Aus: Ausgabe vom 11.01.2019, Seite 7 / Ausland

Keine Anhaltspunkte

Ägypten: Verschwundene deutsche Staatsbürger wohl in Gewahrsam. Grund der Verhaftung unklar

Von Sofian Philip Naceur, Kairo
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Der Internationale Flughafen in Kairo (Mai 2016)

Die zwei Deutschen, die im Dezember in Ägypten verschwunden sind und offenbar auch die ägyptische Staatsbürgerschaft besitzen, befinden sich in Gewahrsam der Behörden. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel und die ägyptische Internetzeitung Mada Masr hatten bereits am Mittwoch mit Verweis auf Angaben des Auswärtigen Amtes und des Vaters des am 27. Dezember an der Passkontrolle des Kairoer Flughafens verschwundenen 23jährigen Mahmoud Abdel Aziz berichtet, dass dieser von den Behörden festgehalten werde. Er solle aus der Haft entlassen und in die Bundesrepublik abgeschoben werden, wenn er seine ägyptische Staatsbürgerschaft ablege, habe die deutsche Botschaft in Kairo seiner Familie mitgeteilt, so Mada Masr.

Abdel Aziz, der im saudischen Medina Islamwissenschaften studiert, war zusammen mit seinem Bruder nach Ägypten eingereist, um die Großeltern in Kairo zu besuchen, wurde jedoch an der Passkontrolle von ägyptischen Grenzbeamten aufgehalten. Während sein Bruder problemlos ins Land einreisen konnte, wurde Abdel Aziz offenbar noch am Flughafen vom Staatssicherheitsdienst, Ägyptens gefürchtetem Inlandsgeheimdienst, aus bisher ungeklärten Gründen verhaftet.

Auch der am 17. Dezember in Luxor verschwundene Isa Al-Sabbagh ist am Leben und wurde offenbar verhaftet. Der 18jährige Schüler, der in Gießen sein Abitur macht und ebenfalls seine Großeltern in Kairo besuchen wollte, war mittags am Flughafen der Touristenhochburg Luxor im Süden Ägyptens gelandet und wollte noch am selben Abend nach Kairo weiterfliegen. Isas Vater Mohammed Al-Sabbagh bestätigt gegenüber jW, dass er erst gestern von der deutschen Botschaft in Kairo darüber informiert wurde, dass sein Sohn in Haft sitze.

Seit dessen Verschwinden vor über drei Wochen ist dies das erste Lebenszeichen von Isa. Anhaltspunkte, warum er verhaftet worden sein könnte, hat die Familie keine. Sie glaubt aber, es könne sich um eine Namensverwechselung handeln. Dies geschieht in Ägypten immer wieder und hat in den letzten Jahren mehrfach dazu geführt, dass Menschen verhaftet wurden. Auch die ungewöhnliche Reiseroute sei möglicherweise der Grund gewesen. »Vielleicht haben die Beamten nicht verstanden, warum mein Sohn nach Luxor geflogen ist und nicht direkt nach Kairo, denn unsere Familie kommt aus Kairo«, erklärte El-Sabbagh. Grund für diese ungewöhnliche Reiseroute sei schlichtweg der Preis gewesen. »In der Weihnachtszeit kostet ein Flug nach Kairo 700 Euro, der Flug nach Luxor aber weniger als 200 Euro«, so Al-Sabbagh.

Während sich die ägyptischen Behörden bisher in Schweigen hüllen, schließt Al-Sabbagh einen politischen Hintergrund kategorisch aus. Isa habe mit Politik nichts zu tun. »Er ist jung, in dem Alter beschäftigt man sich nicht mit Politik. Er hat sich für Fußball interessiert.«

Verdächtige verschwinden zu lassen ist nichts Ungewöhnliches unter dem Regime des ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah Al-Sisi. Polizei- und Geheimdienstbehörden lassen dabei nicht nur gezielt Oppositionelle, Journalisten und Menschenrechtler verschleppen, sondern auch immer wieder Menschen, die sich weder politisch geäußert noch anderweitig aufgefallen sind. Ein noch so geringer Anfangsverdacht reicht aus, um verhaftet zu werden. Seit Al-Sisis faktischer Machtübernahme 2013 wurden auf diese Weise Tausende Menschen verschleppt. Die meisten davon tauchten jedoch nach einigen Tagen oder Wochen in Polizeistationen, Gefängnissen oder bei Gerichtsprozessen wieder auf. Seit 2015 seien zudem mindestens zwölf Minderjährige auf diese Art und Weise verschwunden, wie die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erst im Dezember berichtete. Für die Bundesregierung ist der Fall der beiden verschwundenen Deutschen pikant, bildet die Bundespolizei doch im Zuge ihrer »Migrationskooperation« mit Ägypten auch die Grenzpolizei aus – und zwar auch am Flughafen in Kairo.


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