Aus: Ausgabe vom 07.12.2018, Seite 11 / Feuilleton

Ich hab’ geträumt, ich schlafe nicht

Schlaf ohne Erholung. Eine Freiburger Studie scheint ein altes Paradox zu erklären

Von Frank Ufen
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»Die meisten Patienten, die eine stark ausgeprägte Schlaflosigkeit schildern, schlafen im Schlaflabor rund 80 Prozent des normalen Pensums«

Man schätzt, dass gegenwärtig 15 Prozent aller erwachsenen Deutschen an einer Schlafstörung leiden. Es gibt allerdings ein merkwürdiges Phänomen. Schon seit einiger Zeit ist bekannt, dass die meisten derjenigen, die über Schlaflosigkeit klagen, längst nicht so wenig schlafen, wie sie glauben. Bisher gab es für das Paradox keine schlüssige Erklärung. Doch nun sind der Neurophysiologe Bernd Feige und seine Kollegen von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Freiburger Universität der Sache auf den Grund gekommen. Die Wissenschaftler berichten über ihre Forschungsergebnisse im Fachjournal Sleep.

An der Untersuchung in einem Schlaflabor nahmen 27 Menschen mit schweren Schlafstörungen sowie 27 ohne diese Probleme teil. Die Versuchspersonen wurden in einer Nacht dreimal aus ihrem REM-Schlaf geweckt, also in den Schlafphasen, in denen am intensivsten geträumt wird. In einer anderen Nacht wurden die Probanden dreimal aus ihrem Non-REM-Schlaf gerissen. Unmittelbar danach wurden die Probanden gefragt, ob sie gerade geschlafen oder wach gelegen hatten, wie sicher sie sich waren, sich daran erinnern zu können, und schließlich, welche Gedanken ihnen eben durch den Kopf gegangen waren oder wovon sie eben geträumt hatten.

Das Experiment ergab einen aufschlussreichen Befund. Ein Sechstel derjenigen, die unter Schlaflosigkeit litten, waren sich, nach dem sie aus dem REM-Schlaf geweckt worden waren, absolut sicher, hellwach gewesen zu sein. D. h. sie hatten bloß geträumt, kein Auge zugemacht zu haben. Zudem erklärten etliche der schlafgestörten Testpersonen unmittelbar nach ihrem Erwachen aus dem Traumschlaf, dass sie nicht genau wüssten, ob sie geschlafen hatten oder nicht. Und viele von ihnen antworteten, auf die Frage, was ihnen zuletzt durch den Kopf gegangen sei, es sei die Sorge gewesen, keinen Schlaf finden zu können. Solche Aussagen waren hingegen von den Testpersonen, denen Schlafprobleme nicht zu schaffen machen, kaum zu hören. »Die meisten Patienten, die eine stark ausgeprägte Schlaflosigkeit schildern, schlafen im Schlaflabor rund 80 Prozent des normalen Pensums«, sagt Feige.

Dieser Umstand lasse darauf schließen, dass die ständig wiederkehrende Sorge, lange wach zu liegen und am nächsten Morgen ein weiteres Mal unausgeschlafen aus dem Bett zu kommen, in den Traum eingeht und in ihm zu Geschichten verarbeitet wird. Feige vermutet, dass diese Form der Schlaflosigkeit meistens von einer psychisch belastenden Situation – wie beispielsweise einer Prüfung – ausgelöst worden ist. Die Angst vor dieser Situation führt dazu, dass man schlecht schläft und am nächsten Tag übermüdet und unkonzentriert ist. Und von nun an wird man von der Sorge geplagt, wieder und wieder unausgeschlafen aus dem Bett steigen zu müssen. »Ganz wichtig ist: Für die Belastung der Patienten macht es keinen Unterschied, ob die Schlafstörung objektiv messbar oder nur im Traum vorhanden ist«, erklärt Feiges Kollege Dieter Riemann.

Die Befunde der Freiburger Forscher sprechen dafür, dass es sich lohnen könnte, das Leiden mit anderen als den üblichen Methoden zu behandeln. So könnte man sich psychotherapeutische Verfahren zunutze machen, um Alpträume zu reduzieren. Außerdem könnten Medikamente eingesetzt werden, welche den REM-Schlaf verbessern.


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