Aus: Ausgabe vom 29.11.2018, Seite 6 / Ausland

Spätes Schuldeingeständnis

Nach Druck von Holocaust-Überlebenden und deren Angehörigen will niederländische Eisenbahngesellschaft Entschädigungen zahlen

Von Gerrit Hoekman
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Erinnerung an Holocaust-Opfer: Gedenkveranstaltung in der niederländischen Stadt Geffen am 20. Oktober 2012

Die niederländische Bahngesellschaft Nederlandse Spoorwegen will den Überlebenden des Holocausts und den Angehörigen der Opfer erstmals eine Entschädigung zahlen. Das berichtete die öffentlich-rechtliche Nachrichtensendung »Nieuwsuur« am Dienstag. Damit beendet das Unternehmen außergerichtlich den Streit mit dem Nachfahren Salo Muller.

»Wir haben zusammen beschlossen, eine Kommission einzurichten, um uns nicht juristisch gegenüberzustehen«, teilte Bahngeneraldirektor Roger van Boxtel am Dienstag mit. Die Kommission soll einen Weg finden, wie die Betroffenen angemessen entschädigt werden können – in welcher Höhe und wer darauf Anspruch hat, ist noch unbekannt.

Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg schaffte Nederlandse Spoorwegen im Auftrag der Nazis Juden in das Zwischenlager Westerbork. Auch die Familie von Anne Frank war zwischenzeitlich dort inhaftiert. Die Bahngesellschaft leistete nicht nur keinen Widerstand gegen die Deportation, sie nahm auch noch Geld für die Transporte an. »Die Deutschen bezahlten dafür und verlangten, dass die Bahn für einen Fahrplan sorgen musste«, zitiert »Nieuwsuur« Dirk Mulder vom Erinnerungszentrum Kamp Westerbork. Am Ende soll ein Gewinn von umgerechnet 2,5 Millionen Euro gestanden haben.

Salo Mullers Eltern wurden 1941 ebenfalls mit dem Zug von Amsterdam nach Westerbork verschleppt. »Sie haben dort genau neun Wochen gesessen. Dann sind sich nach Auschwitz transportiert und dort vergast worden«, erzählte der 82 Jahre alte Muller in einem Interview mit »Nieuwsuur« vom vorigen Jahr.

Nederlandse Spoorwegen weigerte sich lange, die Schuld anzuerkennen. Erst 2005 rang sich der Konzern eine offizielle Entschuldigung für seine Rolle im Krieg und als Handlanger der Nazis ab. Er lehnte es aber weiterhin ab, eine individuelle Entschädigung zu zahlen. Statt dessen beteiligte er sich finanziell an verschiedenen Projekten, unter anderem mit einer Millionen Euro für den Aufbau des Lagers Westerbork als Erinnerungsstätte.

Salo Muller ist erfreut über das Angebot der Bahn. »Das ist ein Ergebnis, von dem ich vielleicht geträumt habe, aber das ich nicht erwartet habe. Ich bin dankbar, dass es so gekommen ist.« Auch wenn es schon lange her sei, bleibe das Leid doch für sehr viele Juden bestehen. Das Angebot der Bahn sei das Eingeständnis moralischer Schuld.

Liesbeth Zegveld, die Anwältin von Salo Muller, bezeichnete die Entscheidung als »historisch«. Wie groß die Gruppe der Anspruchsberechtigten sein wird, sei schwer einzuschätzen und Gegenstand der weiteren Verhandlungen mit dem Unternehmen.

»Das sind tolle Nachrichten«, freute sich auch Jacques Grishaver vom Nederlands Auschwitz Comité am Mittwoch beim öffentlich-rechtlichen Sender NOS. »Ich hoffe, dass die Kommission schnell zusammengestellt wird und an die Arbeit geht.«

In einem Interview mit »Nieuwsuur« schlug Salo Muller im vergangenen Jahr vor, Überlebende sollten 80.000 Euro erhalten, Angehörige ein Zehntel davon. Er orientierte sich damit an den Betrag, den die französische Bahngesellschaft SNCF vor drei Jahren den Überlebenden und Angehörigen zugestanden hatte – insgesamt 60 Millionen US-Dollar. »Geld bezahlen tut einer Firma mehr weh als eine Entschuldigung anzubieten«, sagte Muller damals.

Die Entscheidung der Franzosen brachte Muller erst dazu, in den Niederlanden ebenfalls in der Sache tätig zu werden. Er schickte einen Brief an Nederlandse Spoorwegen. Die Antwort überraschte ihn: »Ich bekam ein Schreiben vom Kundenservice zurück. Als hätte ich mein Handy oder meinen Laptop im Zug liegengelassen.« Da sei ihm der Kragen geplatzt.


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