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Aus: Ausgabe vom 12.12.2018, Seite 10 / Feuilleton
Weihnachten

Die gezauberten Häufchen

»Hatchimals«, »Party Pop« und der Lumpensack: Alltag in einer Spielwarenabteilung zur Vorweihnachtszeit
Von Thomas Behlert
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Warum nicht mal Schweinegrippe? (Plüschtier in Gestalt des Krankheitserregers)

Weihnachten will plötzlich jeder gesund leben und greift zu Biomilch, die nur von Jungfrauen gemolken, oder Biozucker, der von gerade der Sklaverei entronnenen Arbeitern geerntet wurde. Damit das Zeug schön lange haltbar ist, steckt es in Folie und außerdem in hässlich grauen Pappkartons, die auf den ersten Blick »schön« öko aussehen. Gleich neben diesen Regalen stehen mit Zucker oder Süßstoffen angereicherte Kaltgetränke, die den Markt beherrschen und von Jugendlichen im Vorbeigehen gekauft, aber gern auch geklaut werden. In diesem Fall stürzt ein einst bei der Polizei entlassener dicker Mann hinzu, der Ladendetektiv, ringt die verängstigten Jugendlichen nieder und legt ihnen Handschellen an. Im Büro wird das Delikt aufgenommen, Polizei und Eltern werden gerufen und ein Protokoll in mehrfacher Ausfertigung über den Schaden von 2,65 Euro aufgesetzt. Polizei und Detektiv halten damit auch in der Vorweihnachtszeit die Ordnung aufrecht.

Da auch Verkäuferinnen Hunger haben, und die Gewerkschaft vor langer Zeit in längst verflüchtigter Kampfeslust für die Einhaltung von Pausen gekämpft hat, treffen sie sich routinemäßig in einem kleinen, schmucklosen, mit Stühlen, Kaffeemaschine und Aschenbecher vollgestellten Raum und beginnen, ihr mitgebrachtes hartes Brot mit den Zähnen zu zerkleinern. Zwischen Zigarette und Kaffee werden die Themen Arbeit, Mann, Nachbarn und Ausländer durchgenommen. Es kommt auch vor, dass eine sich Gedanken gemacht hat und der Kollegin voller Aufregung zuruft: »Verdammt, man hat so viel zu tun, der Tag müsste 24 Stunden haben.« Oder man erzählt vom Wochenende und will etwas Niveau in die Unterhaltung bringen: »Am Sonnabend beim Konzert von Peter Maffay, da war ich in höheren Sphären.« Gegenfrage der Kollegin: »Oh, und wo liegt das?«

Schließlich kommt die Vorgesetzte und guckt streng. Sie möchte wissen, welche Kassiererin folgenden Vorfall zu verantworten hat: Ein kleiner Junge schüttete sein mitgebrachtes Kleingeld auf den Kassentisch und wollte wissen, was er dafür kaufen könne. Beim Aufsammeln des Geldes meinte die Kassiererin vergnügt: »Na, da kann wohl einer noch nicht zählen?« Wenige Tage später musste die Filialleiterin der Chefetage Rede und Antwort stehen. Die Mutter des Heranwachsenden hat sich beschwert: Ihr Sohn leide nach dieser Äußerung an einem Trauma. Das Abitur scheint in Gefahr. Am Ende könnte der Sohn nur noch Verkäufer werden!

Kaum zu fassen, was Helikopter-Eltern, die um ihren Nachwuchs kreisen wie der Geier um das Aas, in der Vorweihnachtszeit so in der Spielzeugabteilung einkaufen. Da der Nachwuchs beglückt sein will, setzen die letzten Gehirnzellen aus. Sie greifen zu riesigen Dinosauriern aus Plaste und Elaste. Damit können die Kinder kleinere Dinos angreifen. Oft sind die Kampfspuren schon aufgetragen, und »beim Druck eines Knopfes beißt der Tyrannosaurus Rex riesig zu«. Für Buben und Mädels ab vier Jahren gibt es auch das Vieh »Poopsieslime«, ein »Suprise Unicorn« (für Vierjährige: Überraschungs-Einhorn). Ihm füllt das Kind eine undefinierbare Mischung ins Maul, was die Hersteller »füttern« nennen, und sieht kurz darauf, wie das Einhorn einen bunten Haufen kackt (zaubert?), verschämt »Slime-Häufchen« genannt. Zwischen »Enchantimals«, »Matchbirnen«, »Hatchimals«, »Magical Movers« und »Party Pop Teenies«, von denen wir nichts Näheres wissen, steht das Spielzeug »NSU Quickly mit Figur«. Das sind »echte Mopeds der deutschen Nachkriegsgeschichte«. Nicht weiter darüber nachdenken?

Während die Kaufwütigen noch die Teile betrachten, die schon bald in der Gelben Tonne landen, bewegt sich die gläserne Eingangstür, ein frischer Luftzug, gemischt mit fiesen Düften nach Bratwurst, billigem Glühwein und Hartgebäck umweht die erschlafften Körper. Da stehen sie: zwei herrliche Frauen, gehüllt in luftige Kleidung, darunter ein Hauch aus Seide und Nichts, darüber aufregende Tücher und dezente, im festlichen Licht glitzernde Schmuckstücke. Die engelsgleichen Wesen mit kräftig lackierten Fingernägeln wurden von einem Luxuskonzern ausgesandt, um Parfüm in geschwungenen Flaschen darzureichen. Die Kunden sollen teilhaben und lassen sich das nicht zweimal sagen. Gierige Hände greifen nach Fläschchen, Tütchen und Tüchern. Mit Entrücktheit im Blick wollen die Lichtgestalten bereits entschwinden, da nehmen sie Notiz von einem jungen Mann, der schon länger in ihrem Wirkungskreis herumsteht und keine Anstalten macht, sich in ihre Richtung zu bewegen. Er fällt schon seit Stunden durch sein unvorteilhaftes Äußeres auf, hört einen riesigen CD-Stapel durch, von mittelalterlichem »Rockscheiß« bis zu »Deutschpopkotzliedersängern«. Um zu guter Letzt auch ihn noch zu bekehren, reichen ihm die Geschöpfe, die den Abend so angenehm machen, mit verliebtem Lächeln eine Hand voll duftender Proben. Erschreckt weist der Lumpensack das Angebot zurück. Mit blankem Entsetzen in den Augen ruft er verängstigt: »Ich bin Student, ich brauche keinen Duft.«

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