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Aus: Ausgabe vom 11.01.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

Kein Schmarrn

In den Vereinigten Arabischen Emiraten ist die erste Runde der Fußball-Asienmeisterschaft gespielt
Von Glenn Jäger
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Schön wetterfest: Bernd Stange (r.) und das syrische Team trotzen nicht nur der Witterung

In den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAR) ertönt die syrische Hymne und eine riesige, dazu passende Fahne wird entrollt. Schauplatz ist das Stadion von Schardscha, wo sich Syrien und Palästina letzten Sonntag beim Asien Cup friedlich 0:0 trennten. Politisch stehen die Zeichen ein wenig auf Entspannung, passend dazu eröffneten die VAR Ende Dezember ihre Botschaft in Damaskus wieder. Sie waren, wie andere Golfstaaten auch, nicht durchgekommen mit ihrer Regime-Change-Politik, mit der Unterstützung bewaffneter Banden. Gemessen am aggressiven Auftreten des Landes erscheint die Wahl der Emirate zum Gastgeber der Asienmeisterschaft unglücklich: Mit einer der schlagkräftigsten Armeen der Region war man zuletzt auf mehreren Kriegsschauplätzen präsent. Bei der Blockade gegen Katar zog man die Fäden. Mit Hilfe von Erik Prince, Gründer der US-Söldnerfirma Blackwater, baute man eine Eliteeinheit auf, die im Krieg gegen den Jemen agiert. Und doch ist in Kauf zu nehmen, dass die diesjährige Asienmeisterschaft rund um Dubai und Abu Dhabi ausgetragen wird. Denn kaum irgendwo sonst tut ein einendes Fußballfest mehr not als in dieser Region, zumal seit 2011 krisenbedingt keine Panarabischen Spiele mehr stattfinden. Noch bis zum 1. Februar geht es um den Pott, den nur eines von 24 Teams gewinnen kann.

Während sich die Gastgeber zum Auftakt gegen Bahrain mit einem 1:1 begnügen mussten, verbuchte Titelverteidiger Australien eine 0:1-Schlappe gegen Jordanien. Derweil konnte auch John-Patrick Strauß von Erzgebirge Aue das 0:1 der Philippinen gegen Südkorea nicht verhindern. China, die aufstrebende Fußballmacht Asiens, sowie Indien, der noch verkannte schlafende Riese des Kontinents, machten mit 2:1 gegen Kirgistan bzw. 4:1 gegen Thailand ihre Hausaufgaben. In Gruppe E nutzte Saudi-Arabien den faktischen Heimvorteil zu einem 4:0 über dezimierte Nordkoreaner (44. Min. Gelb-Rot für Han Kwang-Song), während Katar ein 2:0 gegen den Libanon eintütete. Die beiden verfehdeten Golfstaaten werden am kommenden Donnerstag die Klingen kreuzen.

Der Asien Cup ist auch das Turnier der Trainer. China verpflichtete Marcello Lippi, der als Coach mit Italien 2006 die WM gewonnen hatte. Andere holten Übungsleiter aus Argentinien, Deutschland, England, dem ehemaligen Jugoslawien, den Niederlanden, Portugal, Russland, Schweden, Spanien oder Tschechien. Bei Thailand musste Milovan Rajevac nach dem ersten Spiel bereits den Hut nehmen.

Das wird Bernd Stange kaum passieren. Der einstige Trainer der DDR-Auswahl (1983–88) steht seit Frühjahr 2018 bei Syrien an der Linie. Nach seiner Tätigkeit bei Hertha BSC 1991/92 musste er die Koffer packen. Plötzlich war von »IM Stange« die Rede. Bundesliga und Stasi, das passte nicht. Nach kurzer Station beim VfB Leipzig folgten weitere in der Ferne, darunter jene als Nationaltrainer im kriegsgeschüttelten Irak, anfangs noch unter Saddam Hussein. Wegen dieser »Wetterfestigkeit«, wie er sagt, habe man ihn in Syrien ausgewählt.

In einer vergleichbaren Situation wie die arabische Republik ist nur der sensationell qualifizierte Jemen (Auftakt: 0:5 gegen Iran). Dort wurden 2016 zwei Spieler kurz vor einem Auswärtsspiel erschossen. Danach habe man in einem »Gefühl der Einheit«, über die Lager innerhalb des Teams hinweg, in der Quali mit 2:0 gegen die Malediven gewonnen. »Etwas wirklich Wunderbares«, so der damalige Nationalspieler Achmed Abdulrab (Neues Deutschland, 18.5.2018).

Für Coach Stange übertreffen die syrischen Fans alles, was er bisher an »Leidenschaft für ein Land erlebt« habe. Länderspiele gab es zuletzt nur auswärts, doch kürzlich hatte man »ein öffentliches Training, da kamen 15.000«. Ob es Spieler gebe, die aus politischen Gründen nicht auflaufen? »Nein. Alle Spieler, die ich eingeladen habe, sind gekommen. Es gibt viele dumme Geschichten. Es wird viel Schmarrn geschrieben«, sagte der 70jährige der Luzerner Zeitung. Anfang Januar machte das Magazin der Süddeutschen Zeitung mit acht Seiten zu Bernd Stange und Syrien auf. Genüsslich wird zitiert, wie der Coach die Nummer vier anfeuert: »Dschihad«, so heißt er nun mal, »be aggressive«. Garniert ist der Beitrag mit den üblichen Ausfällen. Die Frage, ob man dort »überhaupt arbeiten« dürfe, wird noch überboten von einer Pointe zum Eigentum am Fußball: »Das Regime hat ihn besetzt, so wie den Rest des Landes auch.« Wie bitte? Das »Regime« hat das eigene Land besetzt? Und was war mit den von Golf- und NATO-Staaten geförderten Dschihadisten? Besetzen, befreien – vertrackt aber auch. Stange selbst äußert seine Meinung bewusst nicht. Er könnte sich in Talkshows setzen und erzählen, doch er wolle sich nicht »auf das politische Glatteis führen« lassen. Es scheint sich für ihn ein Kreis zu schließen: Trainer eines Landes zu sein, das man im Westen nicht anerkennen will.

Nach dem gestrigen 0:2 gegen Jordanien geht es für Syrien kommenden Dienstag gegen Australien schon um alles. Mit den Aussies hat man eh noch eine Rechnung offen: Im Oktober 2017 haute man in der WM-Quali in der 120. Minute einen Freistoß nur an den Pfosten und verpasste so das Ticket nach Russland. Nun möchte Stange »den Leuten nach dem jahrelangen Leiden ein Lächeln ins Gesicht zaubern«. Nie könnte dabei die Erfahrung seines Assistenztrainers wertvoller gewesen sein: Bei der WM 1974 stand Harald Irmscher für die DDR beim 1:0 gegen die BRD auf dem Platz.

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