Die Deutsche Bahn AG hält es offenbar mit Oscar Wilde: »Pünktlichkeit stiehlt uns die beste Zeit«. Ein Viertel ihrer Fernzüge kam im vergangenen Jahr zu spät, 25,1 Prozent, um genau zu sein. Das ist im Vergleich zu 2017 ein »Plus« von 3,6 Prozent, wie die Nachrichtenagentur Reuters bereits am Donnerstag meldete.

Die Bahn geht mit der Einhaltung des Fahrplans ohnehin recht locker um: Erst wenn ein Zug mehr als sechs Minuten über der Ankunftszeit in den Bahnhof einläuft, wird er in der Konzernstatistik als verspätet geführt. »Zugausfälle werden in dieser Statistik nicht berücksichtigt«, schreibt Reuters. Angesichts der ernüchternden Zahlen verschob der staatseigene Konzern sein ehrgeiziges Ziel, eine Pünktlichkeitsquote von 82 Prozent zu erreichen, auf das Jahr 2025 – Visionen werden gebraucht.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat das Thema als recht populär entdeckt. Und will nicht so lange warten, sagt er. Er fordert Konsequenzen bereits im ersten Halbjahr 2019. »Es muss sich insgesamt für die Kunden spürbar etwas verbessern – und zwar zügig«, zitierte die britische Agentur am Freitag einen Sprecher des Ministeriums.

Scheuer trifft sich voraussichtlich am morgigen Dienstag mit dem Bahn-Vorstand um dessen Chef Richard Lutz. Der Minister erwarte konkrete Vorschläge, so der Sprecher. Einer könnte sein: Ex-Kanzleramtschef Ronald Pofalla (damals CDU-Politiker, heuer Vorstandsmitglied einer staatseigenen AG), der bei der Bahn inzwischen für die Infrastruktur zuständig ist, übernimmt das Krisenmanagement. Das meldete Bild am Sonntag und wollte offenbar alle Bahnnutzer erschrecken.

»Kurzfristig helfen unter anderem mehr Personal sowie ein besseres Baustellen- und Fahrzeugmanagement«, sagte Lutz der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Mittel- und langfristig benötige die Konzernführung aber nach eigenen Angaben Investitionen in Milliardenhöhe, berichtete Reuters. Zu wenige Waggons und Lokomotiven und ein an vielen Stellen marodes Schienennetz – die Probleme sind seit dem Kahlschlag unter Supermanager Hartmut Mehdorn bekannt, der den Konzern von 1999 bis 2009 »modernisierte«.

Bei aller berechtigten Kritik sollte nicht vergessen werden: Der Zugverkehr ist anfällig für extreme Wetterlagen. Ein kräftiger Sturm kann den Fahrplan durcheinanderwirbeln, wenn Bäume auf die Gleise stürzen. Meterhohe Schneeverwehungen wie jetzt in Süddeutschland, sind nicht gerade förderlich für die Pünktlichkeit.

Mag sein, dass das Unternehmen viele zur Weißglut treibt. Dennoch wird es gebraucht: Die Zahl der Fahrgäste steigt seit Jahren. »2018 dürften es um die 150 Millionen Reisende gewesen sein«, so Reuters. Und das trotz überfüllter Abteile, stetig steigender Preise, eines Dschungels an Tarifen und notorischen Zuspätkommens. Die Folge des Booms: Die großen Bahnhöfe stoßen an die Grenze ihrer Kapazität. Bahnsteige sind oft so voll, dass Reisende beim Umsteigen die Anschlusszüge verpassen.

Verbesserungsvorschläge gibt es auch: So fordert der Dachverband der Träger des regionalen Bahnverkehrs (BAG-SPNV) laut dpa, die Bahn möge für mehr Platz sorgen, indem »als kurzfristige Maßnahmen Kioske und Automaten auf Bahnsteigen entfernt werden, die das Ein-, Aus- und Umsteigen behindern«. Auch sollten Infotafeln nicht direkt vor den Treppen installiert werden, weil sich sonst »die Reisenden dort stauen«.

Mit einem »Deutschlandtakt« will die Bahn in den nächsten Jahren Schritt für Schritt die Anschlusszeiten verbessern. Das Projekt soll 2030 abgeschlossen sein. Langes Warten beim Umsteigen werde es dann nicht mehr geben. Die entsprechenden Züge dürften aber keinesfalls gleichzeitig in den Bahnhöfen ankommen und abfahren, warnt die BAG-SPVN, sonst entstehe Chaos.

Der Konzern meint, er habe das Problem im Blick: Alleine in Nordrhein-Westfalen würden im Moment Hamm und Dortmund erneuert, demnächst komme Duisburg dran. Münster hat bereits einen schicken neuen Bahnhof. Auch die kleinen Stationen gehen nicht leer aus: In Ennepetal wird der Bahnsteig verlängert, und Eschweiler erhält endlich einen Aufzug.

Manchmal gestaltet sich der Um- oder Neubau besonders schwierig, weil umliegende Grundstücke nicht der Bahn gehören, wie dpa meldete. Und beim Hauptbahnhof in Hamburg müsse das Unternehmen darauf Rücksicht nehmen, dass es sich um ein historisches Gebäude handelt.

Dennoch ist der Konzern mächtig stolz auf seine Projekte. Auf Youtube zeigt das Unternehmen im Zeitraffer die Rekonstruktion des legendären Bahnhofs von Bad Kleinen. Untermalt ist das Video mit dramatischer Musik, die sich auch gut für ein Filmepos über den Bau des »Drei-Schluchten-Staudamms« eignen würde.

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