Aus: Ausgabe vom 15.12.2018, Seite 12 / Thema

Das zerschossene Kaleidoskop

Vor 100 Jahren veröffentlichte Karl Kraus den Epilog von »Die letzten Tage der Menschheit« – eine unbedingt zu lesende Zumutung

Von Jürgen Roth
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Karl Kraus beschrieb in »Die letzten Tage der Menschheit« »was in der österreichischen Versuchsstation des Weltuntergangs sich vor das Auge gestellt hat«. Er malte, »was sie nur taten« (unbekannter Ort)

Dieses Gesocks. Dieses Geschmeiß. Diese Brut. Dieses Pack.

Sofern die von unserer prangenden Pressbande nimmermüd’ wiederholte Behauptung, unsere unvermindert strahlende Staats- und Weltlenkerin denke »die Dinge vom Ende her«, richtig sein sollte, steht es uns im Falle der vielleicht noch etwas bedeutenderen »Letzten Tage der Menschheit« von Karl Kraus auch an, die Angelegenheit vom Ende her aufzuzäumen zu versuchen.

Nach mehr als zweihundert Szenen und (im originalen Druckbild) über sechshundert Seiten lässt Karl Kraus im finalen Tableau, einem »weltentrückten Mulatschak aus Alkohol und Blut, aus Wienerlied und Granatendonner« (Zeit 29/2018), den toten Wald (»Alles ist zerschossen, abgehauen und abgesägt«) als »Erscheinung« auftreten und sagen: »Fluch euch, die das mir angetan! / Nie wieder steig’ ich himmelan! / Wie war ich grün. Wie bin ich alt. / Ich war ein Wald! Ich war ein Wald!« Und kurz danach beschließt ein »phosphoreszierender Schein« dieses höllische, in den Jahren von 1915 bis 1917, also während des Ersten Weltkriegs entstandene Epochendrama, dieses Panoptikum der Brutalität, der Bestialität, der Barbarei – ein Schein namens »Der ungeborene Sohn«: »Wir, der Untat spätre Zeugen, / bitten euch, uns vorzubeugen. / Lasset nimmer uns entstehn!«

»Elektrisch beleuchtete Barbaren«

Bevor die» Letzten Tage der Menschheit« 1919 in vier Heften der Fackel erschien, hatte Kraus im Dezember 1918 einen Epilog veröffentlicht, in dem der Kosmos, um das »unendliche Schädelspalten« zu beenden und »auf Ewigkeitsdauer« die Harmonie der Sphären zu schützen, durch einen Meteoritenhagel den Untergang des Menschengeschlechts besiegelt beziehungsweise vollstreckt. Aus der »völligen Finsternis« spricht eine »Stimme von oben« das Verdikt über jene, die »das Bild der Schöpfung geschändet haben, / die Tiere gequält und die Menschen versklavt, / die Schande geehrt und die Würde bestraft, / die Schlechten gemästet, die Guten geschlachtet«; über jene – »erpresst und geplündert, gelogen wie gedruckt / und als Kost nur den eigenen Wahn verschluckt« –, die »Tod und Teufel und Gott und die Welt / und die Kunst in den Dienst des Kaufmanns gestellt« haben, »in Tort und Technik bestens erfahren, / elektrisch beleuchtete Barbaren«.

Es endet das Werk mit »Der Stimme Gottes«: »Ich habe es nicht gewollt.« Der Satz stammt von Wilhelm II. Er habe, wird überliefert, verlautbart, die Massenmassaker des Krieges nicht gewollt zu haben.

