Aus: Ausgabe vom 14.11.2018, Seite 11 / Feuilleton

Ein irreführender Begriff

100 Jahre Novemberrevolution (7/10): Erst nach der »Demokratisierung« erreichte die revolutionäre Massenbewegung im Frühjahr 1919 ihren Höhepunkt

Von Leo Schwarz
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Ihre offene Diffamierung ist heute Programm: Spartakisten Anfang 1919 in Berlin

Die Weimarer Republik war nicht das Ergebnis der »Revolution«, sondern ihrer Niederschlagung. Als »demokratisches« politisches System war sie zugleich ein Integrationsangebot der herrschenden Klasse an die besitzlose Bevölkerungsmehrheit. Diese beiden Aspekte bleiben in der deutschen Diskussion vor allem deshalb ganz unerwähnt, weil in der hiesigen Forschungsliteratur ein streng »nationales« Narrativ gepflegt, der internationale Kontext der Jahre 1918 und 1919 – der genau auf diesen Zusammenhang verweist – aber traditionell kaum beachtet wird. Standardwerke zum Thema werden weder übersetzt noch zur Kenntnis genommen – man denke nur an die wegen ihrer nicht akzeptablen These (parlamentarische Demokratie und Faschismus als Varianten »korporatistischer« Stabilisierung) konsequent ignorierte, 1988 und noch einmal 2016 neu aufgelegte Arbeit von Charles S. Maier aus dem Jahr 1975 über die »Umformung des bürgerlichen Europa«.

Nimmt man jedoch einmal diesen vergleichenden Standpunkt ein, dann zeigt sich, dass selbst dann, wenn der allgemein geläufige limitierte Demokratiebegriff (allgemeines Erwachsenenwahlrecht, eine vom Parlament kontrollierte Regierung, Gewaltenteilung) als Maßstab der Urteilsbildung akzeptiert wird, 1914 in Europa nur zwei »Demokratien« existierten: Norwegen und das seit 1906 im Verband des Zarenreiches nach innen autonome Finnland. Das von den deutschen »Sonderwegs«-Historikern zum demokratischen Musterland erklärte Großbritannien mit seiner »stoischen Bevölkerung, die dazu bestimmt war, ihr Leben in Kargheit und unter unsicheren sozialen Bedingungen zu fristen, bis das Alter sie auf den Kehrichthaufen der Armengesetze warf, unterernährt, schlecht untergebracht, schlecht gekleidet« (Eric Hobsbawm), war noch 1914 ebensowenig wie die Vereinigten Staaten und Frankreich in irgendeinem substantiellen Sinn eine »Demokratie«. In Großbritannien vollzog sich eine formale Demokratisierung zwischen 1910/11 (Entmachtung des von einer ultrareaktionären Mehrheit beherrschten Oberhauses durch die Liberalen) und 1922 (Aufstieg der Labour Party zur zweiten Kraft neben den Konservativen im Unterhaus). Die wesentliche Weichenstellung erfolgte erst Anfang des Jahres 1918: Eine Wahlrechtsreform erhöhte die Zahl der Wahlberechtigten bei Parlamentswahlen von acht auf 21 Millionen Männer – die Mehrheit der britischen Soldaten an der Westfront hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht das Wahlrecht besessen. Diese kontrollierte Integrationsanstrengung wurde in den Jahren unmittelbar vor und nach dem Weltkrieg von großen Massenstreiks begleitet und war mit erheblichem »Stress« für das politische System verbunden, vollzog sich aber in nichtrevolutionären Formen; sie kopierte den Mechanismus der Reformgesetze des 19. Jahrhunderts, durch die die Industriebourgeoisie (1832) und das Kleinbürgertum bzw. Teile der Arbeiteraristokratie (1867 und 1884) in den politischen Prozess integriert worden waren.

