Aus: Ausgabe vom 18.12.2018, Seite 1 / Titel

Polizei am Drücker

74jähriger in Bochum durch Beamten getötet. Immer mehr Todesopfer infolge von Schüssen aus Dienstwaffen

Von Markus Bernhardt
27422286.jpg
»Man muss zuverlässig treffen«, sagt Stephan Hegger von der nordrhein-westfälischen Gewerkschaft der Polizei

Bei einem Polizeieinsatz in Bochum ist am Sonntag abend ein 74 Jahre alter Mann durch Schüsse aus einer Dienstwaffe ums Leben gekommen. Wie das Polizeipräsidium Essen, das aus Neutralitätsgründen die Ermittlungen übernommen hat, in einer am Montag mittag veröffentlichten Erklärung mitteilte, soll der 74jährige »trotz klarer Warnung« eines 35jährigen Beamten in seinen Hosenbund gegriffen und mit einer kleinen »augenscheinlichen Schusswaffe« auf den Polizisten gezielt haben. Dieser habe daraufhin mehrfach auf den Mann geschossen. Auf die vorangegangene Aufforderung, die Waffe sofort fallen zu lassen, soll der noch am Tatort verstorbene Mann nicht reagiert haben, so die Polizei. Wie die Beamten weiter mitteilten, soll es sich bei dem »waffenähnlichen Gegenstand« allerdings »nach derzeitigem Kenntnisstand um keine scharfe Schusswaffe« gehandelt haben.

Schon mehrere Stunden vor dem tödlichen Zwischenfall soll der 74jährige mehrere Polizeieinsätze ausgelöst haben. Gegen 19.50 Uhr soll er auf der Velsstraße in Bochum-Wiemelhausen auffällig geworden sein. Genauere Informationen zu besagtem Vorfall bzw. möglichen Erkrankungen des Rentners, dessen Leiche am Montag obduziert werden sollte, lagen bei jW-Redaktionschluss noch nicht vor.

In letzter Zeit mehren sich Polizeieinsätze, bei denen Menschen durch den Einsatz von Schusswaffen ums Leben kommen. Auswertungen der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster zufolge wurden im vergangenen Jahr insgesamt 14 Menschen bei Polizeieinsätzen erschossen. 2016 kamen elf Menschen zu Tode, 2015 gab es zehn Opfer. Der Statistik zufolge nimmt die Zahl solcher Fälle immer mehr zu.

Für Beamte sei es enorm schwierig abzuwägen, sagte Stephan Hegger von der nordrhein-westfälischen Gewerkschaft der Polizei (GdP) am Montag gegenüber dpa. »Kommt eine als Gefahr eingeschätzte Person auf kurze Distanz auf den Beamten zu, muss er selbst entscheiden.« Meistens seien die Schüsse dann nicht auf Arme oder Beine gerichtet, denn eine Verletzung an den Gliedmaßen könne eine Gegenreaktion hervorrufen. »Man muss zuverlässig treffen, man hat möglicherweise keine zweite Chance«, so Hegger.

Die »lückenlose Aufklärung« des Polizeieinsatzes in Bochum forderte am Montag die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Ulla Jelpke. Sie frage sich, »ob in der Schießausbildung bei der Polizei überhaupt noch geübt wird, nichttödliche Schüsse auf Arme und Beine abzugeben«. Die Linke-Politikerin machte auf jW-Anfrage deutlich: »Polizeigewerkschaften argumentieren, dass dadurch das Risiko für die Polizisten wachsen würde. Dem möchte ich gar nicht widersprechen, aber wer zur Polizei geht, setzt sich automatisch einem höheren Risiko aus, während andererseits Bürgerinnen und Bürger die Sicherheit haben sollten, bei einer Polizeikontrolle nicht einfach wegen einer missverständlichen Bewegung über den Haufen geschossen zu werden.«

In vielen tödlich verlaufenden Polizeieinsätzen spielen familiäre Konflikte oder psychische Erkrankungen eine Rolle. Erst am 8. Dezember war ein 28jähriger Mann in Thüringen von Beamten getötet worden. Zuvor soll er seine Exfreundin bedroht und Schüsse auf die zur Hilfe gerufene Polizei abgegeben haben. Bei einem Polizeieinsatz in Braunschweig wurde ein 39jähriger in der Nacht zum 28. Oktober erschossen. Und am 7. Oktober starb ein offenbar psychisch kranker 21jähriger durch Schüsse aus einer Polizeiwaffe im schleswig-holsteinischen Bad Oldesloe.


Debatte

Artikel empfehlen:

  • Beitrag von Holger L. aus D. (18. Dezember 2018 um 01:54 Uhr)

    Wer mal gedient hat (zumindest in der NVA), der hat gelernt, dass es darum geht, eine Person handlungsunfähig zu machen und nicht einfach zu abzuschießen. Uns wurde gesagt, wir sollten versuchen, auf die Beine zu schießen. Ich habe das zum Glück nie machen müssen. Aber warum wird Polizisten so etwas nicht beigebracht?

    Ich wundere mich auch immer, dass die nie irgendwelche Terroristen lebhaft zu fassen bekommen (z. B. den Amri). Die werden immer »leider« erschossen. Dabei wäre es doch viel nützlicher, sie lebend zu haben und – ja – auch öffentlich vor ein Gericht zu stellen.

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Regio: