Aus: Ausgabe vom 24.12.2018, Seite 8 / Inland

»Menschen sollen vor der eigenen Haustür aktiv werden«

Kiezhaus in Berlin-Wedding: Gelebte Solidarität statt bürgerlicher Gesellschaft. Ein Gespräch mit Julia Neumann

Interview: Oliver Rast
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Straßenfest im Wedding: Anwohner im Kiez sind eingeladen, ihre Vorstellungen zu Papier zu bringen (5.5.2018)

Das »Kiezhaus Agnes Reinhold« in der Afrikanischen Straße in Berlin-Wedding gibt es seit September dieses Jahres. Der Eröffnung ging eine längere Kampagne voraus. Wie steinig war der Weg von der Idee bis zur Unterschrift unter den Mietvertrag?

Zunächst stellt uns der Alltag in Wedding vor viele Widersprüche und unterschiedliche Lebensrealitäten: Lohnarbeit, Uni, Stress mit dem Jobcenter, repressive Behörden und vor allem die Wohnungsfrage in den Kiezen strapazieren unsere Nerven – und Geldbeutel. In dieser Situation zusammenzukommen, langfristig und zielstrebig zu arbeiten und über Fördermitgliedschaften Geld für die Miete zu beschaffen, fühlt sich schon wie ein Stück Selbstermächtigung an.

Schwierig war die langwierige Suche nach Räumen. Wir wurden mit renditeorientierten Vermietern konfrontiert, sogar mit Mietverträgen mit »Extremismusklausel«. Trotzdem: Wir haben es geschafft, ein nicht kommerzieller Anlaufpunkt im Kiez besteht.

Warum haben Sie den Stadtteil Wedding als Standort gewählt?

Es gibt seit einigen Jahren aktive Gruppen im Wedding. Wir erleben seit Jahren, wie die Menschen im Stadtteil zwischen prekären Lebensbedingungen im Alltag und einer strategischen Aufwertung aufgerieben werden. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird auch hier immer größer. Hinzu kommt der Alltagsrassismus. Auch wenn es sicherlich unterschiedliche Kämpfe gibt: Viele teilen dieses miese Leben! Und, ganz wichtig: Durch Alltagserfahrungen politisieren wir uns. Daher verstehen wir das Kiezhaus als Treff an der Ecke, als Ort für die Kommune, um sich auszutauschen, kennenzulernen, mitzumachen und zu verändern. Auch wenn wir wissen, dass wir diskriminierendes Verhalten nicht einfach an der Eingangstür »abgeben« können.

Was ist damit gemeint, wenn in Ihrer Selbstdarstellung geschrieben steht, »die Idee einer solidarischen Gesellschaft erlebbar« machen zu wollen?

Wir wollen nicht warten, bis Patriarchat und Kapitalismus der Vergangenheit angehören. Gemeinsam mit unseren Nachbarn wollen wir uns die Frage stellen: Wie wollen wir leben, und was brauchen wir dafür? Die Probleme der einzelnen brauchen einen gemeinsamen Ausdruck. Uns ist es nicht egal, was um uns herum passiert. Die Spirale der Selbst- und Fremdabwertung muss durchbrochen werden – mit einem praktischen Gegenentwurf im Alltag. Neben konkreten Zielen wie Lohnerhöhungen, Einhaltung von Grundrechten, Selbstverwaltung, die erkämpft werden müssen, braucht es Symbole eines kollektiven Zusammenlebens, über Grenzen und Spaltungsversuche hinweg.

Warum haben Sie als Namensgeberin eine Anarchistin gewählt?

Wir grenzen uns von Subkultur ab, ohne linke Inhalte aufzugeben. Agnes Reinhold steht für eine Widerstandstradition mit Lokalbezug. Daran wollen wir erinnern. Es ist wichtig aufzuzeigen, dass es auch vor der Zeit des »Roten Wedding« der 1920er Jahre eine Geschichte des Widerstands gegeben hat. Agnes’ Leben verbindet Erfahrungen sexualisierter Gewalt, von Ausbeutung, des Unsichtbarmachens von Frauen und von Repression gegen politische Aktivisten aus der Arbeiterklasse.

Soll das Kiezhaus ein Pilotprojekt für andere Stadtteile Berlins oder andere Städte sein? Gibt es bereits ein Kontaktnetz für den Aufbau weiterer Kiezhäuser?

Unbedingt! Wir beobachten viele parallele Entwicklungen auf Stadtteilebene, in Berlin und bundesweit. Die Initiative der Kiezkommunen in Wedding oder Kreuzberg motivieren uns. Ich weiß nicht, ob von einem Trend geredet werden kann, aber wir können Menschen mit Wut im Bauch dazu anregen, vor der eigenen Haustür aktiv zu werden. Das Kiezhaus ist natürlich kein Heilsbringer, aber es kann eine bessere Ausgangslage bieten, um bestehende, meist vereinzelte Alltagskämpfe zusammenzubringen. Wir betreten selber Neuland – das historisch gesehen so neu gar nicht ist. Fangen wir in unserem Viertel an, und lösen wir uns gemeinsam von rein individuellen Praktiken!

Julia Neumann ist im »Kiezhaus Agnes Reinhold« aktiv


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