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Aus: Ausgabe vom 12.01.2019, Seite 5 / Inland
Wandel der Arbeitswelt

Fortschritt für wen?

Gewerkschaftstagung diskutiert, wie Digitalisierung Gesellschaft dienen kann. Verdi-Vorsitzender Frank Bsirske appelliert an Politik
Von Susanne Knütter
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Technologie nützt dem Menschen. Aber im Kapitalismus steigert sie meist den Ausbeutungsgrad. Assistenzroboter EDAN des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (Garmisch-Partenkirchen, 7.5.2018)

Starker Schneefall lohnt sich für private Räumdienste nicht. Das sei eine Lehre gewesen, die man während des schneereichen Winters im Jahr 2010 ziehen konnte, sagte der Vorsitzende der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) Frank Bsirske am Donnerstag bei der Eröffnung der Tagung »Dienstleistungen im Umbruch«. Einige Kommunen haben damals die privaten Dienstleister an ihre Aufträge erinnern müssen. Doch die, so Bsirske, erklärten, sie hätten die Beschäftigten bei Einbruch dieses überdurchschnittlich starken Winters fristlos entlassen. Als Grund hätten sie angegeben, dass sich der kräftige Niederschlag für die Unternehmen geschäftlich nicht gelohnt habe.

In seiner Einleitungsrede für die zweitägige Tagung, die von der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) und Verdi ausgerichtet wurde und sich insbesondere den Veränderungen im Dienstleistungsbereich infolge der Digitalisierung widmete, warnte Bsirske davor, den Weg der letzten Jahre fortzusetzen. Menschen gelten als Marktteilnehmer, Erwerbslose als Kunden; öffentliche Dienstleistungen wurden dereguliert. Und während der Finanzkrise habe sich gezeigt, dass die Verluste sozialisiert werden. Es gebe zwar eine »schwarze Null«, zugleich aber einen enormen Investitionsstau. Am 3. Januar hatte der Deutsche Städte- und Gemeindebund verkündet, dass sich der Rückstand in den Kommunen inzwischen auf 159 Milliarden Euro belaufe. Wenn der Weg der Kostensenkungen unter dem Motto »mehr Staat statt Markt« fortgesetzt werde, würde die Qualität vieler Dienstleistungen gefährdet werden.

Studien des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gehen zwar davon aus, dass die Digitalisierung bis zum Jahr 2035 nur geringe Auswirkungen auf das Gesamtniveau der Beschäftigung haben werde. Dennoch werde sie große Umbrüche bei den Arbeitsplätzen mit sich bringen. Bis zum Jahr 2035 würden laut Modellrechnungen aufgrund der Digitalisierung rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze abgebaut sein. Angeblich sollen annähernd genauso viele neue Arbeitsplätze entstehen. Die Digitalisierung verändert Branchen wie Handel, Logistik und die Finanzwirtschaft. Der Wandel betrifft aber auch den wachsenden Bereich sozialer und gesundheitsbezogener Dienstleistungen.

Vor diesem Hintergrund, so der Verdi-Vorsitzende, müsse der Staat »als legitimierte Steuerungsinstanz« deutlicher eingreifen. Außerdem dürfe die Gestaltung der Dienstleistungen nicht nur zu einem Anhängsel der Technologieentwicklung gemacht werden. Der Gewerkschafter appellierte, die technologischen Entwicklungen zu nutzen, »um qualitativ hochwertige, für alle zugängliche und verlässliche Dienstleistungen mit ›Guter Arbeit‹ zu schaffen«. Dafür müsse aber der Staat mehr Verantwortung übernehmen. »Denn sowenig, wie der Markt von alleine Dienstleistungen für das Gemeinwohl hervorbringt, sowenig führt er automatisch zu technologischen und sozialen Innovationen für gute Dienstleistungen und gute Arbeit«, so Bsirske.

Über allem steht die Frage: Sollte der Nutzen technologischer Potentiale dem Markt und den Eigentümern zuteilwerden oder sollte der Fortschritt in den Dienst der Gesellschaft gestellt werden? Werden beispielsweise frei werdende Kapazitäten eingesetzt, um Dienstleistungen zu verbessern? Oder wird die Digitalisierung in erster Linie genutzt, um Arbeit weiter zu verdichten? In seinem Vortrag forderte Bsirske »eine aktive Dienstleistungspolitik« und intensivere Erforschung der Digitalisierung im Dienstleistungsbereich.

In der anschließenden Diskussion wurde angedeutet, dass es neben Appellen an die Politik vor allem gewerkschaftliche Aufgabe sein könne, sich selbst zu Akteuren der Digitalisierung zu machen. Umschulungen seien möglich, sollten allerdings die beruflichen Interessen der Lohnabhängigen berücksichtigen und hingen im wesentlichen von guten Arbeitsbedingungen und höheren Löhnen ab. Das wird nur gelingen, wenn die Beschäftigten sich dafür einsetzen – hier sind die Gewerkschaften gefragt.

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