Der infernalische Epilog verengt die stimmliche und charakterologische Polyphonie des agonalen Wahnsinns, dargestellt in einer unüberschaubaren Zahl von Dialekten, Soziolekten, Technolekten, Individualfärbungen und -nuancen und Kultureigenarten (man hat 1.114 Rollen gezählt, von den Larven bis zu den Chören), auf antagonistische Figurenkonstellationen: hie der sterbende Soldat (»Hauptmann, hol das Standgericht! / Ich sterb’ für keinen Kaiser nicht! / Hauptmann, du bist des Kaisers Wicht! / Bin tot ich, salutier’ ich nicht!«), da zwei Generale (»Was hat denn der eine, / der hat keinen Kopf, / dem fehlen die Beine, / und am Rock fehlt a Knopf!«); hie eine männliche und eine weibliche Gasmaske (»Erfüllt von dem Grauen, / erfüllend die Pflicht, / sollen wir uns nicht schauen, / wir kennen uns nicht.«) und ein um Hilfe bettelnder Sterbender, da zwei Kriegsberichterstatter (»Hier liegen die Helden, / hier ist es bewegt, / und wenn wir es melden, es Aufsehn erregt.« – »Schaun S’, das wird goutiert, / auf Details ich schon spitz’, / und Ihr Heldentod wird / eine schöne Notiz.«); hie ein Verwundeter (an den Kaiser adressiert: »Komm her und sieh, wie sich ein Stern gebiert, / wenn man die Zeit mit Munition regiert! / Lass deinen Kanzler, deine Diplomaten / durch dieses Meer von Blut und Tränen waten!«), dort ein Ingenieur (»Als Ritter vom Geist greifen wir noch zum Schwert, / wenn sich längst schon der Flammenwerfer bewährt, / und sind entschlossen, mit Dünsten und Dämpfen / und Minen bis aufs Messer zu kämpfen.«).

Die ganze entsetzliche, unermessliche Schändlichkeit des infernalischen humanoiden Gier- und Profitgeraffels personifizieren alsdann die Hyänen mit Menschenmasken (durchaus möglich, dass Kraus dabei an den Marxschen Begriff der Charaktermaske dachte). Einer ihrer Sprecher, Naschkatz (der andere ist Fresssack), höhnt, vor den Leichen kauernd: »Wir sagen es ins Ohr euch, ihr sollt uns danken: / dadurch, dass ihr hier liegt, geht’s besser den Banken. / Durch die Bank konnten sie das Kapital sich vermehren, / die Fusion mit der Schlachtbank kann man ihnen nicht wehren.«

»Nur der Abschaum der Generäle und Gauleiter / Nur die Fabrikherren und Börsenmakler / Nur die Junker und Statthalter sollen verschwinden. / Himmel und Erde und Wind und das von den Menschen / Geschaffene / Kann bleiben, aber / Das Geschmeiß der Ausbeuter, das / Kann nicht bleiben«, wird Brecht 1939 in dem Gedicht »Über Deutschland« schreiben. Bei Kraus gipfeln gewissermaßen all »die Vertreter der Handelswelt« und all die »Industriekapitäne und Bankmagnaten« im Herrn der Hyänen, in dem er Moriz Benedikt, den Chefredakteur der Neuen Freien Presse, porträtiert hat. Der Herr der Hyänen, der »Antichrist«, wie er sich selber nennt, zieht »Blutbilanz«: »Geht auch die Welt auf Krücken, / der Fortschritt musste glücken, / ging aufs Geschäft er aus.« Die Welt, diese Welt, erschaffen von der Presse, der schwarzen Magie, und von ihr zum Untergang verurteilt (so Kraus bereits 1912), ist das Ergebnis eines Komplotts: »Steht auch die Welt in Flammen, / wir finden uns zusammen / durch schwärzliche Magie! // Durch die geheime Finte / zum Treubund rief die Tinte / die Technik und den Tod. / Mögt nie vergessen / den Blut- und Druckerpressen. / Ihr habt es schwarz auf rot!«

»Gemalt, was sie nur taten«

Diese »Pressschande«. Diese »entfesselte Schufterei«. Dieser »Ozean der Ehrlosigkeit«. Dieses »Wortgesindel«. (Alle Zitate: Die Fackel.)

In den »Letzten Tagen« tritt »der Fackelkraus« (den Namen gibt ihm ein Immobilienbesitzer) als der Nörgler auf, der in zuweilen langen Dialogen die Antithese zum Optimisten verkörpert, der das Hohelied auf die durch den Krieg »gestählten Schreiber« mit ihrer »blutlebendigeren Auffassung« und ihrer »Unerbittlichkeit des Fühlens« singt und sich an Versen wie »Die Russen und die Serben, die hauen wir in Scherben!« ergötzt.

