Gegründet 1947 Mittwoch, 20. März 2019, Nr. 67
Die junge Welt wird von 2173 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 12.01.2019, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Die regenschweren Straßen

Wo bleibt die große Brinkmann-Biographie? Markus Fauser hat einen guten Anfang gemacht
Von Gerhard Henschel
S 11.jpg
»Immer fehlte etwas« (Rolf Dieter Brinkmann 1957)

Nur wenige deutsche Schriftsteller der Nachkriegszeit ziehen über ihren Tod hinaus noch so viel Interesse auf sich wie Rolf Dieter Brinkmann, der 1975 im Alter von 35 Jahren in London von einem Auto angefahren worden und an den Folgen des Unfalls gestorben ist. Aber vielleicht sollte man hier eher von Faszination sprechen als von Interesse. Schon als Twen hatte ihn die Aura eines Genies umgeben. Er sei »ein untersetzter Gesinnungsunrasierter mit schlaksigem Mundwerk«, schrieb der Spiegel 1968, als Brinkmanns Romandebüt »Keiner weiß mehr« gerade Furore machte; und als kurz nach seinem frühen Tod der Gedichtband »Westwärts 1 & 2« (1975) erschien, dem Jahre des Schweigens vorausgegangen waren, erwies sich plötzlich fast die gesamte übrige lyrische Produktion seiner Zeitgenossen als Makulatur. Allein Ror Wolfs, Ernst Jandls, Paul Celans und Peter Rühmkorfs Gedichte und die in einer anderen Liga spielenden humoristischen Verse von Robert Gernhardt und F. W. Bernstein konnten daneben bestehen, aber gewiss nicht mehr die poetische Hausmannskost aus den Backstuben der Traditionspfleger und auch nicht die Buchstabengebilde der Avantgardisten, die über ihren selbstgenügsamen Sprachspielen das Leben und die Leser aus den Augen verloren hatten.

In den Werken aus seinem Nachlass – »Rom, Blicke« (1979), »Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand« (1987) und »Schnitte« (1988) – zeigte sich Brinkmann noch einmal als zorniger junger Mann und zugleich als desillusionierter Innenweltreporter. Seine Hasskaskaden luden jeden jungen Leser, der mit der Welt zerfallen war, zur Identifikation ein, und Brinkmanns Unfalltod wirkte wie eine Beglaubigung: War er nicht ein Frühvollendeter, so wie James Dean, Jim Morrison und Brian Jones? Oder wie Georg Trakl, Georg Büchner und Heinrich von Kleist?

Wenn Brinkmann noch lebte, ginge er jetzt auf die Achtzig zu. Ein greiser Brinkmann, überhäuft mit Literaturpreisen und womöglich noch ausgestattet mit dem Bundesverdienstkreuz und der Ehrenbürgerschaft seines Heimatorts Vechta – das ist schwer vorstellbar. Ihn erfüllte zeitlebens der Abscheu vor den »stinkenden Great Old Ones«, und wahrscheinlich macht ihn gerade diese Radikalität so anziehend, dass Jahr für Jahr neue Bücher über sein Leben und sein Werk erscheinen und sein Nachruhm wächst.

Der Germanist Markus Fauser, der an der Universität Vechta die »Arbeitsstelle Rolf Dieter Brinkmann« leitet, hat jetzt einen besonders schönen Band veröffentlicht: »Rolf Dieter Brinkmanns Fifties«, eine biographische Tiefenbohrung in der südoldenburgischen Provinz. Zutage befördert hat Fauser frühe Liebesgedichte Brinkmanns, ein Poesiealbum, Fotos, Ansichtskarten und andere Dokumente aus der Jugend des Autors, er hat Weggefährten befragt und die Zeitzeugnisse sachkundig kommentiert und literaturhistorisch eingeordnet. In den fünfziger Jahren war Brinkmann natürlich noch nicht flügge: Auf den Bildern, die sich erhalten haben, ist er als ein altersgemäß ungelenker und etwas täppischer Jüngling zu erkennen, der sich in nichts von seinen halbstarken Mitschülern unterscheidet, aber einige der schriftlichen Spuren, die er hinterlassen hat, deuten schon auf seine späteren Geniestreiche hin. Manches liest man nicht ohne Beklemmung. »Als ich erfuhr, dass Du fort seiest«, schrieb Brinkmann im März 1957 an eine heimlich von ihm verehrte junge Frau, »war es ein Tag, über den der Regen ging. Ich bin am Nachmittag durch die regenschweren, schmutzigen Straßen Vechtas gegangen, unruhig, ziellos. Du warst fort.« Damit stimmte er einen Ton an, der für ihn lebensbeherrschend werden sollte: Nirgendwo fühlte er sich zugehörig, immer fehlte etwas, und die Welt präsentierte sich ihm stets von ihrer hässlichsten Seite.

Man kann Fausers Buch aber auch unabhängig von Brinkmanns persönlichem Werdegang als Studie über das Jungsein in einer niedersächsischen Kleinstadt in den fünfziger Jahren lesen. Und wenn man es noch nicht wusste, wird einem dabei schlagartig klar, wie gut es war, dass eines Tages der Rock ’n’ Roll über diese Einöde hereinbrach.

Was immer noch fehlt, ist eine große Rolf-Dieter-Brinkmann-Biographie. Markus Fauser hat einen soliden Grundstein dafür gelegt.

Markus Fauser: Rolf Dieter Brinkmanns Fifties. Unterwegs in der literarischen Provinz, Aisthesis-Verlag. Bielefeld 2018, 116 Seiten, 19,80 Euro

Mehr aus: Feuilleton