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Aus: Ausgabe vom 07.01.2019, Seite 2 / Ausland
Paris

Regierungsgebäude gestürmt

Blockaden und Brände: 50.000 »Gelbwesten« protestieren in ganz Frankreich
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Demonstranten in einer Tränengaswolke: Protest in Paris am Sonnabend

Anhänger der »Gelbwesten«-Bewegung haben bei neuerlichen Protesten in Paris das Ministeriumsgebäude von Regierungssprecher Benjamin Griveaux gestürmt. Mehrere Aktivisten durchbrachen am Sonnabend nachmittag mit einem Gabelstapler die Tür zum Innenhof des Gebäudes, teilte Griveaux mit. Im Innenhof hätten die Eindringlinge »zwei Autos zerstört, mehrere Fensterscheiben und dann sind sie wieder gegangen.« Landesweit kam es bei den wieder erstarkenden Protesten zehntausender »Gelbwesten« zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei. In ganz Frankreich beteiligten sich am achten Protestwochenende in Folge nach Angaben von Innenminister Christophe Castaner rund 50.000 Menschen an den Kundgebungen. Vor einer Woche waren 32.000 Aktivisten auf die Straße gegangen.

In Paris, wo sich etwa 3.500 Menschen an den Kundgebungen beteiligten, lieferten sich Demonstranten und Polizeikräfte gewaltsame Auseinandersetzungen. Aktivisten griffen nahe dem Rathaus Polizisten mit Steinen und Flaschen an. Auf dem Boulevard Saint-Germain wurden mehrere Roller, Mülleimer und ein Auto in Brand gesetzt. Auch am Sonntag versammelten sich mehrere hundert Anhängerinnen der »Gelbwesten« auf dem Bastille-Platz zu einer friedlichen Kundgebung. Die Frauen wollten nach der Gewalt vom Vortag ein »neues Bild« der Protestbewegung abgeben, hieß es.

In Rouen demonstrierten am Sonnabend rund 2.000 Menschen und zündeten Barrikaden an. Ein Demonstrant wurde verletzt, zwei Aktivisten wurden festgenommen. In Dijon griffen »Gelbwesten« eine Polizeiwache an und zerstörten die Absperrgitter um das Gebäude. Bei Zusammenstößen mit der Polizei seien zwei Sicherheitskräfte verletzt und 25 der Protestierenden festgenommen worden. In Bordeaux beteiligten sich 4.600 Menschen an einer Kundgebung. Fünf Polizisten wurden verletzt und elf Demonstranten festgenommen. In Toulouse wurden 22 Menschen festgenommen. Tausende »Gelbwesten« blockierten zudem die Autobahn A7 in Lyon.

Deutsche Politiker kommentierten die neuerlichen Proteste in Frankreich. Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt sagte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe, sie habe »kein Verständnis« für die Gewalt. Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) hält es für denkbar, dass sich auch in Deutschland eine Protestbewegung von Geringverdienern bildet. »Es gibt auch in Deutschland ein nicht zu unterschätzendes ›Gelbwesten‹-Potential«, sagte er der Bild am Sonntag. Die »Gelbwesten« setzen der Regierung von Staatschef Macron seit November schwer zu.

Ursprünglich hatte sich die Bewegung gegen hohe Spritpreise und die geplante Ökosteuer auf Diesel gerichtet. Später mischte sich in den Protest allgemeiner Unmut über die Politik der Regierung. Deren milliardenschweren Zugeständnisse, die unter anderem mehr Geld für Mindestlohnbezieher und Entlastungen für Rentner vorsehen, weisen die Demonstranten als ungenügend zurück. (AFP/jW)

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