Aus: Ausgabe vom 09.01.2019, Seite 16 / Sport

Mörderische Boca-Welt

Von André Dahlmeyer
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An der Spitze: Gustavo Alfaro will mit Boca einiges erreichen

Einen wunderschönen guten Morgen! Der 56jährige Gustavo Julio Alfaro ist neuer Trainer des argentinischen Fußballmeisters Boca Juniors und ersetzt ab sofort eines der größten Klubidole der Xeneizes, Guillermo Barros Schelotto, der nach den verlorenen Copa-Libertadores-Finals gegen den Erzrivalen River Plate wie erwartet keinen neuen Vertrag bekommen hatte.

Für Klubpräsident Daniel Angelici ist Alfaro, der zuletzt erfolgreich den Erstligisten und Hauptstadtverein Club Atlético Huracán trainierte, genau der richtige Mann. Sein Profil passe zu Boca. Das wird sich jedoch erst noch erweisen müssen. Die Boca-Welt ist mörderisch und Alfaro nichts Vergleichbares gewöhnt. Indes, seine Fußballkonzepte sind klar und verständlich.

Alfaros Trainerkarriere ist lang. Auch als Kommentator verdingt sich der gebürtige Santafesino seit langem regelmäßig in zahlreichen lateinamerikanischen Medien, vor allem aber bei der kolumbianischen Caracol Televisión. Diesem Nebenerwerb wird er bei den Juniors wohl kaum nachgehen dürfen. Als Spieler ist er nicht in Erinnerung geblieben: Er kickte Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre bei Atlético Rafaela im Mittelfeld, kam jedoch kaum über einhundert Spiele hinaus. Als Trainer machte er sich einen Namen als Spezialist für kleine Klubs. 2002 hievte er Olimpo aus Bahía Blanca (etwa 700 Kilometer südlich von Buenos Aires gelegen) in die Primera División. Ein Jahr darauf gelang Alfaro der Aufstieg mit Quilmes aus dem Süden der Hauptstadt. Sein Team spielte anschließend in der ersten Liga so stark auf, dass es sich auf Anhieb für die Copa Sudamericana und die Copa Libertadores qualifizieren konnte – die beste Performance eines Erstligaaufsteigers in Argentinien aller Zeiten.

Neben einem Sternschnuppengastspiel beim saudi-arabischen Klub Al-Ahli dirigierte Gustavo Alfaro nur argentinische Klubs. Der einzige große war Mitte 2005 San Lorenzo de Almagro. Die Funktionäre spurten zunächst und zogen Verstärkungen an Land. Der spätere Vizeweltmeister Ezequiel Lavezzi, der damals noch nicht den Spitznamen »Sexsymbol« trug, konnte nach einer ökonomischen Anstrengung gehalten werden (San Lorenzo kaufte dessen Pass), Napoli musste noch warten. Doch nach starkem Beginn kassierten Alfaros Sanlorencistas historische Niederlagen: 1:5 gegen River Plate, 0:5 gegen Banfield und 1:4 gegen Colón (der erste Sieg Colóns bei San Lorenzo nach 27 Jahren). Ein einziges Desaster. Nie hatte San Lorenzo auswärts so oft verloren. Kein anderes Team kassierte mehr Gegentore (rund zwei pro Spiel).

Die größten Erfolge als Trainer feierte Alfaro mit Arsenal de Sarandi, dem Klub des Grondona-Klans. Eine Copa Sudamericana (2007), eine Meisterschaft (2012), eine Supercopa (2012) und ein argentinischer Pokalerfolg (2013) stehen dort zu Buche.

Möglicherweise sind die Erwartungen bei Boca dennoch zu hoch. Julio Falcioni, noch so ein Trainer kleiner Klubs, wurde mit Boca 2011 ungeschlagen Meister und führte den Verein in die Finals der Copa Libertadores gegen Corinthians. Doch die Fans verliebten sich nie in ihn, Falcioni musste nach schlechtem Start in die nächste Saison gehen – durch die Hintertür.


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