Der Nörgler antwortet mit der Wiedergabe des Wortlauts eines Plakats in einem »Polizeiamt«: »Haut die Schufte, haut die Bande, / Werft sie bis zu Aetnas Rande, / Füllt sie in Vesuvens Rachen! / Haut sie, dass die Schwarten krachen! / Haut sie, dass sie nur so glotzen, / Haut sie, bis sie Lumpen kotzen! / Streicht Pardon aus eueren Herzen, / Um das Trugvolk auszumerzen! / Füllt mit Dynamit die Täler, / Rottet aus die Heuchler, Hehler, / Jedem schlagt den Schädel ein / Und seid stolz, Barbar’ zu sein!«

»Die grellsten Erfindungen sind Zitate«, lautet ein berühmtes Diktum aus der Vorrede. Diese gigantische Collage, diese, vom Gegenstand erzwungen, monströse Komposition besteht zu einem erheblichen Teil aus effektvoll montierten Dokumenten der Wirklichkeit, aus Zeitungsberichten, militärischen Befehlen, amtlichen Verordnungen, Gerichtsurteilen, privater Post, politischen Reden. Auch »die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind gesprochen worden«. Er habe »gemalt, was sie nur taten«, um das »wortgewordene Grauen« dialektisch, mit Brecht zu reden, zur Kenntlichkeit zu entstellen. Bereits 1914 hatte Kraus resümiert: »Mein Amt war, die Zeit in Anführungszeichen zu setzen, in Druck und Klammern sich verzerren zu lassen, wissend, dass ihr Unsäglichstes nur von ihr selbst gesagt werden konnte. Nicht auszusprechen, nachzusprechen, was ist. Nachzumachen, was scheint. Zu zitieren und zu photographieren. Und Phrase und Klischee als die Grundlagen eines Jahrhunderts zu erkennen. (…) So soll einiges gezeigt werden, was in der österreichischen Versuchsstation des Weltuntergangs sich vor das Auge gestellt hat.«

Der Nörgler gibt »der Phrase die Blutschuld«, und indem es »gegen die Sprache geht«, wird eine Welt eingerichtet, in der der Selbstmord »das letzte Freiwilligenrecht« ist, während »der Staatsbürger« es »als die höchste Ehre« empfindet, »den Heldentod zu sterben«.

Die allumfassende Korruption der Öffentlichkeit und des Lebens durch Phrase und Lüge (»Die Presse hat im Krieg ihre Pflicht in geradezu vorbildlicher Weise erfüllt«, sagt ein »Revolverjournalist«, »wir haben ausgeharrt wie die im Schützengraben«) hat Kraus insbesondere in der Figur der realiter staatlich hoch dekorierten und für die Neue Freie Presse arbeitenden Reisereporterin und Fotografin Alice Schalek nachgezeichnet – oder besser: modelliert. Man kann die unfassbaren Auszüge aus den Texten dieser Frontsau nur wiedergeben, Kraus’ Methode kopierend, vor jedem anderweitig beredten Urteil zurückscheuend. Anders ist diesem exemplarischen Scheusal und seinem ebenso beispielhaften, berufsständisch bedingten »dreckigen Ich« nicht beizukommen.

