Aus: Ausgabe vom 08.12.2018, Seite 10 / Feuilleton

Abstieg in die Theaterhölle

Im Fragerausch: Falk Richters Saarbrücker Vorlesungen zur Dramatik sind als Buch erschienen

Von Jakob Hayner
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»Wo bin ich, wo sind meine Zähne?« Falk Richter stellt doch bloß Fragen (»Fear« an der Schaubühne Berlin)

Was ist ein Text? Wer schreibt ihn, und wer liest ihn? Und wer hat eigentlich Zugang zu ihm? Was kann er für Gefühle auslösen? Wut, Hass, Empörung? Können wir – in Zeiten von Digitalisierung und Fake News – einem Text noch vertrauen? Was macht das mit uns, das Klima des Misstrauens? Fühlen wir uns dann haltlos? Und was bedeutet eigentlich Heimat für uns? Was passiert hier eigentlich, mit mir und der Welt? Und wer bin ich eigentlich – und wie viele? Kommt Ihnen diese Fragerei auch schon leicht blöd vor? Mir nicht. Mein Name ist Falk Richter, ich mache irgendwas mit Theater, und ich befinde mich im »Fragerausch«. Der Fragerausch ist der »Motor«, die »Suchbewegung hin zu einem neuen Projekt«, der Moment »vor den ersten Gehirnstürmen«. Ja, das ist er, der Fragerausch. – Kluge Menschen haben einmal behauptet, dass das Stellen von Fragen am Anfang des Denkens stünde. Was allerdings herauskommt, wenn dies das Ende des Denkens darstellt, kann man nun in Richters unter dem Titel »Disconnected« veröffentlichten Vorlesungen im Rahmen der Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik nachlesen.

Wer jetzt meint, der Verfasser dieser Besprechung habe eingangs gewissermaßen unlauter Herrn Richter persi­fliert, um ihn dümmer dastehen zu lassen, als er ist, sei hier mit einer Originalpassage dieser Vorlesungen, die nebenher mit allem möglichen bloß nicht Dramatik in einem ernsten Sinne zu tun haben, beglückt: »Wie könnte heute eine Sprache der Liebe, eine Sprache der Nähe aussehen? Nähe überhaupt, Nähe zwischen Menschen: Wie kann man sie fühlbar machen, erlebbar machen, nachempfinden, verKÖRPERn. Und wie verKÖRPERt man die Abwesenheit von Nähe, die Abwesenheit von Vertrauen, die Abwesenheit von Liebe, Zuversicht, Sinn, gesellschaftlicher Substanz? Wie verKÖRPERt man das Fehlen von Sicherheit, das Gefühl, nirgends dazuzugehören, keinen Halt zu haben, nicht eingebunden zu sein in eine Gemeinschaft, die eine stabile Identität gewährleistet. Wie stellt man all dies dar, um eine eigene Suchbewegung im Zuschauer in Gang zu setzen, damit der/die Zuschauer*in sich fragt: Was vermisse ich in meinem Leben? Ist das hier wirklich mein Leben, das, was ich hier gerade lebe? Wollte ich das? Für wen lebe ich das? Oder hat sich mein Leben von mir abgetrennt? Lebt es ohne mich? Irgendwo anders? Was fehlt? Was fehlt da?« Zumindest die letzte Frage kann man klar beantworten: immerhin der Anflug eines Gedankens.

Aber mit welchen Mitteln wird hier die Abwesenheit von geistiger Substanz verKÖRPERt? Nahezu jeder Satz ist mit einem Fragezeichen versehen, und selbst wo keines steht, müsste dies nach allen Regeln der Grammatik manches Mal durchaus der Fall sein. Dazu die manieristische Großschreibung von KÖRPER, eine plumpe Erkennungsmarke des »performative turn« der Kultur- und Theaterwissenschaften. Noch die einfachsten Banalitäten und abgedroschensten Phrasen in Fragen zu verpacken soll offenbar Tiefsinn vortäuschen. Dass der Inhalt nichts weiter ist als eine Suche nach Nestwärme und Abwesenheit von Widersprüchen, sollte zumindest denen zu denken geben, die das ernsthaft irgendwie für progressiv halten. Nun ist Richter aber nicht irgendein Theaterdödel, der mit seinem Fragerausch vor den ersten Gehirnstürmen allein seinen schon leicht genervten Freundeskreis auf irgendeiner Hinterhof-Off-Bühne belästigt, sondern einer der zurzeit bekanntesten Theatermacher der Republik. Er inszeniert – oftmals seine eigenen Texte – an großen Bühnen, in Berlin an der Schaubühne und am Gorki, in Hamburg am Deutschen Schauspielhaus. Und er macht erklärtermaßen politisches Theater. Doch was für eines?

»Mein Theater soll Komplexität erzählen«, so Richter, »davon, wie bedrohlich Komplexität wirken kann, da sie manchmal überfordert, aber auch davon, wie sehr Komplexität eben eine Feier des Lebens darstellt.« Feier des Lebens?! Hier wird die liberale Ideologie mit den Weihen der Spiritualität versehen, FDP für Esoteriker. Richter ist der Hauptprotagonist des linksliberalen Erbauungstheaters, quasi Evangelischer Kirchentag fürs kulturaffine, an moralischer Statussicherung interessierte Bürgertum. Im salbadernden Predigtton wird von der Kanzel des Theaters das Leben in all seiner Komplexität gepriesen, es ist ja so schön, auch wenn’s manchmal überfordert. Dafür wird der gesamte Jargon der Emotionalität aufgefahren, es geht ausschließlich um Angst, Wut, Hass, Unsicherheit, Erschöpfung, und selbst die Finanzkrise wird allein als eine Vertrauenskrise behandelt. Das therapeutische Vokabular legt dann auch den Auftrag nahe: Vertrauen schaffen. Was daran politisch ist? Man wüsste es gern.

Zum Glück (für Richter) gibt es ja die Rechten, die für seine Feier der Komplexität das passende Feindbild abgeben. Es hat schon Züge einer katastrophischen Angstlust, mit der er sie – wie in seiner Inszenierung »Fear« – als Zombies auftreten lässt. Symptomatisch sind die Passagen, in denen Richter von Klagen realer Rechter berichtet, die sich unter anderem falsch zitiert sahen (was das Gericht auch bestätigte). Nach kurzem Verweis auf Bücherverbrennungen in der deutschen Geschichte, drunter geht’s offenbar nicht, lässt Richter wissen, dass auch seine Arbeit verboten und zensiert werden sollte. Zensur? Sicher, so kann man wahrheitswidrig einen Gerichtsprozess, der die Verletzung von Persönlichkeitsrechten klären sollte, auch nennen. Dann aber im nächsten Satz zu behaupten, den demokratischsten Staat auf deutschem Boden in aller Unbedingtheit zu verteidigen, wozu dann sicher auch der Schutz von Persönlichkeitsrechten gehört, ist pure Hybris. Wie schrieb Maxim Biller einst: »Immer von oben herab, aber nie aus geistiger Höhe.« Aber Falk Richter ist einfach einer von den Guten. Der Weg zur Theaterhölle ist fraglos mit seinen Stücken und den Saarbrücker Vorlesungen gepflastert.

Falk Richter: Disconnected. Theater, Tanz, Politik. Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik. Mit einem Nachwort herausgegeben von Johannes Birgfeld. Alexander-Verlag, Berlin 2018, 180 Seiten, 16 Euro


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