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Aus: Ausgabe vom 27.12.2018, Seite 12 / Thema
Dreißigjähriger Krieg

Condottieri und Proletarier der Schlachtfelder

Der Dreißigjährige Krieg (Teil 3). Wer den Krieg führte und wer von ihm betroffen war. Bauern, Söldner und Militärunternehmer
Von Daniel Bratanovic
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Ausschnitt aus dem Gemälde »Triumph des Todes« (1562) von Pieter Bruegel dem Älteren

In trüben Massen gäret noch die Welt,

Und keine Friedenshoffnung strahlt von fern.

Ein Tummelplatz von Waffen ist das Reich,

Verödet sind die Städte, Magdeburg

Ist Schutt, Gewerb und Kunstfleiß liegen nieder.

Der Bürger gilt nichts mehr, der Krieger alles,

Straflose Frechheit spricht den Sitten Hohn,

Und rohe Horden lagern sich, verwildert

Im langen Krieg, auf dem verheerten Boden.

Friedrich Schiller, Wallenstein

Das jahrzehntelange Kriegswüten, die Seuchen und der Hunger hatten das Land verheert, riesige Flächen zur Wüstenei gemacht. Lebten 1618 im Gebiet des Heiligen Römischen Reichs – in etwa die heutige Bundesrepublik und Österreich – schätzungsweise 15 bis 17 Millionen Menschen, so waren es um 1650 noch zehn bis 13 Millionen. Im damaligen Schweden siedelten selbst nach günstigsten Schätzungen zu Beginn des 17. Jahrhunderts nur knapp eine Million Menschen. Der Krieg, in den Gustav Adolf 1630 eingegriffen hatte, raffte binnen der folgenden 18 Jahre bis zu seinem Ende beinahe eine ganze Generation junger Schweden hinweg, die ihrem König die Treue schwören mussten. Brandenburg, Magdeburg, Hessen, Franken, Bayern, Schwaben und das Elsass verloren mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Die meisten Menschen starben Hungers und an Seuchen, weniger infolge direkter militärischer Gewalt. Etwa eine halbe Million Soldaten dürfte auf den Schlachtfeldern gefallen sein. In Mecklenburg war 1651 nur noch jede achte Bauernstelle besetzt, in Hinterpommern (im heutigen Polen) fehlten am Ende des Krieges zwei Drittel der ländlichen Bevölkerung. Ein Drittel der landwirtschaftlich genutzten Flächen im Reichsgebiet lag nach Ende der Kriegshandlungen brach. Das Land trug erheblich größere Schäden davon als die Städte, weil letztere sich hinter ihren Mauern besser vor der marodierenden Soldateska zu schützen vermochten. Am meisten hatte der Bauer gelitten.1

Die Autoren der allermeisten großen Darstellungen des Dreißigjährigen Krieges sind auf die militärische Gewalt und die Abfolge der kriegerischen Ereignisse fixiert, konzentrieren sich auf die strategischen und taktischen Volten der Heerführer sowie die diplomatischen Schachzüge und Rankünen der Herrscher und Diplomaten. Der Alltag des Krieges findet dabei lediglich am Rande Erwähnung und zumeist nur dann, wenn die unmittelbaren Folgen von Schlachten und Einquartierungen, die Gewalt und die Plünderungen außerordentliche Ausmaße annahmen. Aus solcher Sicht geraten Zerstörung und Leid rasch zur unvermeidbaren Notwendigkeit der Kriegsökonomie, die Opfer zu bloß passiv erduldenden Objekten, die ihrer Lebensmittel beraubt wurden. Die Beschreibung von Widerstand gegen diese existentielle Bedrohung bleibt in aller Regel außen vor. Den gab es indessen sehr wohl.

