Aus: Ausgabe vom 08.12.2018, Seite 15 / Geschichte

Stadt der Märtyrer

Vor 75 Jahren verübte die Wehrmacht in der Ortschaft Kalavryta ein Massaker an griechischen Zivilisten

Von Martin Seckendorf
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Verbrecherische Wehrmacht (hier bei der Requirierung von Lebensmitteln in einem griechischen Dorf, undatierte Aufnahme)

Mit der Vernichtung der deutsch-italienischen Verbände in Nordafrika zwischen November 1942 und Mai 1943 geriet die Wehrmacht auch im Mittelmeergebiet in die strategische Defensive. Seit Ende 1942 ging die deutsche Führung davon aus, dass die Alliierten die neuen operativen Möglichkeiten für Großlandungen besonders in Westgriechenland nutzen werden. Die Wehrmachtsführung betonte, die »gefährlichste Stoßrichtung« einer alliierten Offensive sei »die gegen den Golf von Patras«. Eine solche Operation könne über den Isthmus von Korinth direkt nach Athen und Mittelgriechenland führen. Im Zusammenhang mit diesen Überlegungen gewann die Peloponnes erhebliche militärische Bedeutung.

Das größte Problem der Deutschen bei der Vorbereitung auf eine alliierte Landung bestand darin, dass die Griechische Nationale Befreiungsfront (EAM) und ihr militärischer Arm, die Griechische Nationale Befreiungsarmee (ELAS), auf der Halbinsel große Gebiete befreit hatten. Die dort stationierte 117. Jägerdivision meldete, die Peloponnes müsse »in ihrer Gesamtheit als Bandengebiet angesehen werden«. Die Freiheitskämpfer bildeten »einen Staat im Staat«, heißt es in der Lagebeurteilung weiter, »und üben ihre kommunistische Regierungsgewalt unbeschränkt aus«. Bestandteil aller diesbezüglichen deutschen Befehle war die Feststellung, die wichtigste Voraussetzung der Invasionsabwehr sei die »endgültige Befriedung des Hinterlandes und Vernichtung der Aufständischen«, um die »Nachschubstraßen freizukämpfen und die erforderliche Rückenfreiheit herzustellen«, wie es in der grundsätzlichen Weisung für die Kriegsführung Nr. 47 hieß.

Am 14. Juli 1943 befahl der Oberbefehlshaber Südost, Alexander Löhr: »Bei feindlichen Landungsangriffen ist mit weitestgehender Beteiligung aufsässiger Bevölkerungsteile zu rechnen.« Deshalb seien schon vor einer Invasion »schärfste Maßnahmen zu ergreifen«. Schrankenloser Terror, so der Tenor der Befehle, sollte die Bevölkerung derart einschüchtern, dass sie es nicht wage, sich im Invasionsfall gegen die deutschen Besatzer zu erheben. Der Kommandierende General des LXVIII. Armeekorps, Hellmuth Felmy, befahl am 1. Juli 1943, zur »Bekämpfung von Banden auf der Peloponnes« seien bei Partisanenaktionen die Teilnehmer der Attacken »öffentlich zu hängen. (…) Gegebenenfalls sind sämtliche männlichen Familienmitglieder auszurotten. (…) Ortschaften, die Banden als Zuflucht dienen können, sind zu zerstören«.

Unternehmen »Kalawrita«

Ein Fernschreiben von Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), vom 6. Oktober 1943 löste aus, was zur Katastrophe von Kalavryta führte. Dem Oberbefehlshaber Südost wurde mitgeteilt, eine alliierte Großlandung stehe kurz bevor. Die vermuteten Landungsgebiete müssten endlich »befriedet« werden. Daraufhin bereitete die 117. Jägerdivision einen Großangriff mit Artillerie und Luftwaffenunterstützung gegen die 1.400 Einwohner zählende Ortschaft Kalavryta, das Zentrum des befreiten Gebietes, vor.

Am 16. Oktober wurde eine Kompanie unter Hauptmann Hans Schober in das befreite Territorium entsandt. Sie sollte Stellungen der ELAS sowie Wege, Straßen und Brücken für das geplante Unternehmen erkunden. Da die Zeit drängte, wurde die Kompanie nur unzureichend bewaffnet und munitioniert sowie ohne Funkverbindungsmittel in Marsch gesetzt. Schon bald erfasste die ELAS-Aufklärung die Deutschen. In der Nähe von Kalavryta wurden die Soldaten zur Kapitulation gezwungen. Am 18. Oktober erhielt die Division Nachricht von der Gefangennahme der Einheit. Die Deutschen begannen sofort mit Durchsuchungsaktionen. Mit unglaublicher Brutalität ging man gegen die Bevölkerung vor. Hunderte Griechen wurden umgebracht, Tausende als Geiseln genommen. Die Opfer dieses Teils des Unternehmens »Kalawrita« tauchen in keiner Nazi-Statistik auf.