Wie in Großbritannien, so waren in fast allen europäischen Ländern die Jahre 1918 und 1919 vom Dualismus einer mobilisierten Arbeiterklasse auf der einen und einer manövrierenden, fieberhaft nach Integrations- und Stabilisierungsstrategien suchenden Bourgeoisie auf der anderen Seite geprägt. Das gilt für im Krieg neutrale Länder wie die Schweiz, die Niederlande und Schweden ebenso wie für Siegerstaaten wie Belgien, Frankreich und Italien. In Deutschland besaß die Mobilisierung der Arbeiterklasse eine besondere Qualität: Hier verdichteten sich die Massenaktionen zu einer Revolution, deren politischer und organisatorischer Kern die Rätebewegung war. Diese Massenbewegung, die deshalb revolutionär war, weil sie eben nicht einfach »demokratisch« integrierbar war, begann im Herbst 1918. Sie war im Herbst 1919 zerfallen bzw. zerschlagen, und es erscheint sinnvoll, die Besprechung der historischen Entwicklung unter der Überschrift »deutsche Revolution« hier abzuschließen. Versuche, das historische Zeitfenster dieser Revolution immer weiter auszudehnen – ein neuerer Sammelband schlägt den Zeitraum 1916 bis 1923 vor – laufen Gefahr (oder verfolgen ausdrücklich das Ziel), den politischen und sozialen Kern zugunsten einer allgemeinen Gesellschafts- und Kulturgeschichte aus den Augen zu verlieren.

Man kann aber auch mit irreführenden Begriffen falsche Perspektiven fördern. So hat, um nur den wichtigsten herauszugreifen, Eberhard Kolb bereits 1972 darauf hingewiesen, dass die (oft ohne Hintergedanken verwendete) Bezeichnung »Novemberrevolution« die Perspektive »von vornherein auf den bloßen Vorgang des Staatsumsturzes im November« einengt, während die Auseinandersetzungen der folgenden Monate als »ein Kampf nur um die ›Sicherung‹ der ›Errungenschaften‹ der Revolution oder aber schon [als] ›Revolte‹ gegen die neuen Träger der Staatsmacht« erscheinen. Diese Lesart hat also mindestens die Tendenz (und häufig auch den Zweck), die revolutionäre Massenbewegung, die erst im Frühjahr 1919 ihren Höhepunkt erreichte, zu »übersehen«, während die von dieser Bewegung in einem frühen Stadium erzwungene »Parlamentarisierung«, die Übergabe der Kanzlerschaft an den Sozialdemokraten Friedrich Ebert und die »Ausrufung« der praktisch bereits erkämpften Republik durch Philipp Scheidemann – im historischen Kontext alles Manöver mit dem Ziel, die revolutionäre Bewegung abzubiegen oder zu kanalisieren – als eigentlicher Inhalt und Endpunkt der »demokratischen« Revolution erscheinen.

Aber auch die offene Diffamierung der revolutionären Bewegung als »antidemokratisch«, »putschistisch« oder »extremistisch« gibt es noch. Die Bundeszentrale für politische Bildung, Erbe der im Frühjahr 1918 für die Propaganda im Reichsgebiet ins Leben gerufenen Zentralstelle für Heimatdienst, verbreitete erst vor wenigen Jahren eine Schrift des konservativen Politologen Eckhard Jesse, in der der Eindruck vermittelt wird, dass in Deutschland 1918/19 eine »demokratische Neuordnung (parlamentarische Demokratie, Frauenwahlrecht, freiheitliche Verfassung)« erfolgt sei und in Gegnerschaft hierzu »Linksextremisten« die »›proletarische Revolution‹ proklamiert, Aufstände ›geprobt‹ und damit eine Bürgerkriegssituation geschaffen« hätten. Diese Entkoppelung, ja Entgegensetzung von Demokratisierung und revolutionärer Massenbewegung ist in den Arbeiten konservativer Autoren seit 1945 Programm.

Morgen: Teil 8


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Infos und Verweise zu diesem Artikel:

In der Serie Novemberrevolution 1918:

Novemberrevolution 1918

Die deutsche Revolution von 1918/19 ist, wenn nicht als Ereignis, so doch in ihren wesentlichen Voraussetzungen, Konfliktlinien und Ergebnissen, ein Jahrhundert später aus der erinnerten Geschichte verschwunden.

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