Aus: Ausgabe vom 28.11.2018, Seite 8 / Abgeschrieben

»Kinder barfuß und im Schlafanzug«

Am 22. Oktober 2018 informierte der Flüchtlingsrat Berlin über Vorfälle bei einer von der Berliner Ausländerbehörde organisierten Sammelabschiebung nach Madrid. Daraufhin haben weitere Betroffene die Vorwürfe bestätigt und neue Details ans Licht gebracht. Zudem gibt es nun Berichte über eine Sammelabschiebung von Berlin nach Rom am 6. November. In einer Erklärung des Flüchtlingsrats vom Dienstag heißt es dazu:

Der Flüchtlingsrat steht inzwischen in Kontakt zu insgesamt 18 Personen, darunter Familien und Einzelpersonen, die am 6. Juni nach Madrid abgeschoben wurden (…):

– Mehrere Abgeschobene berichteten, dass Polizisten die Asylsuchenden im Flugzeug mit Elektroschockgeräten bedroht und diese an einer Frau auch eingesetzt hätten. Ein junger Mann sagte uns, er habe Todesangst gehabt, weil er an Herzproblemen leide.

– Eine im siebten Monat schwangere Frau und ihre Familie wurden nachts von der Polizei in Stuttgart abgeholt und nach Berlin gebracht. Weil sie nicht ins Polizeiauto einsteigen wollte, sei ihr Pfefferspray in die Augen gesprüht worden. Ihre drei Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren seien barfuß und im Schlafanzug im Polizeiauto nach Berlin gebracht worden. Während der gesamten Fahrt hätte die Familie weder zu essen noch zu trinken erhalten. Die hochschwangere Frau war psychisch und physisch völlig am Ende. In Madrid habe sie mit einer Trage aus dem Flugzeug getragen werden und bis zur Entbindung im Krankenhaus bleiben müssen.

– Ein junger Mann und seine Mutter wurden in der Berliner Ausländerbehörde für die Abschiebung durch zahlreiche Polizisten festgenommen. Die durch Polizeigewalt in Syrien traumatisierte Mutter sei dabei in Ohnmacht gefallen. Die Polizisten hätten versucht, die auf dem Boden liegende Frau aufzuwecken, indem sie sie mit den Füßen anstießen und hin und her bewegten.

– Eine in Hannover lebende Frau mit nachgewiesener Risikoschwangerschaft und ärztlicher Auflage, zu liegen, sei von Polizisten bei der Abholung geschlagen, gezerrt und gezwungen worden, zu laufen. Als sie auf die Risikoschwangerschaft hingewiesen und über Unterleibsschmerzen geklagt habe, sei sie barsch angewiesen worden, zu schweigen.

– Die in unserer Pressemitteilung vom 22. Oktober bereits erwähnte Frau, die gefesselt und ohne ihren Mann abgeschoben wurde, berichtet, dass ihr gegen ihren Willen ein Beruhigungsmittel gespritzt worden sei. Auf Grund der Fesselung und des emotionalen Ausnahmezustandes habe sie sich in die Hose uriniert, wofür sie von den Polizeibeamten verhöhnt worden sei. Wechselkleidung habe sie nicht erhalten. Bei Ankunft in Madrid sei sie aus dem Flugzeug getragen und in ein bereitstehendes Fahrzeug geworfen worden. (…)

Dass es sich bei dem brutalen Vorgehen von Polizeibeamten um keine Ausnahme handelt, zeigen Berichte, die uns über eine Sammelabschiebung von Berlin nach Rom am 6. November 2018 vorliegen. Unabhängig voneinander haben sich Betroffene bei uns gemeldet. (…) Ihnen sei nicht erlaubt worden, sich anzukleiden, sie seien in Unter- bzw. Nachtwäsche abgeführt worden. Ein 19jähriger Mann habe weder Handy noch Gepäck mitnehmen dürfen. Ein werdender Vater sei trotz vorgeburtlicher Vaterschaftsanerkennung aus der Wohnung seiner hochschwangeren Freundin abgeholt worden. Die Schwangere berichtet, dass die Polizei auch ihr gegenüber äußerst brutal vorgegangen sei. (…)


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