Aus: Ausgabe vom 20.11.2018, Seite 16 / Sport

Ein Sieg über die Monokultur

Bei den ATP Finals in London, den inoffiziellen Tennisweltmeisterschaften der Männer, gelingt Alexander Zverev das Ungewöhnliche

Von Peer Schmitt
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Mach hoch den Ball, der Ball flieg’ weit, es naht die Zeit der Herrlichkeit: Alexander Zverev beim Aufschlag

Die Monokultur des Herren­tennis folgt einprägsamen Prinzipien. Die Weltelite kommt im Spätherbst mehr oder weniger freundlich zusammen, und am Ende gewinnt der Diätplan von Novak Djokovic.

Entsprechend stand schon vor den diesjährigen ATP Finals in London fest, dass Djokovic bei Saisonende Weltranglistenerster sein würde. Dabei sah es bis Wimbledon ganz und gar nicht danach aus. Verletzungen, private Querelen oder falsche Experimente im Diätplan hatten ihn in der Weltrangliste bis auf Platz 22 zurückfallen lassen. Dann aber verlor er wie früher monatelang überhaupt kein Match mehr; mehr noch, er verlor nicht einmal mehr Aufschlagspiele.

Doch selbst in einprägsamster Monokultur gibt es hin und wieder Zeichen und Wunder. Innerhalb weniger Wochen hat der unbesiegbarste Dattelesser der Welt tatsächlich zwei mittelgroße Endspiele in Folge verloren. Zunächst vor drei Wochen das Finale beim Masters 1000 in Paris glatt 5:7, 4:6 gegen den 22jährigen Karen Chatschanow, der als Weltranglistenelfter für die ATP Finals leider nur als Ersatzmann qualifiziert war. Er hätte auch dort für dringend benötigten Aufruhr sorgen können. Bei den Masters in Paris hatte Djokovic allerdings die Grippe und nach dem 7:6, 5:7, 7:6-Halbfinale gegen Roger Federer eines der besten Spiele dieser Saison in den Knochen.

In London wiederum kam er ohne Satzverlust ins Finale, in dem er letzten Sonntag auf einen Alexander Zverev traf, den er vorab in der Gruppenphase noch 6:4, 6:1 abserviert hatte, und verlor auch dieses Endspiel so überraschend wie glatt 4:6, 3:6.

Viele hätten sich im Namen der Monokultur ein Finale zwischen Djokovic und Federer gewünscht, die fällige Revanche für Paris. Doch Federers Form war – wie das wieder einmal auf einem praktisch unbespielbar stumpfen Hallenbelag ausgetragene Turnier überhaupt – von Beginn an mittelprächtig bis grauenvoll. In seinem Halbfinale gegen Zverev hatte der Schweizer Pech, als im Tiebreak des zweiten Satzes bei 4:4 der Ballwechsel in für ihn aussichtsreicher Position wegen der Nachlässigkeit eines Balljungen (er ließ einen Ball aus der Hand fallen) unterbrochen und wiederholt werden musste. Völlig regelgemäß übrigens, was der ahnungslos buhende Zuschauermob allerdings nicht einsehen wollte. Zverev gewann den wiederholten Punkt mit einem Ass. Sein Grab schaufelte sich Federer danach selbst, als er einen denkbar einfachen Volley ins Netz setzte.

Zverev gewann dieses Halbfinale hochverdient, indem er Federers anfällige Rückhand schonungslos unter Druck setzte. Dieselbe Taktik wäre wiederum gegen Djokovic absolut suizidal gewesen.

Im Grunde gibt es gegen Djokovic nur ein Mittel: brutal gut aufschlagen und ansonsten die Geduld bewahren. Genau das tat Zverev. Er spielte im gesamten Match nur ein einziges schwaches Aufschlagspiel (sein erstes im zweiten Satz, als er schon ein Break vorn war). Im ersten Satz gab es überhaupt nur einen einzigen Breakball. Djokovic verursachte ihn bei 3:4 mit einem Vorhandfehler und gab mit einem ebensolchen seinen Aufschlag prompt ab.

Die Vorhand und sein zweiter Aufschlag waren Djokovics Verhängnis an diesem Abend, der mit dem bisher größten Titel für den 21jährigen Zverev endete, der trotz schon beträchtlicher Titelsammlung bei einem Major noch nie über ein Viertelfinale hinausgekommen ist. Mit anderen Worten: Zverev ist die Elina Switolina der ATP. Wenn die Verhältnisse lahm sind und die anderen nicht voll bei der Sache, schlägt er erbarmungslos zu, so unbeholfen und monoton sein Tennis dabei auch aussehen mag. Zverev und Switolina, Kinder ihrer Zeit.

Die Tennissaison 2018 wäre also auch endlich geschafft. Oder fast. Ab Freitag gibt es ja noch das Davis-Cup-Finale zwischen Frankreich und Kroatien. Unter normalen Umständen wäre das nicht so aufregend, neulich hatten sich der Weltverband ITF und die Briefkastenfirma eines treu dem Glücksspiel (Poker) ergebenen spanischen Fußballprofis (Gerard Piqué) dazu entschlossen, die Normalität zugunsten unerschöpflicher Geldquellen in den Wind zu schießen. Diese Entscheidung wurde selbstverständlich in repräsentativ demokratischer Abstimmung getroffen, ohne vorher mit den Aktiven abzustimmen, ob sie einverstanden wären (Zverev beispielsweise gehört explizit zu denen, die es keineswegs sind). Und so hat das 106. Davis-Cup-Finale ein ungeahntes historisches Gewicht bekommen. Man darf einen rabiaten Abgesang erwarten.


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