Die ELAS machte das Angebot, die Gefangenen gegen von den Deutschen inhaftierte Widerstandskämpfer auszutauschen. Die Verhandlungen scheiterten. Der Erste Generalstabsoffizier der 117. Jägerdivision, Walter Barth, drängte auf eine Gewaltlösung durch Besetzung des befreiten Territoriums. Am 25. November erging der Befehl zur Durchführung des seit Oktober geplanten Unternehmens »Kalawrita«. Starke Kampfgruppen gingen gegen die Kleinstadt vor. Ihr Auftrag: »Vernichtung der (…) Banden. Durchsuchung der Ortschaften nach Kommunisten, Waffen, Propagandamaterial usw. (…) Ortschaften, aus denen geschossen wurde, sind niederzubrennen, die Männer zu erschießen.« Als letzter Punkt war eine »Such- und Vergeltungsaktion« für die Gefangennahme der Kompanie Schober aufgeführt.

Vernichtungskrieg

Der Ring um das Versteck mit den gefangenen Deutschen wurde trotz Verhandlungsangeboten der ELAS immer enger gezogen. Sicher auch aufgrund der Erfahrung, dass die Wehrmacht alle gefangenen ELAS-Soldaten umbrachte, wurde am 7. Dezember der folgenschwere Beschluss gefasst, die 75 deutschen Gefangenen zu töten.

Die Wehrmacht nahm diese Entscheidung zum Anlass, mit dem zweiten Teil des Unternehmens »Kalawrita«, dem Vernichtungskrieg gegen die Bevölkerung, zu beginnen. Der Kommandeur der 117. Jägerdivision befahl »die Erschießung der männlichen Bevölkerung und Niederbrennen aller Orte im Raum des Unternehmens«. Höhepunkt war das Massaker in Kalavryta am 13. Dezember. Die Soldaten trieben die Einwohner zusammen. Die Männer wurden aus der Stadt geführt, Frauen und Kinder in der Schule eingesperrt. Anschließend wurde die Stadt durchsucht. Alles Brauchbare, Geld- und Wertbestände der Bürger und der Filiale der Griechischen Staatsbank konfiszierte das Wirtschaftskommando der Wehrmacht. Danach steckte man die Stadt in Brand. Auch das Schulgebäude wurde von den Flammen erfasst. Nur durch Zufall konnten sich Frauen und Kinder retten. Inzwischen waren mehr als 500 Männer im Alter zwischen 13 und 77 Jahren – mehr als ein Drittel der Einwohnerschaft – ermordet worden. Am Nachmittag fanden die Frauen die Toten und einige schwerverwundete Überlebende. Da alle Transportmittel und Werkzeuge verbrannt waren, zogen die traumatisierten Frauen die häufig grässlich verstümmelten Leichen auf Decken zum etwa 700 Meter entfernten Friedhof. Den gefrorenen Boden mussten sie mit Tonscherben, oft mit den bloßen Händen, aufkratzen. Die eisigen Nächte verbrachten die Überlebenden in den beschädigten, einsturzgefährdeten Häusern. Um Hilfe von außerhalb zu unterbinden, legten die Mörder einen Sperrgürtel um die Stadt.

Am 14. Dezember kehrten die Wehrmachtssoldaten in ihre Unterkünfte zurück. Die blutigste Aktion der Wehrmacht gegen die griechische Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg war beendet.

Aus dem »Abschluß- und Erfahrungsbericht Unternehmen ›Kalawrita‹« der 117. Jägerdivision vom 19. Januar 1944. Verfasser des Berichts wie auch der mörderischen Einsatzbefehle war der erste Generalstabsoffizier (Ia) der Division, Walter Bart. Er wurde nach 1945 Oberst im MAD, dem Geheimdienst der Bundeswehr:

»X-Tag (Beginn; jW) des Unternehmens war der 5.12.1943. Bis auf ein längeres Feuergefecht (…) bei Pankrati, fanden während des ganzen Unternehmens keine größeren Kampfhandlungen statt (…)

Als Sühneaktion für die Ermordung von 75 Gefangenen der Kompanie Schober wurde die Erschießung der männlichen Bevölkerung und Niederbrennen aller Orte im Raum des Unternehmens befohlen (…)

Am 14.12.43 Unternehmen abgeschlossen (…)

1.) Feind Verluste: 17 Tote, mehrere Verwundete.

2.) Eigene Verluste: 13 Tote, 12 Verwundete.

3.) Sühnemaßnahmen:

Folgende Ortschaften wurden zerstört:

Roji, Kerpini, Bahnhof Kerpini, Ano Sachlaru, Kato Sachlaru, Souwardo, Wrachni, Kalavrita, Kloster Meg-Spilaron, Kloster Lawras, Aj. Kiriaki, Awles, Wißoka. Fteri, Klapatsuna, Pirgaki. Wallitsa. Melissia, Kloster Omblu, Lapanangos, Masi, Mazeika, Pankrati, Morochowa. Derweni, Waltos, Planeru, Hütten (4 km W Mazeika).

696 Griechen erschossen.

4.) Beute:

259.623.000 Drachmen (…)

1.930 Schafe, 19 Rinder, 27 Berg-Kleinpferde, 28 Esel, 1 Pferd.

14 Jagdgewehre, 5 Trommelrevolver, 1 Leuchtpistole, 1 Fernglas, ital. Gewehr- und Jagdmunition.«

Quelle: Bundesarchiv Freiburg/Br., RH 26-117/16, Bl. 284


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