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Aus: Ausgabe vom 02.01.2019, Seite 11 / Feuilleton
Dusan Deak

Doppelt hält auch nicht besser

Von Dusan Deak
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Korrekt ausgesprochen, betont der Doppelname eher das Trennende: Sabine Leutheusser minus Schnarrenberger

Zum Missvergnügen vieler Zeitgenossen verschwinden Doppelnachnamen aus dem öffentlichen Raum. Ein schützenswertes Kulturgut und wichtiger Bestandteil der Leitkultur droht auszusterben: Der Doppelfamilienname ist neben dem PC und dem sauberen VW-Diesel eine der wichtigsten Erfindungen der 80er.

Ohne eigenen Doppelnamen hat man sich damals kaum auf die Straße getraut. Heute gibt es nur noch wenige Schäfer und noch weniger Gümbel, die sich im Besitz eines stolzen Doppelfamiliennamens befinden.

Dabei verzückt der Klang charakteristischer Lautfolgen wie »Annegretkrampkarrenbauer« oder »Leutheusserschnarrenberger« das Publikum. In beiden Fällen erinnert die Aussprache entfernt an das Durchladen einer abschussbereiten Feldhaubitze, und so erfreuen sich diese Doppelnamen in Kreisen der Militaria-Sammler besonders großer Beliebtheit. Folgende Klarstellung ist an dieser Stelle angebracht: »Annegrettkrampkarrenbauer« gehört entgegen anderslautenden Behauptungen nicht zum Kreis der engeren Kandidaten bei der Wahl zum Unwort des Jahres 2018.

Möglicherweise liegt eine Ursache des Popularitätsschwunds in der anspruchsvollen mathematischen Bedeutung des Doppelnamens. Der Name Leutheusser-Schnarrenberger beispielsweise (korrekt ausgesprochen: Leutheusser minus Schnarrenberger) betont eher das Trennende einer Verbindung, was auf lange Sicht zu einer erhöhten Mutlosigkeit selbst bei dem tolerantesten Lebensabschnittspartner führen kann. Versuche, das Minuszeichen aus den Doppelnachnamen zu entfernen beziehungsweise durch Mal-, Durch- oder Pluszeichen zu ersetzen, sind bisher gescheitert. Genauso erging es Bemühungen, das Minus gegen einen Bruch- oder Schrägstrich auszutauschen.

In Zeiten der Generation PISA nimmt die Abneigung gegenüber mathematischen Themen kaum Wunder. Schon das kleine Einmaleins (ohne das Handy zu Hilfe zu nehmen) kann deutsche Schüler überfordern und ins Stottern bringen, von Bruchrechnen ganz zu schweigen.

Um Mehrfachnamen wenigstens teilweise zu retten, versuchen junge Eltern neuerdings, möglichst viele Vornamen aneinander zu reihen. Was in katholischen Regionen schon immer üblich war, geschieht jetzt überall. Ein weiterer Vorname, meistens der eines Heiligen, wird einfach dazwischen gehängt. Nicht selten bekommen bayerische Kinder beispielsweise den zweiten Vornamen Franz-Josef, zu Ehren des bayerischen Heiligen Franz Josef Strauß.

Nichtbayerische Kinder müssen sich mit Namen wie Jonas, Kentucky Fried Chicken-Cheyenne Müller begnügen oder heißen schlicht und einfach Paul, Big Tasty Bacon-Dakota Meier, in Erinnerung an den letzten Besuch der Eltern bei McDonald’s am Bahnhof in Hamburg-Altona.

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