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Aus: Ausgabe vom 14.01.2019, Seite 4 / Inland
Intervention gegen Symbolpolitik

Realitätsverweigerung an der Elbe

Zahl der Obdachlosen in Hamburg verdoppelt: Senat duckt sich weg
Von Kristian Stemmler
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Obdachlose sitzen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt zwischen Decken und Matratzen unter einer Brücke an der Helgoländer Allee in Hamburg (9.11.2016)

Mit wenig Elan versucht Hamburgs »rot-grüner« Senat seit Jahren, die wachsende Obdach- und Wohnungslosigkeit in den Griff zu bekommen – jetzt platzte den für das Thema Zuständigen bei den Hamburger Wohlfahrtsverbänden der Kragen. »Der Senat darf sich nicht länger vor den Problemen wegducken«, erklärte Stephan Nagel vom Diakonischen Werk am Freitag bei einer Pressekonferenz der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (AGFW). Das »Klein-Klein« müsse ein Ende haben, der Senat müsse »endlich Geld in die Hand nehmen«, um die Zahl der Obdachlosen zu reduzieren.

Auslöser der Kritik ist ein vom Senat am Mittwoch vorgelegter Bericht, der auf knapp 200 Seiten die Ergebnisse einer Befragung der Obdachlosen im März 2018 zusammenfasst. Was Experten lange vermuten, hat die Untersuchung bestätigt: Die Zahl der auf der Straße lebenden Menschen hat sich seit der letzten Befragung 2009 von 1.029 auf 1.910 Personen fast verdoppelt. Zwei Drittel der Obdachlosen haben keine deutsche Staatsangehörigkeit, damit hat sich das Verhältnis zwischen einheimischen und ausländischen Obdachlosen seit 2009 nahezu umgekehrt.

Auch die Zahl der Wohnungslosen – Menschen, die keine eigene Wohnung, aber eine Unterkunft haben – hat sich erhöht: um 78 Prozent auf 5.210. Mit den 15.524 »wohnberechtigten Zuwanderern« gebe es in Hamburg 22.644 Menschen ohne Wohnung. Christine Tügel vom Paritätischen Wohlfahrtsverband verwies darauf, dass laut Untersuchung 71 Prozent der nichtdeutschen Obdachlosen nach Hamburg gekommen sind, um Arbeit zu suchen. Nur 1,5 Prozent hätten sich staatliche Unterstützung erhofft. Tügel: »Das räumt mit dem Vorurteil auf, die kämen nur wegen der sozialen Hängematte.«

In einer Stellungnahme übte die AGFW massive Kritik an der Sozialbehörde. Bei den Obdachlosen sei von einer höheren Dunkelziffer als 2009 auszugehen – wegen »organisatorischer Mängel« der Befragung. So hätten Dolmetscher gefehlt, Fragebögen seien nicht rechtzeitig angekommen, Interviewer nicht zur vereinbarten Zeit erschienen. In einer Arbeitsgruppe, mit der man die Befragung begleitet habe, sei es nicht gelungen, so AGFW-Geschäftsführerin Sandra Berkling, einen »fachlichen Konsens« herzustellen. Die Schlussfolgerungen, »die die Behörde zu formulieren bereit war«, seien »weit hinter dem Notwendigen zurückgeblieben«. Darum lege man eigene Vorschläge vor.

Der Schlüssel für die Bekämpfung von Obdach- und Wohnungslosigkeit liege in einem besseren Zugang zu erschwinglichem Wohnraum, heißt es in der Stellungnahme. Dabei spiele der städtische Konzern SAGA eine zentrale Rolle.

Ein Beispiel für Realitätsverweigerung lieferte Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD). Sie nahm die geringfügige Abnahme der deutschen Obdachlosen zum Anlass, dem Hamburger Abendblatt am Freitag mitzuteilen: »Unsere jahrelange Präventionsarbeit und die vielen unternommenen Anstrengungen greifen.« Das Problem seien vor allem die aus Osteuropa zugewanderten Obdachlosen.

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