Aus: Ausgabe vom 15.11.2018, Seite 2 / Inland

»Auch kleinere Schiffe können Menschen helfen«

Seenotretter der »Mission Lifeline« kämpfen um Freigabe ihres Schiffes. Neues Flottenprojekt mit Segelbooten gestartet. Ein Gespräch mit Axel Steier

Interview: Kristian Stemmler
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Liegt im maltesischen Hafen fest: die »Lifeline« (Valetta, 13.7.2018)

Die von Ihrer Organisation betriebene »Life­line« wurde Anfang Juli in Malta unter dem Vorwand an die Kette gelegt, das unter niederländischer Flagge fahrende Rettungsschiff sei nicht ordnungsgemäß registriert. Was hat sich seitdem getan?

Die Lifeline ist immer noch unter Beschlagnahme eines maltesischen Gericht. Nächster Verhandlungstermin ist der 19. November.

Was wird Gegenstand der Verhandlung sein?

Es geht momentan um Listen mit Fragen, die von den niederländischen Behörden nicht beantwortet werden. Sollte das Schiff endgültig beschlagnahmt werden, könnten wir ein anderes kaufen und das dann unter dem Namen »Lifeline 2« betreiben. Da muss allerdings die Frage der Flagge vorher geklärt werden. Unser Problem ist momentan nämlich, dass kein Staat uns eine gibt.

Die rechte Wochenzeitung Junge Freiheit meldete am 24. Oktober, die Lifeline wolle unter deutscher Flagge auslaufen. Die Kovorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, Alice Weidel, nahm das auf und hetzte Ende Oktober bei Twitter: »Jetzt auch noch unter deutscher Flagge! Lifeline will Schleppertätigkeit wieder aufnehmen!«

Das mit der deutschen Flagge ist eine Falschmeldung. Wir lassen diese rechten Ausfälle inzwischen eher unkommentiert oder machen uns darüber lustig. Das ist gute Werbung für uns.

Wie fällt die Bilanz Ihrer bisherigen Arbeit aus?

Seit wir uns am 1. Mai 2016 gegründet und 2017 erste Missionen im Mittelmeer gefahren haben, konnten wir bei insgesamt fünf Missionen 1.019 Flüchtlinge retten. Und in unserer Kartei haben wir rund 1.200 Unterstützer verzeichnet.

Ihre Organisation hat vor wenigen Tagen ein neues Projekt öffentlich gemacht. Unter der Überschrift »The Real Civil Fleet« – also etwa: Die echte zivile Flotte – wollen Sie Segelboote von privaten Eignern für Rettungseinsätze im Mittelmeer fit machen. Was planen Sie konkret?

Wir kamen Anfang Juli auf die Idee, als die Lifeline beschlagnahmt wurde. Da haben wir das mit einem Segelschiff getestet. Auch kleinere Schiffe können – ausgestattet mit Rettungswesten, medizinischer Ausrüstung und einem Rettungsschlauchboot – Menschen in Seenot helfen.

Wie groß soll Ihre Flotte werden?

Momentan sind wir froh um jede Yacht und um jeden Skipper, die mitmachen und die wir ausrüsten sowie trainieren können. Aber unser Wunsch, unsere Vision ist, dass sehr viele teilnehmen. Die Idee dahinter: Große Schiffe können die Regierungen festsetzen, Hunderte kleine nicht.

Welche Bedingungen muss ein Boot erfüllen, um mitmachen zu können?

Zwölf Meter müsste es schon haben. Im Zweifelsfall gehen auch zehn Meter. Wir müssen schließlich die Mannschaft und die Lebensmittel unterkriegen. Mindestens acht Betten müssen für die Crew, die wir zusammenstellen, vorhanden sein. Hinzu kommt der Platz für 300 Mahlzeiten. Zum Ausrüstungspaket für eine Yacht gehören: zwei Rettungsinseln, 300 Mahlzeiten, 150 Automatikrettungswesten,ein Satellitentelefon, Zusatztreibstoff, Seekarten, AIS-Transponder, Schleppleinen, Helme und Handfunkgeräte.

Und wie groß ist die Unterstützung für Ihr Flottenprojekt?

Die ist schon groß. Allein der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Kardinal Reinhard Marx, hat unsere Organisation mit einer Geldspende von 50.000 Euro unterstützt. Diese Spende hilft uns sehr. Auch von der HipHop-Formation »Die Fantastischen Vier« haben wir eine Spende bekommen. Die Unterstützung von Künstlerinnen und Künstlern läuft sehr gut. Ich habe das Gefühl, die haben das Herz an der richtigen Stelle. Von den Sportlern könnte jedoch noch mehr kommen.

Mit welchen Gegenmaßnahmen der italienischen Regierung, der europäischen Grenzagentur Frontex und anderen rechnen Sie?

Dass sie reagieren werden, davon gehen wir aus. Aber im Grunde können die nichts machen. Es gibt Tausende Segelboote, das ist quasi ein Breitensport. Da wissen die Behörden also nicht, um welches Schiff es sich jeweils handelt. Es können nicht vorab, wie bei der Lifeline, Häfen alarmiert werden. Das ist so eine Mischung aus klandestinem Vorgehen und Ausnutzen von rechtlichen Möglichkeiten.

Axel Steier ist Soziologe, Rettungsassistent und Mitbegründer der Dresdner Organisation »Mission Lifeline«


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