Bäuerlicher Widerstand

Der thüringische Verwaltungsbeamte und Hofrat Volkmar Happe schildert in seinem zwischen 1623 bis 1641 niedergeschriebenen »Chronicon Thuringiae« »hunderte von Alltagsereignissen der Gewalt«.2 In einem Eintrag zum Jahr 1627 heißt es beispielsweise: »Den 25. Mai hat ein Soldat aus den Quartier in Holzsußra einen Bauern auf der Straße angegriffen und Geld von ihm haben wollen, den aber der Bauer überwältigt, dem Reiter seine eigene Pistole vom Sattel genommen und ihn tot geschossen. Eodem haben etliche Bauern bey Mittelsömmern ein Soldatenweib und einen Jungen erschlagen.«3

Über Weigerung und Renitenz einzelner hinaus handelten die Bauern bisweilen auch kollektiv. Als sich die Söldner Christians von Braunschweig, des »tollen Halberstädters«, die wegen ihrer Gewalttaten auch gegen Frauen und Kinder besonders verhasst waren, nach dessen Niederlage in der Schlacht bei Höchst am 22. Juni 1622 auf der Flucht über den Main in Sicherheit bringen wollten, wurden sie von Bauern »beim Durchschwimmen des Flusses entweder durch Steinwürfe getötet oder beim Erklimmen der Böschung erschlagen«. Im westfälischen Solling rotteten sich 1625 Bauern zusammen »und vertrieben einen heranziehenden Söldnerhaufen«.4 Dabei spielte oft keine Rolle, für welche Seite die durchziehenden Regimenter kämpften. Nach der Schlacht bei Lutter am Barenberge Ende August 1626 griffen Bauernhaufen abrückende dänische Soldaten ebenso an wie die ligistische Soldateska Tillys. Ein Bürger aus Nienburg an der Weser berichtet, die Bauern hätten »überall die Brücken aufgeworfen, die Wege aufgegraben und schlugen ohne Unterschied der Parteien alles nieder, was sich ihnen entgegenstellte«.5

Wesentlich umfangreicher und ausdauernder geriet der Widerstand Harzer Bauern. Aus blanker Not hatten sie sich zusammengeschlossen, mit erbeuteten Schusswaffen ihre Dörfer verlassen und waren in die umliegenden Wälder gezogen. Diese »Harzschützen«, deren Zahl auf etwa 6.000 geschätzt wird, wehrten sich seit 1626 mehrere Jahre gegen die Requirierungen und Greueltaten der Soldaten des Liga-Heeres, überfielen in Partisanenmanier kleinere Söldnertrupps und erbeuteten Geld, Pferde, Nahrung und Kleidung. Die kriegsbedingte Verrohung erfasste auch die Bauern aus dem Harz. Noch für den 13. Mai 1637 notiert Hofrat Happe in seiner Chronik, der Stallmeister eines kaiserlichen Obristenleutnants sei von den Harzschützen »von drei Kugeln getroffen worden. (…) Den haben sie darnach in den Wald geschleift, ihn vollends tot geschlagen und ganz splitternackt liegen lassen, so dass er auch nicht das Hemd anbehalten, ist sehr übel zermetziget gewesen, ist splitter nackt tot auf den Abend nach Sonderhausen gebracht worden«.6 Ein aus dem kurmainzischen Eichsfeld nach Halberstadt angerücktes Exekutionskommando hatte schon etwa zehn Jahre zuvor zwecks Abschreckung drakonische Strafen an einzelnen gefassten Bauern vollstreckt. In die Falle gelockte »Rädelsführer« wurden »auf glühendem Rost gebraten, anderen aus lebendigem Leib Riemen geschnitten«.7

Nicht minder grausam war das Exempel, das 1625 Adam Graf Herberstorff, der bayerische Statthalter im überwiegend protestantischen Oberösterreich, in Frankenburg statuierte. Nachdem die Bauern den auf Anordnung des Kaisers eingesetzten katholischen Priester verjagt hatten, lud Herberstorff sie am 15. Mai vor und versprach Straffreiheit. Dann aber ließ er sie von Soldaten umstellen und 36 von ihnen paarweise um ihr Leben würfeln. 17 Verlierer wurden gehenkt, einer begnadigt. Statt der beabsichtigten Abschreckung entlud sich der Hass auf den Statthalter, die bayerischen Beamten mit ihrer »Dieberei« sowie auf die Jesuiten, die die Rekatholisierung vorantrieben und die Bauern zwangen, entweder zu konvertieren oder das Land zu verlassen.

Der oberösterreichische Bauernaufstand begann ein Jahr später, am 17. Mai 1626 in Lembach im Mühlviertel. »Ansager tragen, sofort von Hof zu Hof eilend, den Funken der Rebellion über die Donau ins Hausruck- und ins Traunviertel. Im Handumdrehen treiben die Aufständischen die örtlichen bayerischen Besatzungen nach Linz hinein.«8 Ein Strafkommando des Statthalters geriet am 21. Mai in einen Hinterhalt und verlor 500 Mann. Die Bauern unter Führung von Stefan Fadinger waren gut organisiert, verhielten sich diszipliniert und taktisch geschickt. Und sie besaßen ein Programm, forderten die Freiheit der Religion, ein Ende der bayerischen Besetzung, die Ablösung der katholischen Amtspersonen sowie die Restitution ihres Besitzes. »Sie formierten einen Bauernstaat. Ihre Kanzlei unterzeichnete als ›gemain paurschaft im Erzherzogtum ob der Enns‹. Diese genossenschaftlich-gemeindliche Ordnung galt als besonders gefährlich, weil sie die Herrschaftsordnung außer Kraft setzte.«9 Ab Juni belagerten die Bauern Linz. Ein Sturmangriff auf die Hauptstadt scheiterte, Fadinger starb, und starke kaiserliche Verbände zwangen Ende August zum Abbruch der Belagerung. Doch noch immer war der Widerstand nicht gebrochen, mehrmals schlugen die Bauernhaufen das reguläre Kriegsvolk. Erst der Einsatz von 8.000 Soldaten der Liga unter der Befehlsgewalt des Grafen Gottfried Heinrich Pappenheim beendete im November den Aufstand, bei dem vermutlich etwa 12.000 Bauern ihr Leben verloren.

In seiner gut 800seitigen Monographie zum Dreißigjährigen Krieg widmet der Jenaer Ordinarius Georg Schmidt dem bäuerlichen Widerstand – immerhin in einem eigenen Unterkapitel – sechs Seiten. Sein Berliner Kollege Herfried Münkler wendet sich dem oberösterreichischen Bauernaufstand auf neun von annähernd tausend Seiten zu, wovon er auf fünf Seiten die Kriegstaktik seines tollkühnen Pappenheimers vorstellt.

Söldner

Mit der Frage, wer da für die Pappenheim, Tilly, Mansfeld und Wallenstein kämpfte und fiel, bei ausbleibendem Sold auch plünderte und marodierte, hält Münkler sich ebenfalls nicht weiter auf. Der einfache Soldat bleibt nach der Lektüre seiner Abhandlung ein Unbekannter. Anders als sukzessive nach 1648 waren die Heere frei geworbener Söldner noch im Dreißigjährigen Krieg der dominante Typus der Militärorganisation. »Von einem fürstlichen Kriegsherren beauftragte Kriegsunternehmer finanzierten und organisierten die Anwerbung und Unterhaltung von entlohntem Kriegsvolk beliebiger Herkunft, und diese Obristen fungierten auch als Kommandeure ihres Regiments beziehungsweise als Generalissimus und oberkommandierender Firmenchef.«10 Noch während des gesamten Mittelalters hingegen war der Kriegsdienst eine Domäne des Adels und damit in seinem personellen Umfang beschränkt. Doch mit der beginnenden Neuzeit ließ die wachsende militärische Bedeutung der »Gewalthaufen« genannten Infanterie die moderneren Söldnerheere rasant anwachsen und schuf einen steigenden Bedarf an waffenfähigen Männern. »Nachfolgend wurden diese Söldner von Kriegsherren und Kriegsunternehmern mehr und mehr nur noch als quantifizierbare Arbeitskräfte oder ›Ware‹ wahrgenommen«, es entstand ein »Proletariat der Schlachtfelder«.11