Schandmale »der Schalek« (Exzerpte): »Ich möchte nämlich wissen«, fragt sie einen Offizier, der auf einem U-Boot Dienst tut, »was haben Sie gefühlt, als Sie den Riesenkoloss mit so viel Menschen im Leib ins nasse, stumme Grab hinabgebohrt haben.« An der Isonzofront notiert sie: »Die ungeheure Triebkraft eines Befehls verspüre ich jetzt. (…) Was für eine Erleichterung ist ein Befehl! Wunderbar leicht kommt man durchs Feuer, wenn der Befehl es heischt. Wohl jenem Volk, das im Befehl leben dürfte, vertrauend, gläubig, dass der Befehl auch der richtige sei, von den Besten der Besten ersonnen.« An der Südwestfront, während eines Gefechts: »Oben auf dem Joch, da hab ich zum erstenmal etwas wie Genugtuung gefühlt beim Anblick der Verwandlung eines Dolomitenhotels in ein Militärquartier. Wo sind jetzt die geschminkten, spitzenumwogten Signoras, wo ist der welsche Hotelier? Spurlos verschwunden. Ah! Das tut wohl! (…) Jetzt beginnt ein Schauspiel (…). Jene, die daheim bleiben, mögen unentwegt den Krieg die Schmach des Jahrhunderts nennen (…), jene, die dabei sind, werden aber vom Fieber des Erlebens gepackt. (…) Nennt es Vaterlandsliebe, Feindeshass, Sport, Abenteuer oder Wonne der Kraft, ich nenne es freigewordenes Menschentum.« Im zerstörten Belgrad: »Hier interessiert mich wie immer vor allem das allgemein menschliche Moment. Das soll eine Kultur sein? Diese Häuser sind mit den letzten Geschäftshäusern in Fünfhaus zu vergleichen, sie haben deshalb die Bombardierung verdient.« Und sie ergänzt, »dass die Stadt nicht einmal gepflastert war. Das mag dem Entschluss, sie dem Erdboden gleich zu machen, zu Hilfe gekommen sein.« Und im Kriegspressequartier in Rodaun im Gespräch mit einem »Kameraden«: »Die 208 Leichenphotographien legitimieren mich wohl zur Genüge vor der Nachwelt. (…) Viele von den Leuten fliegen in Stücken in die Wipfel hinauf. (…) Wer je eine Sturmtruppe nachts beim Ausmarsch gesehen hat, wird nie wieder ein Erlebnis romantisch, abenteuerlich, verwegen finden.«

Heil solchen Ungeheuern! Und einzustimmen sei in das Geschrei der Zeitungsausrufer an der Sirk-Ecke an der Ringstraße, an jenem »kosmischen Punkt«, an dem jeder der fünf Akte der »Letzten Tage der Menschheit« beginnt: »Extraausgabee –! 100.000 tote Italiena bittee –!« – »Halb Serbieen ganz eropaat!«

Lesepöbel und Skribentenschmutz

Fünfter Akt, vierundfünfzigste Szene. Der Nörgler sitzt am Schreibtisch: »Ich habe eine Tragödie geschrieben, deren untergehender Held die Menschheit ist; deren tragischer Konflikt als der der Welt mit der Natur tödlich endet. Ach, weil dieses Drama keinen anderen Helden hat als die Menschheit, so hat es auch keinen Hörer! Woran aber geht mein tragischer Held zugrunde? War die Ordnung der Welt stärker als seine Persönlichkeit? Nein, die Ordnung der Natur war stärker als die Ordnung der Welt. Er zerbricht an der Lüge (…). Er vergeht an einem Zustand, der als Rausch und Zwang zugleich auf ihn gewirkt hat.«

Seit Krausens Lebzeiten ist es so, dass seine Gegner, Verächter und Feinde in neuneinhalb von zehn Fällen völlig falsch oder schlampig zitieren oder Lektüre, vorneweg von »Die letzten Tage der Menschheit«, schlicht vortäuschen. Das gilt zumal für den »Lesepöbel« (Eichendorff) und das aufgeblasene »Geistgesindel« (Kraus) in den Feuilletonredaktionen; vor allem für »jene schwatzhaften Journalisten, von denen man ahnt, dass der Polemiker Kraus mit ihnen grausam umgesprungen wäre« (Titanic 12/2018); von denen stammen konsequenterweise die blasiertesten, törichtsten Schmierereien: »Eitelkeit und Geltungssucht dieses Schriftstellers kannten keine Grenzen, sein Ehrgeiz wurde nur noch von seiner Selbstgerechtigkeit übertroffen« (Marcel Reich-Ranicki; es plapperte da wirklich der Allerrichtigste vor sich hin). »Von der ersten Minute der Fackel an« – ehrlich: von der ersten »Minute« an – »verrennt er sich in Figuren, hasst er sich heiß an einer Person« – sich heißhassen an einer Person, wow! –; »und statt mit kühlem Verstand Strömungen oder Vergiftungen dieser Welt zu analysieren, moniert er Laut-Krusten.« (Na, wer war’s? Korrekt: der Stilmaßstabsetzer Fritz J. Raddatz.)

