Aus: Ausgabe vom 07.12.2018, Seite 16 / Sport

Für den Anfang

»Auch international angreifen«: Der Wasserballverein Spandau 04 hat endlich ein Frauenteam

Von Alina Schwermer
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»Tragende Säule sein«: Belén Vosseberg (r.) in einem Spiel der Nationalauswahl

Das erste Spiel endete mit einem Unentschieden, das dazu angetan war, die Ambitionen zu unterstreichen. Bei ihrem Debüt in der Wasserball-Bundesliga kamen die Frauen von den Wasserfreunden Spandau 04 am 24. November zu einem 15:15 beim SC Chemnitz. Gewiss, zehn der 15 Auswärtstore gingen aufs Konto der Nationalspielerinnen Jennifer Stiefel und Belén Vosseberg, die ihren Kolleginnen einiges an Erfahrung voraushaben. »Viele einfache Fehler« hatte Trainer Marko Stamm notiert. »Aber das können wir im Verlauf der Saison abstellen. Für das erste Spiel war es super.«

Zum ersten Mal überhaupt hat der Männer-Rekordmeister ein Frauenteam in der Bundesliga, und mit dem Selbstverständnis eines FC Bayern soll das im ersten Jahr eine Medaille holen. Die Organisatoren der Liga machen keinen Hehl aus ihrer Erleichterung über das neue Engagement der Randberliner. Bei der Ansetzung der Partien wird darauf Rücksicht genommen, dass Marko Stamm bei den Herren von Spandau aktiv ist und sich da nichts überschneidet. Der deutsche Frauenwasserball dümpelt seit Jahren eher vor sich hin und hofft auf Belebung. Nur sieben Teams treten derzeit in der höchsten Spielklasse an, besonders spannend waren die Meisterschaften der vergangenen 20 Jahre nicht. Von 2000 bis 2011 gewann ununterbrochen der SV Blau-Weiß Bochum, 2012 übernahm Bayer Uerdingen und blieb fast sechs Jahre lang in Liga und Pokal ungeschlagen. Wenn sich das Teilnehmerfeld der kleinen Liga änderte, hatte das oft finanzielle Gründe. 2014 zogen sich die Freien Schwimmer Duisburg und die SG Neukölln zurück, 2015 der Hannoversche SV und vor dieser Saison der Hamburger HTB.

Warum ist der Spandauer Spitzenverein erst jetzt auf die Idee gekommen, ein Frauenteam aufzubauen? »Im Verein hat sich keiner richtig dafür interessiert«, sagt Marko Stamm gegenüber jW. »Es ist wohl niemand auf den Gedanken gekommen.« In den 80er Jahren gab es ein Frauenteam auf Bezirksebene, aber nur kurzzeitig. »Es ist einfacher, eine Mannschaft mit vollem Herzen aufzubauen als zwei halbherzig«, erklärt Stamm. Er wünsche sich eine Umverteilung von Geldern zugunsten der Frauen, aber Wunsch und Realität seien zweierlei. »Geld ist eigentlich bei keinem Verein ausreichend vorhanden. Die meisten entscheiden sich für eine Männermannschaft, weil dafür leichter Sponsoren zu finden sind.« Das Schattendasein der Frauenabteilungen geht weniger auf offene Ablehnung zurück, eher auf Desinteresse und kühle Kosten-Nutzen-Rechnungen.

Wenn dieser Kreislauf durchbrochen wird, ist es oft dem Engagement von einzelnen zu verdanken. Vor mehr als einem Jahr hat Stamm begonnen, ein Team aufzubauen, mit anfangs nur vier Spielerinnen. Die zwölf Trainingseinheiten pro Woche leitet er bis heute ehrenamtlich, zusätzlich zum eigenen Training. Einiges war der Entwicklung förderlich. Der Rückzug der SG Neukölln hatte in Berlin eine Lücke entstehen lassen. Im eigenen Verein fanden sich viele an Wasserball interessierte Schwimmerinnen. Dazu kommt, dass Stamms Freundin Belén Vosseberg eine der deutschen Spitzenspielerinnen ist. »Anfangs wurde ich etwas belächelt«, sagt er. »Einige haben sich gefragt, wie ich das schaffen will neben dem Herrenwasserball. Aber jetzt kommen immer mehr Leute, die uns auf die Schulter klopfen. Wir haben doch was geschafft.«

Das erste Frauenteam der Wasserfreunde
Das erste Frauenteam der Wasserfreunde

Der junge Coach hat viel vor mit seinem Team. Beim Aufbau einer Mädchenmannschaft würde er gerne mit dem SG Neukölln kooperieren. Er will Berlin zu einem Wasserball-Bundesstützpunkt auch für die Frauen werden lassen und das Hallenproblem lösen, das die Spandauerinnen momentan haben. Längerfristig will er mithelfen, den deutschen Frauenwasserball europaweit wieder konkurrenzfähig zu machen. »In den letzten zehn Jahren hat sich nach oben leider nicht viel bewegt. Frauenwasserball wird in Deutschland zuwenig gefördert. Wir wollen mit Spandau eine tragende Säule sein, auch international wieder angreifen.«

Die Ambitionen kommen womöglich gerade zur rechten Zeit. Vor wenigen Wochen erklärte der Deutsche Schwimmverband (DSV), er wolle das Frauenteam nicht zur EM 2020 melden. Die vermeintlich wenig wehrhaften Wasserballerinnen stiegen auf die Barrikaden. »Man fragt sich als Spielerin: Wofür trainiere ich mehrfach die Woche? Der Nachwuchs fragt sich das auch, die sehen einen ja als Vorbild«, erklärte etwa Nationalspielerin Lynn Krukenberg. Die Spielerinnen starteten eine Onlinepetition, Ende November sagte der DSV die Teilnahme doch zu. Aber viel Unterstützung gibt es nicht, das gilt auch für die Liga.

Das nötige Budget von rund 20.000 Euro für die laufende Saison der Spandauerinnen ist noch nicht aufgetrieben. »Wir werden uns den Etat schon zusammenbasteln«, meint Marko Stamm optimistisch. Sie haben ja gerade erst angefangen. Zum ersten Heimspiel kommt am 16. Dezember, 12 Uhr, Waspo Hannover in die Sport-und Lehrschwimmhalle Schöneberg.


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