Diese »Ware« hatte mehr oder weniger frei zur Verfügung zu stehen. Und wer einen der Muster- und Laufplätze aufsuchte, um sich anwerben zu lassen, wusste, zumal zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges, worauf er sich einließ, doch die Aussicht auf regelmäßigen Sold und Beute lockte. »Gemessen an der alltäglichen Tristesse aus Hunger, Armut und Not, war der Krieg eine verlockende Alternative für nachgeborene Söhne von Bauern und Handwerkern, für Knechte, Arbeiter und Tagelöhner, Vaganten und Bettler sowie junge Männer, deren Gewerbe der Krieg zerstört hatte.«12

Die genaue soziale Zusammensetzung der großen Söldnerheere erschließt sich mangels aussagefähiger Quellen nicht ohne weiteres. So ist auch die soziale Herkunft Peter Hagendorfs unbekannt. Dieser »Kriegshandwerker« oder »Lohnarbeiter des Kriegs« hinterließ mit seinem Tagebuch das einzige Zeugnis des Söldnerlebens im Dreißigjährigen Krieg. Jan Peters, der Herausgeber der Aufzeichnungen, vermutet, Hagendorf könne der Sohn eines Müllers gewesen sein, wofür sein immer wieder aufscheinendes Interesse an Mühlen spreche. »Damit gehörte er einer sozial gehobenen Schicht an, was seine gute Schulbildung erklären könnte«.13 Dass die Menschen unterhalb von Adel und städtischem Patriziat zu lesen und zu schreiben vermochten, war zu jener Zeit eher die Ausnahme denn die Regel. Hagendorf jedenfalls berichtet, wie er 1625 nach der Abdankung aus dem Dienst im Veltliner Krieg auf seiten der antispanischen Verbündeten (Frankreich, Venedig Savoyen) in Parma einen deutschen Lautenmacher traf, der ihm Arbeit besorgte: »Wenn ich von der Wacht gekommen bin, habe ich Handwerksarbeit gemacht, habe hübsch Geld verdient.«14

Wer von solchem Stand war, dem konnte egal sein, unter welchen Fahnen er kämpfte. Er ging zu dem, der den höchsten Sold versprach. Freund und Feind waren reichlich unbeständige Kategorien, ein Lagerwechsel während des Krieges war normal. Aber der Verlauf dieses Krieges änderte das Söldnerdasein. Am Ende war es für viele, auch für die Bauern, zu einer »Überlebensfrage geworden, aus der Rolle des Gejagten in die Position des Jägers überzuwechseln und als Söldner selbst zu nehmen, was man den Soldaten bis dahin hatte geben müssen«. Ehemalige Bauern und Handwerker schlugen sich gegenseitig tot. »Deklassierte, Hergelaufene und Verzweifelte unterschiedlicher sozialer Herkunft bildeten nun die Masse, und sie starben schneller, hungerten und erkrankten öfter, trugen keine protzigen Kleider mehr, hatten das genossenschaftlich organisierte Mitspracherecht im Heer verloren und spürten wie nie zuvor die gewaltige soziale Kluft zu den hohen Offizieren und Profiteuren des Krieges, die sie oft genug um ihren Sold betrogen hatten.«15

Wer profitierte und betrog da? In der Blütezeit der Stadtrepubliken Mittelitaliens, das in geringerem Maße von einem adligen Feudalsystem geprägt war, also während des 15. und 16. Jahrhunderts, delegierten vor allem Venedig und Florenz zum Schutze vor erstarkenden Territorialstaaten wie dem Herzogtum Mailand das Kriegsgeschäft an Söldnerunternehmer. Diese Condottieri waren demgemäß Auftragnehmer eines fremden Kriegsherren. Zwischen beiden bestand ein Vertrag, der Dauer und Inhalt des Auftrags sowie die Höhe des Solds regelte. Ein selbständiger Condottiere war frei in der Wahl seines Auftraggebers. Das setzte die Fähigkeit voraus, über das notwendige Geld zu verfügen, ein Söldnerheer anzuwerben, auszurüsten und den Sold zu zahlen. Er benötigte eine Grundlage, die oft genug die eigene Domäne war. Aus solcher Unabhängigkeit leitete der Kriegsunternehmer seine Sonderstellung ab. Ein eigenes Heer bedeutete (potentielle) Macht.