Der Titanic zufolge haben sich in jüngerer Zeit Niklas Maak und Volker Weidermann mit der pointierten Einlassung unsterblich gemacht: »Schreiben im Modus des Verdachts, des Misstrauens, des Schnüffelns nach Fehlern, statt freiheraus das Schöne zu lieben.« Darauf muss man erst mal kommen: statt freiheraus das Schöne zu lieben. Und dito auf die Seiten der FAZ geleiteten uns unsere Recherchen – zu Eva Menasse, die sich die dummfreche Rotzmädelei meinte leisten zu können, zum »König der Misanthropen«, zum »Großinquisitor der Moral (Moralapostel wäre zu harmlos, als nennte man einen Attentäter Demonstrant)« beizusteuern: »Dass Kraus heute wie ein Monument der Moral wirkt, wie die einzige Jungfrau unter Triebtätern, liegt an der zeitlichen Entfernung. Jeder Publizist, der sich heute so unbeugsam, so eigensinnig, so hemmungslos kriegerisch verhielte wie Kraus, würde als Spinner betrachtet.«

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Karl Kraus (1874–1936) hielt seine Tragödie »Die letzten Tage der Menschheit« selbst für unspielbar. Dessen ungeachtet wird das Stück immer wieder gespielt, allerdings nur in Ausschnitten. Es komplett zu spielen, würde wohl mehrere Tage in Anspruch nehmen.

Abgesehen davon, dass das Attribut »kriegerisch« (nebst dem Wort »Jungfrau«) hier eventuell obszön ist und einer Chimäre angepappt wird – Kraus ahnte all den Skribentenschmutz späterer Zeiten in der erwähnten monologischen Nörgler-Szene voraus: »Ich bewahre Dokumente für eine Zeit, die sie nicht mehr fassen wird oder so weit vom Heute lebt, dass sie sagen wird, ich sei ein Fälscher gewesen.«

»Vor dem Totenbett der Zeit«, der »großen Zeit« stehend, hielt Karl Kraus fest, was der Abhub ebenjener zu Papier brachte. »Mein Amt war nur der Abklatsch eines Abklatsches.«

1920 verbeugte sich Kurt Tucholsky anlässlich einer Lesung von Kraus aus den »Letzten Tagen der Menschheit« im Berliner Tageblatt vor dem Autor »dieser schrecklichen, grausamen Schriften« und vor dem »zyklopischen, unaufführbaren Drama«, diesem jede Gattungsgrenze sprengenden Monument des Dagegenseins, »das keinen rationalistischen Witz verträgt«, weil es den Alpraum der historischen Tatsachen durchmisst, bis zur elendsten und daher wahren Erschöpfung.

Dieses Höllenbuch ist eine Zumutung, die die Zumutung einer der Kriegsordnung und -anordnung unterworfenen Welt in einem zerschossenen, zersiebten Kaleidoskop abbildet, und im Grunde unlesbar, und deshalb ist es zu lesen, wenigstens portionsweise.

Die Pflicht zu weinen

In der Vorrede betont Kraus bekanntlich, sein »zerklüftetes« Hadesstück sei »einem Marstheater zugedacht«, in dem allein der »in blutigem Traum verwahrten Jahre« gedacht werden könne. Und er lässt eine kantianisch legierte Leseanweisung folgen: »Der Humor ist nur der Selbstvorwurf eines, der nicht wahnsinnig wurde bei dem Gedanken, mit heilem Hirn die Zeugenschaft dieser Zeitdinge überlebt zu haben. (…) Die Mitwelt, die geduldet hat, dass die Dinge geschehen, die hier aufgeschrieben sind, stelle das Recht zu lachen hinter die Pflicht zu weinen.«

