Aus: Ausgabe vom 10.01.2019, Seite 5 / Inland

Spahn verschärft Mangel

Fachleute beklagen Tausende fehlende Psychotherapeuten in Deutschland. Gesetzentwurf des Gesundheitsministers beschränkt Einstieg in Beruf

Von Ralf Wurzbacher
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Von seinen Ideen überzeugt: Jens Spahn (CDU, Berlin, 30.11.2018)

Dieser Bundesgesundheitsminister scheut keine steilen Thesen. »Mehr Psychotherapeuten schaffen mehr Nachfrage«, meint Jens Spahn (CDU) und will das durch eine Studie der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg bewiesen wissen. Die allerdings kennt jene fragliche Expertise nicht und stellte Mitte Dezember gegenüber dem ZDF klar: »Dass sich die Nachfrage nach Psychotherapie durch ein höheres Angebot erhöht, bestreiten wir.« Noch deutlicher wurde der Augsburger Gesundheitsökonom Robert Nuscheler, für den die Berechnung »überhaupt keinen Sinn« ergebe.

Für Spahn schon, denn beim Hausieren für die eigene Politik muss die Wahrheit offenbar auch mal hinten anstehen. Zu der gehört, dass bundesweit ein erheblicher Mangel an Psychotherapeuten besteht. Als Folge einer veralteten Bedarfsplanung aus dem Jahr 1999 fehlen laut Bundespsychotherapeutenkammer (BPTK) inzwischen rund 7.000 von den gesetzlichen Krankenkassen zugelassene Fachkräfte. Mediziner verzeichnen seit Jahren einen dramatischen Zuwachs bei den psychischen Erkrankungen, bedingt vor allem durch die Zumutungen der »modernen« Arbeitswelt. Laut Deutscher Rentenversicherung sind Leiden wie etwa Depressionen, Angst- und Belastungsstörungen inzwischen der häufigste Grund für Erwerbsminderungsrenten, seit 1993 hätten die Fallzahlen um 80 Prozent zugelegt.

Nach einer Umfrage der BPTK von vor einem Jahr müssen Betroffene im Schnitt 20 Wochen auf den Start ihrer ambulanten Behandlung bei Kassentherapeuten warten. Zwar hätte sich die Lage mit der zum 1. April 2017 in Kraft getretenen jüngsten Strukturreform der Psychotherapieversorgung leicht entspannt. Seitdem können Menschen in psychischen Krisen – auch auf Vermittlung von Terminservicestellen – zumindest theoretisch schneller ein Erstgespräch mit einem Therapeuten führen und in akuten Fällen rascher behandelt werden. Mitunter kann es allerdings, ähnlich zur übrigen praktizierenden Ärzteschaft, gerade in Ballungszentren vorkommen, dass Psychotherapeuten Erstgespräche gar nicht oder nur mit ungeheuer langer Wartezeit anbieten. So haben die Änderungen eben keine durchgreifende Verbesserung bewirkt und das Hauptproblem bleibt wie gehabt: Mehr Kassenplätze für Psychotherapeuten braucht das Land.

Aber nicht mit Jens Spahn. Ende vorheriger Woche wurden Pläne des Ministers für eine Reform der Ausbildung von Psychotherapeuten publik. Ein von seinem Haus erarbeiteter Gesetzentwurf sieht im Kern die Einführung eines eigenständigen Hochschulstudiengangs vor. Dieser soll sich aus einer dreijährigen Bachelor- und einer zweijährigen Masterphase zusammensetzen und bei erfolgreichem Abschluss die Approbation zum Psychotherapeuten bescheren. Bisher führt der Weg in den Beruf über ein Psychologiestudium, auf das eine mehrjährige kostenpflichtige Fachausbildung bei zumeist privaten Bildungsinstituten folgt. Auch die Zeit der stationären Fortbildung überbrücken die Betroffenen in der Regel auf eigene Rechnung.

Tatsächlich versprechen die Regierungspläne hier deutliche Erleichterungen. Laut Spahns Vorlage sollen die Anwärter »im Rahmen eines Angestelltenverhältnisses mit einer entsprechenden Vergütung tätig werden, wenn sie ihre stationäre Weiterbildung absolvieren«. Alles in allem werde der Zugang zum Beruf »einheitlicher, gerechter und noch attraktiver gestaltet werden«, heißt es weiter. Und als übergeordnetes Ziel wird formuliert, »eine qualifizierte, patientenorientierte, bedarfsgerechte und flächendeckende psychotherapeutische Versorgung (…) zur Verfügung zu stellen«.

Wilhelm Achelpöhler, Fachanwalt für Verwaltungsrecht und Spezialist für Hochschulrecht, traut den schönen Ankündigungen nicht. Im wesentlichen ginge es Spahn darum, »durch einen harten Numerus Clausus für den neuen Studiengang die Zahl der Psychotherapeuten zu steuern«, erklärte Achelpöhler am Mittwoch gegenüber junge Welt. Heute schlagen rund 70 Prozent aller Psychologiestudenten den Weg zum Psychotherapeuten ein. Das sei dem Minister zu viel, so Achelpöhler, »also schafft man einen eigenen Studiengang, der künftig das Nadelöhr für den Berufszugang bildet«. Das sei staatliche Bildungsplanung im Zeichen vermeintlicher Sparzwänge, bei der die Berufsfreiheit der Studierenden auf der Strecke bleibt, monierte der Jurist. »Bekanntlich kosten Psychotherapeuten Geld, belasten die Krankenkassen, erhöhen die Lohnnebenkosten und schädigen so angeblich den Standort Deutschland.« An einem solchen System könne man »schon irre werden«.

Tatsächlich bestätigt der Gesetzentwurf Achelpöhlers Darstellung. »Weiterhin dient die Ansiedlung des Studiums der Psychotherapie an Universitäten aber auch der kapazitären Beschränkung von Ausbildungsplätzen«, liest man darin und weiter: »Schon heute gibt es kapazitäre Überhänge bei der Verteilung von Kassensitzen.« Mit der Realität hat das freilich nichts gemein, so wenig wie diese Spahnsche These: »Wartezeiten sind dort am längsten, wo die meisten Psychotherapeuten sind.« Gemäß besagter BPTK-Erhebung gilt das exakte Gegenteil.


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