Dieses Geschäftsmodell fand auch während des Dreißigjährigen Krieges Anwendung. Allerdings mit Einschränkungen. Reichsfürsten wie Maximilian von Bayern übernahmen die Söldnerheere in der Regel in eigener Regie schon allein deshalb, weil ihnen unabhängige Kriegsunternehmer als Konkurrenten um Macht gelten mussten. So war Ernst von Mansfeld, der vielleicht am ehesten den italienischen Vorbildern entsprach und nicht Parteiung nicht Konfession, nicht Freund nicht Feind kannte, auf der Suche nach einem politischen Herrschaftsgebiet und hätte dieses Ziel auch beinahe erreicht. Umgekehrt standen der Autonomie des »deutschen Condottiere« auch eine Reihe von Hindernissen entgegen, wozu vor allem die Lehensbindung sowie die Kaiser- bzw. Reichstreue gehörten. Keine der kriegführenden Parteien stellte sich offen gegen Kaiser und Reich, sie warfen der anderen Seite vielmehr vor, die Bestimmungen der Reichsverfassung zu missachten. Kommt hinzu, dass die schiere Größe der Heere im Dreißigjährigen Krieg sowie die Entwicklung von Kriegführung und Waffentechnik den Kapitalbedarf der Militärunternehmer immer weiter erhöhten.16

Wallenstein

Wallenstein schien diesen Einschränkungen zu trotzen. Doch auch der kapitalgewaltige Kriegsunternehmer und »gefürstete Heerführer« (Johannes Burckhardt), der seinen enormen Reichtum der Mitgliedschaft in einem Konsortium zur Münzmanipulation und den Gewinnen infolge der Konfiskation von Landgütern aufständischer böhmischer Aristokraten verdankte, vermochte seine Heere nicht ohne das ausgeklügelte Kreditsystem des Kompagnons und Bankiers Hans de Witte zu organisieren und zu unterhalten.

Was Wallenstein von den anderen Kriegsunternehmern unterschied, war der Umstand, dass er dem Kaiser anbot, nicht wie bis dahin üblich einzelne Regimenter, sondern eine ganze Armada »auf eigene Kosten« aufzustellen. Auf die Frage, wie er denn ein Heer von 50.000 Mann unterhalte, wenn das schon bei 20.000 Mann nicht möglich sei, soll Wallenstein laut Mitteilung eines kaiserlichen Gesandten in Madrid geantwortet haben, das größere Heer zu unterhalten sei leichter. Dieser »Schöpfer kühner Heere« (Schiller) kehrte das bis dahin gültige Prinzip einfach um. »Es kam nicht darauf an, die Stärke des Heeres den gegebenen Finanzierungsmöglichkeiten anzupassen, sondern man musste ein so großes Heer schaffen, dass sich allein durch dessen Existenz die bestehenden Finanzierungsstrukturen änderten.« War es erst einmal aufgestellt, »so hatte das Heer sich seinen weiteren Unterhalt selbst zu besorgen, und wenn es entsprechend groß war, war es dazu auch in der Lage«.17 Die Armeen erpressten sich die tatsächlich regelmäßige Soldzahlung aus dem Land, in dem sie gerade standen, gleichgültig, ob es sich um Feind, Freund oder Neutrale handelte.

Wallenstein maßte sich dort, wo er dank seines Heeres die Macht besaß, das Besteuerungsrecht der legitimen politischen Gewalten an und verhielt sich wie ein Landesherr. Eine de facto reichsweit erhobene Kriegssteuer, mit erpresserischen Methoden eingetrieben von den Kommissaren des Generalissimus, bedeutete eine völlige Missachtung der Stände und rüttelte an der Reichsverfassung. Die bloße Größe des Heeres veränderte die Verhältnisse im Reich. Aus einer militärischen und kriegswirtschaftlichen Frage wurde eine politische. Wallensteins Angebot anzunehmen hieß, die ständischen Prinzipien zugunsten monarchischer Souveränität zurückzudrängen.