Gleichwohl bergen »Die letzten Tage der Menschheit« neben fürchterlichen Vignetten zum Schützengrabengeschehen und über Hungernde und Verkrüppelte, über seelisch verrottete Sozialformationen in Nachtlokalen und Varietés und Kasernen und andernorts, in den ideologischen Staatsapparaten Schule, Kirche und Psychiatrie zum Beispiel – inmitten der allgegenwärtigen Raserei also bergen sie kabarettistisch-satirisch geformte personale Zusammenstöße, deren plastische Kraft, sich vielerlei imitatorischer Effekte bedienend, Helmut Qualtinger auf der Bühne glanzvoll entfaltet hat – etwa das bauerntheaterhafte Techtelmechtel zwischen dem Heimatdichter Ludwig Ganghofer (Selbstbezichtigung: »Schmock im Blatt« und »Schmock im Wald«) und Wilhelm II. (»Aber so essen Sie doch, Ganghofer«); etwa das an Karl Valentin gemahnende, durch Sprachmissverständlichkeiten vorangetriebene Gelaber zwischen einem deutschen und einem österreichischen Soldaten (nämlich über einen »Oberbombenwerfer« – »das is doch einer – der was die Bomben – oberwirft, oder nicht?«); oder etwa die paradigmatische opportunistische, kriminelle Rede des Genossen Schliefke auf der Kriegsgeneralversammlung eines Berliner »Riesenwahlkreises«: »Wenn preußische Sozialdemokraten der Einladung in das Reichsamt des Innern folgen und der Kaiser an dieser Besprechung teilnimmt, so ist das keine Verletzung sozialdemokratischer Grundsätze. (…) Die Sozialdemokratie ist eine revolutionäre Partei (Oho!-Rufe), sie muss deshalb auch, wenn es die veränderten Verhältnisse erfordern, mit alten Traditionen brechen. (…) Sie muss in ihren eigenen Reihen revolutionieren. Sie ist eben eine durch und durch revolutionäre Partei!«

Heute wieder wie immer

Der Freiheitskämpfer und Totaljurist und Vollvölkerrechtler Heiko Maas, der sich seinen katholischen Kaaskopf mit der Propagandajauche aus dem militärisch-industriellen Komplex befüllt hat, begrüßt einen »Raketen-Terror-Angriff auf Syrien« (Uli Gellermann), befohlen von der NATO, als »angemessenes und notwendiges Signal«. Dagegen: kein einziges spitzmündiges Wort zur Inhaftierung Oppositioneller durch das faschistische Regime des türkischen Neoultrasultans.

Ein Hauch von Wörtchen zum reizend gemischten westlich-islamistischen Imperialismusdoppel im Nahen Osten? Der »NATO-Strichjunge« (Diether Dehm) betet einen Rosenkranz.

Skripal? Mordsboy Maas begeifert begeistert die Ausweisung russischer Diplomaten, obwohl sogar britische Spezialisten keinerlei Beweise für eine Tat seitens des ostischen Bären vorzulegen vermögen.

Die kriegshaushaltaufstockende Ursel, triefend vor Sehnsucht nach einer EU-Armee und, durch selbige gestärkt, deutscher Weltgeltung? »Die Bundeswehr hätte sich durchaus an den Luftangriffen gegen die syrische Armee (…) beteiligen können«, referiert Zeit online ein Interview der polierten braunschwarzen Nuss mit der Bild am Sonntag. »Grundsätzlich müsse Deutschland zusätzliche militärische Aufgaben übernehmen.«

Die herrliche EU-Kommission, Hort der Völkerverständigungsdemokratie (ohne das Mandat irgendwelcher Wähler)?

