Aus: Ausgabe vom 08.12.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Die »Illiberalismus«-AG

Ungarn: Fusion der Unternehmen Opus Global und Konzum bestätigt. Europäische Investoren sollen teilhaben an Wirtschaftswunder

Von Gergö Varga, Budapest
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Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban (r.) und sein Freund Lörinc Meszaros in ihrem Heimatdorf Felcsut (April 2014)

Ungarn hat einen neuen Superkonzern: Die Konzum-Opus AG. Am Montag stimmten die Anteilseigner von Opus Global und Konzum der Fusion zu, auch das Kartellamt hat bereits seinen Segen gegeben. Eigentümer beider Konzerne, die sich hauptsächlich mit Vermögensverwaltung beschäftigen und für sich genommen schon Riesen waren, ist der Alleskönner Lörinc Meszaros. Seine neue Aktiengesellschaft wird das fünftgrößte Unternehmen an der ungarischen Börse werden, wie diese berichtete. Die Pläne waren im Oktober verkündet worden, bis Ende März soll die Fusion abgeschlossen sein.

Bereits Ende November schrieb die von der ungarischen Regierung organisierte Presse, dass eine Delegation der Aktiengesellschaft auf einer Rundreise durch Europa sei und in fünf Großstädten – Frankfurt am Main, Stockholm, London, Helsinki und Tallinn – willkommen geheißen wurde. Die Tournee des neuen Unternehmens wurde von den Beraterfirmen Goldman Sachs und Renaissance Capital organisiert. Das Ziel sei gewesen, so die ungarische Nachrichtenagentur MTI, den bedeutendsten Investoren auf dem globalen Kapitalmarkt einen Einblick in den Fusionsvorgang zu geben. Eigentlich eine ziemlich trockene Wirtschaftsnachricht, sie hat aber gleichzeitig auch historischen Charakter.

Die Konzum-Opus AG ist nicht einfach ein erfolgreiches ungarisches Unternehmen, es ist die größte Zierde des von Ministerpräsident Viktor Orban proklamierten »Systems der Nationalen Zusammenarbeit«. In seinem Portfolio findet sich alles, was Ungarn an wirtschaftlicher Tätigkeit zu bieten hat. Da ist vor allem natürlich die Bauindustrie, Hauptquelle des Geldes sind von der EU finanzierte Projekte. Die Ausschreibungen dazu gewinnen die Unternehmen in Reihe. Zum anderen ist da das Immobiliengeschäft, das Geld kommt aus dem Einkauf von Immobilien mit günstigen Krediten, die von staatlichen oder »befreundeten« Banken stammen. Das ist einer der Gründe, weswegen es gegenwärtig schwer ist, am Balaton Urlaub zu machen, ohne die Gastfreundschaft eines der Hotels eines Tochterunternehmens von Kon­zum-Opus zu genießen.

Insgesamt beträgt der Wert des Unternehmensimperiums laut ungarischer Börse mehr als 1,1 Milliarden Euro. Seine Geschichte könnte einem Märchen entstammen: Eigentümer Lörinc Meszaros begann seine Karriere als Gasinstallateur, das Schicksal aber wollte es, dass er ein guter Freund Orbans ist. Und wer ein guter Freund Orbans ist, dem ist das Glück hold. Meszaros hat es auf diese Weise geschafft, im Wirtschaftswettbewerb Weltrekorde aufzustellen: Im Jahr 2017 ist der Wert der Konzum-Aktie um 6.600 Prozent gestiegen, laut Nachrichtenagentur MTI steht das Unternehmen damit weltweit auf Platz eins. Opus Global kam mit einer 1.600 prozentigen Wertsteigerung auf den dritten Platz. Lörinc Meszáros »Eigentum« wächst exponentiell, stärker als das von Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Der frühere Gasinstallateur ist heute die zweitreichste Person Ungarns.

Die europäischen Investoren, die auf der Tour bezirzt wurden, werden mit Bedauern festgestellt haben, dass sie zum ungarischen Medienmarkt keinen Zugang mehr finden werden. Noch während die Konzum-Opus-Fusion verkündet wurde, konsolidierte sich parallel das Medienportfolio in den Händen regierungsnaher Unternehmer in einer einzigen Stiftung. Entgeltlos boten sie dieser 476 Fernseh- und Radiosender, Onlineportale, gedruckte Tages-, Wochen- und Vierteljahresschriften an. Bevor sich das Kartellamt um die Sache hätte kümmern können, unterschrieb das Kabinett ein Gesetz, das dem Zusammenschluss »strategische Bedeutung« zubilligt, weshalb es über kartellrechtliche Zweifel erhaben sei.

Die Europarundreise von Kon­zum-Opus hängt zweifelsohne damit zusammen, auch anderen die Möglichkeit zu geben, an den Erfolgen des »Illiberalismus« teilzuhaben. Welche Wege zu diesem Erfolg geführt haben, welche rechtsstaatlichen Normen dafür mit Füßen getreten werden mussten, ist dabei höchstens drittrangig. Ein halbes Jahr vor den Europawahlen ist das ohne Frage auch ein strategischer Schritt: Viktor Orban hat versprochen, dass nach den 68er »Globalisten« die 89er »Nationalen« kommen werden. Man wird sehen, wer von den »Big-Players« an den Börsen Geschmack am »Illiberalismus« finden wird. Nachdem in diesem Jahr der sogenannte Sargentini-Bericht, der feststellte, dass »die eindeutige Gefahr einer schwerwiegenden Verletzung der Grundwerte der Europäischen Union durch Ungarn besteht«, als Papierflieger durch das Europaparlament flog, werden jetzt die Scheckbücher gezückt, nach dem ideologischen Süßholzraspeln stellen sich jetzt die Fragen: Was kommt auf den Tisch, wer bekommt etwas davon ab.


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