Franz Mehring verlieh dem böhmischen Kriegsunternehmer progressive Züge. Sein politisches Ziel sei das gleiche gewesen, das Richelieu in Frankreich verfolgt habe: »die weltliche Monarchie als nationale Einheit, frei von allem religiösen Spuk, in überlegener Einsicht die widerstreitenden Interessen der einzelnen Klassen ordnend, ihre gemeinsamen Interessen kräftig gegen das Ausland kehrend«. Sein Scheitern lag in den »deutschen Zuständen« begründet.18 Ob der historischen Figur Wallenstein damit nicht jedoch gerade aufgrund eben dieser deutschen Zustände ein wenig zuviel zugetraut wird, sei dahingestellt. Seinen Plänen, die Macht der Reichsstände zurückzudrängen, fehlte jedenfalls die soziale Basis. Fraglos setzte dieser Herzog von Friedland sein Geschick für den Sieg des Kaisers und die Festigung der kaiserlichen Stellung im Reich ein. Der gegenreformatorische Eifer Ferdinands, von dem als Lehensgeber er bis zuletzt abhängig blieb, war ihm zwar zuwider, zumal er fürchten musste, das bisher Erreichte rasch wieder zu verlieren. Doch letztlich besaß Wallenstein »keinen eigenen Weltentwurf«, wie Peter Hacks einmal an Eberhard Esche schrieb. »Er will nur, was der Kaiser auch will, selbst und besser machen. (…) Wallenstein ist das Genie ohne Inhalt.«

Anmerkungen

1 Vgl. zu Kriegsschäden und Opferzahlen Georg Schmidt: Die Reiter der Apokalypse. Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, München 2018, S. 620 ff.

2 Hans Medick: Der Dreißigjährige Krieg. Zeugnisse vom Leben mit Gewalt, Göttingen 2018, S. 141

3 Zit. n. ebd., S. 142

4 R. F. Schmiedt: Vorgeschichte, Verlauf und Wirkungen des Dreißigjährigen Krieges, S. 382 f. In: Max Steinmetz: Deutschland von 1476 bis 1648, Berlin 1978

5 Zit. n. ebd., S. 384

6 Zit. n. Medick, a. a. O., S. 142 f.

7 Schmiedt, a. a. O., S. 386

8 Hellmut G. Haasis: Spuren der Besiegten, Band 1, Hamburg 1984, S. 370

9 Georg Schmidt: Die Reiter der Apokalypse, a. a. O., S. 294

10 Johannes Burkhardt: Der Dreißigjährige Krieg, Frankfurt am Main 1992, S. 214

11 Uwe Tresp: Die »Quelle der Kriegsmacht«. Böhmen als spätmittelalterlicher Söldnermarkt, S. 47. In: Stig Förster/Christian Jansen/Günther Kronenbitter (Hg.): Rückkehr der Condottieri? Krieg und Militär zwischen staatlichem Monopol und Privatisierung: Von der Antike bis zur Gegenwart, Paderborn 2010, S. 43–61

12 Schmidt, a. a. O., S. 267

13 Jan Peters (Hg.): Ein Söldnerleben im Dreißigjährigen Krieg, Berlin 1993, S. 26

14 Ebd., S. 133

15 Ebd., S. 222

16 Vgl. zur Frage der Kriegsunternehmer Reinhard Baumann: Die deutschen Condottieri. Kriegsunternehmertum zwischen eigenständigem Handeln und »staatlicher« Bindung im 16. Jahrhundert. In: Förster et al., a. a. O., S. 111–125

17 Herfried Münkler: Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618–1648, Berlin 2017, S. 276

18 Franz Mehring: Gustav Adolf. Ein Fürstenspiegel zu Lehr und Nutzen der deutschen Arbeiter (1908). In: Ders.: Gesammelte Schriften Band 5. Zur deutschen Geschichte, Berlin 1982, S. 331

Auch der dritte Teil ist mit einem Ausschnitt aus dem Gemälde »Triumph des Todes« (1562) von Pieter Bruegel dem Älteren illustriert.

In der Serie Der Dreißigjährige Krieg:

Der Dreißigjährige Krieg

Das jahrzehntelange Kriegswüten, die Seuchen und der Hunger hatten das Land verheert, riesige Flächen zur Wüstenei gemacht.

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