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Aus: Ausgabe vom 05.01.2019, Seite 10 / Feuilleton
Journalismus

1.395 brutto – wenn’s gut läuft

Über die Lohnschreiberei im Kulturjournalismus sollte man sich keine Illusionen machen: Arbeitsalltag und Rahmenbedingungen, kleiner Grundkurs
Von Frank Schäfer
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Qualität ist alles: Wenn der Redakteur den Text noch aufwendig korrigieren oder gar umschreiben muss, fliegt man bald raus aus seinem Pool

»In finanzieller Hinsicht«, so hat die Schriftstellerin Eva Demski mal festgestellt, »ist das Schreiben ein so unbeschreiblich demütigender Beruf, dass die meisten Kollegen um ihr Einkommen ein großes Theater machen müssen. Es ist ein so verlogenes Thema, es wird Ihnen keiner die Wahrheit sagen.« Das ist genau die Erfahrung, die ich gemacht habe. Nicht von ungefähr existiert in Autorenkreisen ein regelrechter Hass auf unbedarfte Partygäste, Schülerzeitungsjournalisten oder Schwiegereltern, wenn sie irgendwann mit der Standardfrage rausrücken. »Kann man davon leben?« Die Abneigung ist natürlich nur deshalb so groß, weil diese Frage verdammt noch mal berechtigt ist.

Ich nenne mal Zahlen. 2014 (da gab es die letzte Erhebung meines Wissens) hat der Deutsche Journalistenverband (DJV) 1.350 Freischreiber nach ihren Einkünften befragt. Die freien Zeitungs- und Magazinjournalisten verdienten am wenigsten (von Onlinejournalisten wurde gleich ganz abgesehen, das waren Hobbyautoren für den DJV). Ihr Einkommen lag bei durchschnittlich 1.395 Euro monatlich. Brutto! Als ich einem befreundeten Kollegen die Zahl nannte, zog er die Augenbrauen hoch: »So viel?« Wie gesagt, das sind Durchschnittswerte! Nur mal zum Vergleich: Ein Facharzt verdient mindestens das fünffache, ein Metzger fast das Doppelte, der Lagerist zieht gleich.

Es gibt ein paar Strategien, um das Elend zu minimieren. Mein Rezept, ich will keinesfalls von Erfolgsrezept sprechen, heißt Diversifikation. Ich schreibe für sehr unterschiedliche Zeitungen und Zeitschriften: regelmäßig etwa für NZZ, Rolling Stone, Taz, Zeit online, junge Welt, unregelmäßig für noch ein paar andere. Ich sage das nicht nur, um anzugeben, das auch, vor allem aber, um zu zeigen, dass man sich breit aufstellen muss, und zwar sowohl inhaltlich-thematisch als auch formal. Das heißt, ich produziere nicht nur Kritiken, Interviews, Reportagen zum Thema Musik, sondern beackere das Thema Popkultur insgesamt, schreibe auch und vor allem über Literatur, über den Kulturbetrieb, gelegentlich sogar über Fußball (als Teil der populären Kultur). Nicht zu vergessen literarische Texte, also Satiren, Feuilletons, Glossen, aber eben auch Kurzgeschichten und alle zehn Jahre mal einen Roman.

Auch innerhalb des engeren Bereichs Musikjournalismus sollte man sich um eine gewisse Vielseitigkeit bemühen, so meine Erfahrung. Es ist zwar wichtig, ein gewisses Profil zu haben, damit die Redakteure wissen, was man kann. Aber letztlich muss man Allrounder sein. So kümmere ich mich zwar vornehmlich um härtere Gitarrenmusik, Heavy Metal vor allem. Aber wenn ein neues Album von Neil Young, Springsteen, U2 oder auch Funny van Dannen abgefrühstückt werden muss und die Redakteure das nicht so gern selbst machen wollen, wird man auch mal dafür gebucht. Tatsächlich treten Redakteure gelegentlich mit Artikelangeboten an mich heran. Ich habe zudem ein paar feste Verabredungen, etwa Kolumnen hier und dort, da braucht es dann keine weiteren Absprachen mehr. Man liefert pünktlich, und das war’s. Die meisten Aufträge generiere ich aber dadurch, dass ich selbst Akquise betreibe, mit anderen Worten: hausieren gehe. Ein Thema erscheint relevant, bestenfalls interessiert es einen sogar, also bietet man seinen assoziierten Publikationen einen entsprechenden Artikel an. Irgendein Redakteur findet dann schon Gefallen daran, bisweilen mehrere, dann schreibt man gleich zwei oder drei Artikel.

Bei der eigentlichen Produktion ist vor allem eine Qualität gefragt, und die ist durchaus wichtiger als solche Sekundärtugenden wie stilistische Brillanz, wie ich leider zugeben muss: nämlich Sorgfalt und Präzision. Wenn als Abgabetermin Mittwoch vormittag verabredet wurde, liefert man nicht erst um 13 Uhr. Und wenn 4.500 Zeichen Länge verlangt sind, haut man keine 5.000 raus. Der beste Freischreiber ist einer, der keine Mühe macht. Das heißt natürlich auch, dass gewisse Qualitätsstandards eingehalten werden müssen. Wenn der Redakteur den Text noch aufwendig korrigieren oder gar umschreiben muss, fliegt man bald raus aus seinem Pool.

Zweite Strategie, um monetär nicht völlig auf den Hund zu kommen: Man darf sich nicht zu schade sein für Mehrfachverwertungen. Dabei denke ich nicht in erster Linie an Dubletten, also die etwas halbseidene Methode, wortgleiche Texte verschiedenen Publikationen unterzujubeln (wird online sowieso immer schwieriger und gibt dann auch meistens Ärger, weil Magazine und Zeitungen einen Text natürlich exklusiv für sich beanspruchen). Ich meine vielmehr die Verwendung der eigenen Produktion in unterschiedlichen Medien. Mit anderen Worten, man schreibt ein paar Artikel zu einem Thema, und die bilden dann später die Grundlage für ein Buch. Oder andersherum versucht man, ein paar Kapitel eines Buches vorab auszukoppeln. Wenn das Buch dann erscheint, geht die Verwertungskette weiter. Man wird zu Lesungen, Vorträgen oder Podiumsdiskussionen eingeladen. Gilt dann vielleicht als Spezialist für ein bestimmtes Fachgebiet und bekommt somit weitere Aufträge von der Journaille. Und wenn es läuft, wie es soll, hat man am Ende des Monats 1.395 Euro verdient. Brutto! Fragen Sie also nie einen freien Kulturjournalisten, ob er davon leben kann!

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