Aus: Ausgabe vom 30.11.2018, Seite 15 / Feminismus

Islamreformerin ausgezeichnet

Anwältin, Imamin und Autorin Seyran Ates erhält Preis »Das unerschrockene Wort«

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Seyran Ates (hier im Herbst 2017 in Berlin) setzt sich mit ihrem islamischen Reformprojekt zwischen alle Stühle

Die Berliner Frauenrechtlerin und Islamreformerin Seyran Ates erhält den mit 10.000 Euro dotierten Preis »Das unerschrockene Wort«. Damit werde der Einsatz der 55jährigen für einen liberalen Islam und gegen politisch-religiösen Fundamentalismus gewürdigt, teilte die Stadt Marburg am Mittwoch mit. Die Rechtsanwältin, Imamin und Autorin (»Der Islam braucht eine sexuelle Revolution«) sei eine Pionierin der Integrationsarbeit mit »enormer Zivilcourage«, hieß es in der Begründung der Jury. Der Preis soll Ates am 27. April 2019 in Marburg überreicht werden. Die Auszeichnung wird seit 1996 alle zwei Jahre in einer Stadt vergeben, in der der Reformator Martin Luther gelebt oder gewirkt hat. Der Preis soll an die Standhaftigkeit Luthers erinnern, der sich 1.521 auf dem Reichstag in Worms weigerte, seine Ansichten zu widerrufen und daraufhin geächtet wurde.

Seyran Ates hat im Juni 2017 die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin eröffnet, in der Frauen und Männer nebeneinander beten können. Auch werden dort sowohl muslimische als auch interreligiöse Trauungen angeboten, bei denen nur ein Partner islamischen Bekenntnisses zu sein braucht, aber nicht männlich sein muss. »Dabei ist es völlig unerheblich, welche sexuelle Orientierung die Personen haben. Jedoch führen wir Eheschließungen erst dann durch, wenn vorher standesamtlich geheiratet wurde«, heißt es auf der Internetseite der Moschee. Auch religiöse Scheidungen sind dort möglich, werden aber – mit Ausnahme von Paaren, die nur religiös getraut wurden – nur durchgeführt, wenn eine Scheidungsurkunde eines deutschen Gerichts vorliegt.

Als Anwältin vertrat Seyran Ates in Scheidungsverfahren Frauen, deren Ehemänner gewalttätig auf den Trennungswunsch reagiert hatten. Sie wurde mehrfach bedroht und angegriffen. Schon während ihres Studiums hatte sie einen Mordanschlag überlebt: In einer Beratungsstelle für Frauen aus der Türkei, in der sie nebenher arbeitete, hatte 1984 ein Mann ihre Klientin erschossen und sie selbst lebensgefährlich verletzt.

2006 schloss sie nach mehreren Morddrohungen ihre Kanzlei. Da sich nach der Eröffnung der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee die Drohungen wieder häuften, steht sie unter Personenschutz. In dieser Woche kritisierte sie die erneute Beteiligung der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB) an der Deutschen Islamkonferenz: Der repressive türkische Staat sitze dadurch mit am Tisch. Liberale Muslime seien auch deshalb schlechter organisiert, weil der Islam nach ihrem Verständnis »eine sehr individualistische, sehr basisdemokratische« Religion sei, sagte sie am Mittwoch dem Deutschlandfunk. (dpa/jW)


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