Aus: Ausgabe vom 23.11.2018, Seite 15 / Feminismus

»Kein Angriff ist individuell«

Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen: Kurdische Aktivistinnen weisen auf politische Dimension hin. Gespräch mit Esra Serhed

Von Gitta Düperthal
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Gewalt gegen Frauen ist alltäglich (Illustration, 2013)

Die kurdischen Frauenräte »Amara« in Frankfurt, »Nujin« in Hanau und »Sara« in Offenbach rufen dazu auf, anlässlich des Internationalen Tags zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen auf die Straße zu gehen. Was wollen Sie mit den Protesten am Samstag in Frankfurt am Main erreichen?

Nicht nur kurdische Frauenräte sind entsetzt über die Nachrichten von sexuellen Übergriffen auf Frauen, die uns täglich erreichen – vor allem an Orten, die durch die männerdominierte Weltpolitik zu Kriegsgebieten wurden. Laut »UN Women«, dem Organ der Vereinten Nationen zur Gleichstellung und Ermächtigung der Frauen, wird weltweit jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von Gewalt durch einen Partner. Millionen von Frauen und Mädchen sind von häuslicher Gewalt, Genitalverstümmelung oder sogenannten Ehrenmorden betroffen. 1999 führten die Vereinten Nationen deshalb diesen Tag am 25. November ein. Damals ging es um die Entführung, Vergewaltigung und Folterung dreier Schwestern und deren Ermordung im Jahr 1960. Sie waren in der Dominikanischen Republik durch Militärangehörige des damaligen Diktators Rafael Trujillo verschleppt worden. Die kurdische Frauenbewegung hat aber eine besondere Herangehensweise. Wir sagen: Kein Angriff ist ein individueller Fall, sondern Resultat eines patriarchalen Systems. Wir müssen uns organisieren, um gegen die Unterdrückung der Frauen zu kämpfen.

Das Patriarchat hat das System des Kapitalismus eingeführt. Statt die Strukturen in den Institutionen und der Gesellschaft zu verändern und Frauen in Positionen zu bringen, daran mitzuwirken, werden die erwähnten Probleme hingenommen. Frauen sind weitgehend aus den Spitzen der Wissenschaft, der Politik etc. ins Private verbannt. Der Bundestag besteht nur zu 31 Prozent aus Frauen, durchschnittlich 23 Prozent der Lehrstühle an Hochschulen sind von Professorinnen besetzt. Frauen werden durch Werbung, Film, Literatur, Kultur oder Religion zum Sexualobjekt degradiert. Es gibt kaum Gesetze, die vor Sexismus und Gewalt schützen.

Die kurdischen Frauen hierzulande sind gut organisiert, sie treffen sich in Versammlungen, um die Frauenbefreiung voranzutreiben. Was bewegen sie gesellschaftspolitisch?

Der Amara-Frauenrat ist ein autonomer Rat, der eigene Entscheidungen trifft und unter dem Dachverband Nav-Dem für kurdische Organisationen in Deutschland organisiert ist. Wir sind vernetzt mit Räten aus anderen Städten, treffen uns mit den Frauenräten im nahegelegenen Offenbach und Hanau. Amara hat die 1. Internationale Frauenkonferenz »Revolution in the Making« am 6. und 7. Oktober an der Frankfurter Goethe-Universität mitorganisiert, an der etwa 500 Frauen teilnahmen. Wir sind vernetzt mit Frauengruppen, etwa mit der deutschen »Frauen-Lesbengruppe Frankfurt« oder der türkischen Gruppe »Yeni Kadin« (Neue Frau). Wir bieten Fortbildungen zur Jineologie, der Wissenschaft der Frauen. All das findet nicht nur auf akademischer Ebene statt.

Während des Prozesses um den Feminizid an Saray Güven, deren Stalker wegen Totschlags und nicht wegen Mordes angeklagt wurde, kritisierte Amara eine »patriarchale Justiz« des Landgerichts Darmstadt. Geht es darum, dass Gewalt gegen Frauen als Politikum erkannt wird?

Wir gehen davon aus, dass die Anzahl der an Frauen begangenen Gewalttaten und Morde weiter steigen wird. Zwar leben wir in der Bundesrepublik in einem demokratischen System, aber insgesamt ist festzustellen, dass die deutsche Justiz Täter nur sehr milde bestraft. Oft wird dem Opfer gar eine Mitverantwortung für die Tat zugeschrieben.

Wie ist es aus Ihrer Sicht um das Wissen und das Bewusstsein deutscher Frauen über patriarchale Gewalt bestellt?

Offenbar sitzen Frauen in ganz Europa dem Märchen des Neoliberalismus auf. Sie glauben tatsächlich, dass Frauen die gleichen Aufstiegschancen hätten wie Männer – und falls nicht, seien sie selbst daran schuld. Herrschaftsausübung der Männer ist nicht nur in Diktaturen ausgeprägt, sondern das kapitalistische System beutet Frauen subtil aus und lässt Gewalt gegen sie zu. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Das ist den europäischen Regierungen anzulasten. Wenn es um die deutsche Linke geht – ich meine nicht nur die Partei Die Linke – wird deutlich: Das Zugehen auf die deutsche Arbeiterbewegung muss stärker werden. Eine rein akademische Bewegung wird nichts ausrichten. Es gilt, sich aus den Einflüssen des Staates zu befreien, aber auch die eigene Gruppe besser zu organisieren.

Kurdische Frauen bleiben bei ihren Versammlungen und Demos häufig unter sich. Wie können Sie auf eine Verbreiterung in der deutschen Gesellschaft hinwirken?

Wir haben unsere Ideologie, die in den Bergen Kurdistans entstanden ist, die in gewissem Sinn auch universell ist und auf andere Gesellschaften übertragen werden kann. Wir wollen in Richtung des demokratischen Konföderalismus gehen, um Nationalstaatsgrenzen zu überwinden. Unsere Bewegung beruht auf Solidarität und Internationalismus. Die kurdische Frauenbewegung hat einen festen Zusammenhalt, definiert sich auch positiv, etwa wenn der Ruf »Jin, Jiyan, Azadi« – »Frau, Leben, Freiheit« erklingt. Sie kochen zusammen und feiern.

Deutsche Frauen organisieren sich eher gegen etwas, wie etwa an der Me-Too-Debatte zu sehen ist. Wie ist das einzuschätzen?

Der Unterschied ist, dass wir nicht nur Aktionismus betreiben, wenn etwas passiert. Me Too, Blockupy oder ähnliche Netzwerke reagieren thematisch auf Missstände, dann lösen sie sich wieder auf. Wir organisieren uns kontinuierlich, weil wir ein alternatives System für Europa anstreben.

Esra Serhed ist Aktivistin des Frauenrats »Amara« in Frankfurt am Main

Kundgebung und Demonstration »Nein zur Gewalt an Frauen«, 24. November, Frankfurt Hauptbahnhof, 14 bis 17 Uhr


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