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Aus: Ausgabe vom 03.01.2019, Seite 1 / Titel
Fahrer wollte »Ausländer töten«

Motiv: Rassismus

Haftbefehl wegen mehrfachen versuchten Mordes nach Fahrzeugattacken in Bottrop und Essen
Von Claudia Wangerin
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Einer der vier Tatorte: Der Berliner Platz in Bottrop am 1. Januar

Gegen den 50jährigen Mann, der in der Silvesternacht in Bottrop und Essen seinen Mercedes in mehrere Menschengruppen gefahren und dabei acht Personen zum Teil schwer verletzt hat, ist am Dienstag abend Haftbefehl erlassen worden – nach Angaben der Polizei in Münster wird ihm mehrfacher versuchter Mord vorgeworfen. Unter den Verletzten, die überwiegend aus Syrien und Afghanistan stammen, sind zwei Kinder und eine Jugendliche.

Videos, die auf Whats-App kursieren und vom Nachrichtenportal T-Online veröffentlicht wurden, zeigen, wie der Mercedes langsam auf eine Menschengruppe zufährt und plötzlich Gas gibt. Als Umstehende einer getroffenen Person aufhelfen wollen, setzt er in deren Richtung zurück. Ein weiteres Video zeigt das Auto, an anderer Stelle fahrend, von oben. Eine Person scheint auf der Motorhaube zu liegen.

Bereits am Dienstag war bekanntgeworden, dass sämtliche Opfer einen Migrationshintergrund haben. Der Festgenommene habe die eindeutige Absicht gehabt, Ausländer zu töten – das sei durch die Vernehmung klargeworden, hatte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) erklärt.

In Bottrop habe der Fahrer eine 46jährige Frau aus Syrien lebensgefährlich verletzt; sie sei durch eine Notoperation gerettet worden, teilte die Polizei am Mittwoch mit. Ihr 48 Jahre alter Ehemann und ihre zwei Töchter im Alter von 16 und 27 Jahren seien ebenfalls verletzt worden. Auch eine 29jährige Frau aus Afghanistan, ihr vierjähriger Sohn und ein zehnjähriges Mädchen aus Syrien seien mit dem Fahrzeug attackiert worden und mussten ärztlich behandelt werden. Kurz vor seiner Festnahme habe der Beschuldigte in Essen einen 34jährigen Mann mit türkischen Wurzeln angefahren und am Fuß verletzt, nachdem er dort zunächst versucht hatte, eine Gruppe wartender Fußgänger zu treffen. Sie hätten jedoch rechtzeitig ausweichen können.

Nach ersten Erkenntnissen der Polizei soll der 50jährige trotz seines klaren Feindbildes nicht zum organisierten Teil der extremen Rechten zählen. Die innenpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Irene Mihalic, von Beruf Polizeibeamtin, forderte am Mittwoch ihre Kollegen auf, diesbezüglich genau hinzuschauen. »Die schreckliche und wohl rassistisch motivierte Tat muss entschieden aufgeklärt werden«, sagte sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. »Zwar scheint der Fahrer eine psychiatrische Vorgeschichte zu haben. Aber es muss geklärt werden, ob er tatsächlich allein handelte oder ob es gegebenenfalls weitere Beteiligte oder Mitwisser gab.«

Unter Berufung auf die Ermittler hatte Spiegel online von einer schizophrenen Erkrankung des Mannes berichtet. Er sei mindestens einmal in eine geschlossene Einrichtung eingewiesen worden.

Sowohl eine Sprecherin der Bundesregierung als auch AfD-Chef Jörg Meuthen nannten die Fahrzeugattacken am Mittwoch in einem Atemzug mit Ermittlungen gegen vier Asylbewerber aus Syrien, Afghanistan und dem Iran wegen gefährlicher Körperverletzung. Ihnen wird vorgeworfen, am Samstag abend im bayerischen Amberg unvermittelt Passanten geschlagen zu haben.

Beides habe die Bundesregierung »mit Bestürzung zur Kenntnis genommen«, sagte deren Vizesprecherin Martina Fietz am Mittwoch in Berlin. Es gebe in Deutschland keinen Platz für »Extremismus und Intoleranz«, egal von welcher Seite. »Fremdenfeindliche und deutschenfeindliche Attacken – beides muss aufhören«, postete AfD-Chef Meuthen auf Facebook. Ein Betroffener aus Amberg war jedoch am Montag in Bild mit einem ganz anderen Hinweis zitiert worden: Die Asylbewerber hätten »einen von uns als ›Nigger‹« beschimpft.

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