Aus: Ausgabe vom 07.12.2018, Seite 2 / Inland

»Brand so nicht möglich«

ARD-Recherchen nähren Zweifel an Suizid von Amad A. in JVA Kleve

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Der Zellenbrand in der JVA Kleve wirft viele Fragen auf

An den Umständen des Todes des unschuldig inhaftierten Amad A. nach einem Zellenbrand in der JVA Kleve gibt es neue Zweifel. Ein Experte des Instituts für Brand- und Löschforschung in Dippoldiswalde hat das Ergebnis des bisherigen Brandgutachtens in Frage gestellt. »So wie der Brand von der Staatsanwaltschaft beschrieben wurde, ist er nicht möglich«, sagte Korbinian Pasedag dem ARD-Magazin »Monitor« laut Vorabmeldung vom Donnerstag. Er hatte ein eigenes Gutachten im Auftrag der Sendung erstellt.

Neben der Staatsanwaltschaft Kleve geht bislang auch das nordrhein-westfälische Justizministerium davon aus, dass der Syrer Amad A. den Brand in seiner Zelle am 17. September selbst gelegt hat, um sich umzubringen. Dabei beziehen sie sich auf ein von der Behörde in Auftrag gegebenes Gutachten. In dem heißt es, dass der Brand »circa 15 Minuten bei geschlossenem Fenster eingewirkt habe, ohne dass sich der syrische Staatsangehörige bemerkbar gemacht habe«. Erst nach dieser Viertelstunde soll A. die Rufanlage in seiner Zelle betätigt haben, um danach das Fenster des Haftraums zu öffnen.

Nach Einschätzung von Pasedag ist kein Mensch bei beschriebenem Brandverlauf nach 15 Minuten noch handlungsfähig. »Auf der einen Seite durch den dichten Rauch und auf der anderen Seite durch die Toxizität der Gase, die da entstehen«, so der Fachmann. Zweifel äußerte auch der Direktor der Rechtsmedizin Frankfurt am Main, Marcel A. Verhoff. »Ich würde eher erwarten, dass die Person nach einer Viertelstunde längst bewusstlos ist«, sagte er gegenüber der ARD.

In dem nun vorgelegten Gutachten wird zudem darauf hingewiesen, dass die durch das Feuer entstehenden Verbrennungen »zu erheblichen Schmerzen führen, die durch Schmerzschreie geäußert werden«. Solche Schreie bestätigten laut »Monitor« mehrere Menschen, die sich zu dem Zeitpunkt in der Vollzugsanstalt befanden. Die Ungereimtheiten werfen erneut die Frage auf, wie das Handeln der JVA-Bediensteten zu beurteilen ist.

Ende September war A. in einem Bochumer Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erlegen – zwei Wochen nach dem Brand in seiner Zelle. Der Fall hatte für zusätzliche Empörung gesorgt, weil A. über Wochen unschuldig inhaftiert worden war. Als Begründung hieß es damals, bei einem Polizeieinsatz im Juli seien Personalien verwechselt worden. (AFP/jW)


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