Die fordert im Gleichklang mit der gar entzückend verrückten NATO, ein Kommando zur »Verbesserung der Truppen- und Ausrüstungsbewegungen in Europa« projektierend, den Ausbau von Straßen, Brücken und Schienen (hallo, Deutsche Bahn!) zwecks schnellen Transports von Panzern und Totmachern gen russischer Grenze. Die Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, Federica Mogherini, erklärt: »Durch die Erleichterung der militärischen Mobilität innerhalb der EU können wir Krisen besser vorbeugen, unsere Missionen effizienter einleiten und bei auftretenden Problemen rascher reagieren.«

»Irrsinn«? »Kriegstreiberei«? »Kriegsgeheul« (Sevim Dagdelen)? Und wenn im ARD-»Presseclub« von woweißwoher dahergehampelte Alpha-­Sinnierer betreffs der Causa Ukraine »eine militärische Option« auf den Tisch zu legen sich berufen fühlen? Ist das dann »unverhohlene Kriegshetze« (Gabriele Krone-Schmalz, ehedem ARD)?

Diese Bagage, diese zusammengerammelten Pressbengel und -bengelinnen – »integral schuldig (…) an Krieg und Weltkrieg« (Eckhard Henscheid in einem Essay über Karl Kraus) – heute wieder wie immer.

Zum ewigen Frieden

Dritter Akt, 46. Szene, der Nörgler bleibt vor der Pestsäule in Wien stehen: »O ausgestorbene Welt, das ist die Nacht, / der nichts mehr als der jüngste Tag kann folgen. / Verschlungen ist der Misston des Mordens / vom ewigen Gleichmaß sphärischer Musik.«

Die Deklamation ist, tatsächlich filmisch betrachtbar, auf www.kraus.wienbibliothek.at zu finden. Karl Kraus rezitiert sein Gedicht »Zum ewigen Frieden«.

Er hebt an mit einem Motto aus Kants nämlicher Schrift: »Bei dem traurigen Anblick nicht sowohl der Übel, die das menschliche Geschlecht aus Naturursachen drücken, als vielmehr derjenigen, welche die Menschen sich untereinander selbst antun, erheitert sich doch das Gemüt durch die Aussicht, es könne künftig besser werden; und zwar mit uneigennützigem Wohlwollen, wenn wir längst im Grabe sein und die Früchte, die wir zum Teil selbst gesät haben, nicht einernten werden.«

Danach die Verse von Karl Kraus. Ich beschränke mich: »Nie las ein Blick, von Tränen übermannt, / ein Wort wie dieses von Immanuel Kant. // Bei Gott, kein Trost des Himmels übertrifft / die heilige Hoffnung dieser Grabesschrift. / (…) Durchs Höllentor des Heute und Hienieden / vertrauend träumt er hin zum ewigen Frieden. // (…) Bis an die Sterne reichte einst ein Zwerg. / Sein irdisch Reich war nur ein Königsberg. // (…) Im Weltbrand bleibt das Wort ihr eingebrannt: / Zum ewigen Frieden von Immanuel Kant!«

Ihr? Der ewiglich kapitalistisch verhexten Sogenanntmenschheit.

Jürgen Roth schrieb an dieser Stelle zuletzt am 11. Februar 2017 über den damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck.


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  • Beitrag von Reinhard L. aus . (14. Dezember 2018 um 22:05 Uhr)

    »Wenn preußische Sozialdemokraten der Einladung in das Reichsamt des Innern folgen und der Kaiser an dieser Besprechung teilnimmt, so ist das keine Verletzung sozialdemokratischer Grundsätze. (…) Die Sozialdemokratie ist eine revolutionäre Partei (Oho!-Rufe), sie muss deshalb auch, wenn es die veränderten Verhältnisse erfordern, mit alten Traditionen brechen. (…) Sie muss in ihren eigenen Reihen revolutionieren. Sie ist eben eine durch und durch revolutionäre Partei!«

    Prophetische Worte. Hört man da nicht Nahles und das ewige Gerede dieser Leute vom »Sich-neu-Erfinden«? Oder, andersherum gedacht: die epochale (Un-)Tat der SPD waren die Kriegskredite 1914, die Agenda 2010 bloß noch ihre logische Fortsetzung: Wieder einmal ging es darum, das Land für eine Konkurrenz fit zu machen, mit dem Unterschied, dass die einstweilen noch nicht die der Waffen sein sollte.

    Ruhet ohne Frieden.