Aus: Ausgabe vom 14.11.2018, Seite 10 / Feuilleton

Was hat sie bloß so ruiniert

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn stehen in Andreas Martin Widmanns »Messias« zu viele Zeichen im Weg

Von Susan Geißler

»Die heutige Zeit, von der mein Vater immer sprach, hatte auch für mich begonnen«, hieß es am Ende von Andreas Martin Widmanns Debütroman »Die Glücksparade«. Es ist eine Zeit, in der der ökonomische und soziale Abstieg einer Familie beginnt, die sich am Ende in einer Art deutschem Trailer-Park wiederfindet und keine legale Chance mehr hat, ihrer prekären Lage zu entfliehen. Die Zeiten sind hart und das System pervers, denn »jeder fickt jeden in den Arsch, und jeden anderen auch«, so die Diagnose eines der zahlreichen Heilsverkünder in Widmanns neuem Roman »Messias«.

Widmann wechselt in »Messias« die Gesellschaftsschicht. Die Unterprivilegierten sind die Randfiguren, im Zentrum steht eine Mittelstandsfamilie aus dem Frankfurter Umland: Vater Paul ist Werber, Mutter Inge gibt Gymnastikkurse namens »Fit ist der Hit«, die Tochter ist selbstberufene Künstlerin. Wenn an dieser Ausgangssituation etwas interessant ist, dann die Frage, warum Menschen mit Bildung, ordentlichem Einkommen und Eigenheim nicht in der Lage sind, sich aus allerlei selbstverschuldeten Unmündigkeiten zu befreien. Diese Frage stellt Widmann mit »Messias«, und vermutlich hat man bereits jetzt – ohne eine Zeile, sondern lediglich den Titel gelesen zu haben – eine grobe Vermutung, auf welche Spitze das Ganze getrieben wird.

Paul Helmer wird nach London geschickt, um ein Geschäft mit einem reichen Prinzen aus Oman zu begleiten. Der Deal droht zu platzen. »Als er achtundzwanzig wurde, hatten ihm schon vier Menschen unabhängig voneinander mitgeteilt, dass er nicht zum Anführer geboren sei, sondern jemand, dessen Talent darin bestehe, anderen zu folgen«, heißt es zu Paul. Ein Anführer ist aber Pauls Kollege Gerd, von Widmann als schwanzgesteuerter Berufszyniker und abgehalfterter Alkoholiker gezeichnet. Gerd war für den eskalierten Kampagnen-Pitch verantwortlich.

Es hat einen gewissen Witz, dass ausgerechnet das Werbeekel dem schwerreichen Kunden die Binse mitverkauft, inmitten der schönen Luxuswelt hätten wohl gern ein paar mehr Leute was vom Kuchen. Allerdings wäre dafür keine märchenhafte Kundschaft aus dem Morgenland nötig gewesen. Ryanair oder die Deutsche Bank hätten völlig genügt. Vielleicht wäre das aber alles zu konkret für Widmann, sein Hang zum Zeichenhaften ist leider enorm. Das beginnt beim geheimnisvollen goldenen Telefon, das Paul auf der Herrentoilette des Londoner Büros findet, und endet nicht mit dem undichten Dach im Eigenheim.

Im Folgenden sehen wir Paul dabei zu, wie er sein Fähnchen in den Wind hängt und dem Prinzen hinterherläuft, vorgeblich um das Geschäft zu retten, konkret eher sich selbst. Natürlich dematerialisiert sich dieser an jedem Ort, an dem er ihn treffen soll, wie der Dschinn aus der Flasche. Wie sollte es anders sein: Paul sucht immerhin einen Messias, der seinem Handeln wieder einen Sinn gibt. Sein gesamtes Tun ist seit geraumer Zeit Simulation in Höchstform. Was er konkret in London treibt, wissen weder er noch die Agentur. Am Ende, beim letzten gescheiterten Treffen mit dem Auftraggeber, ergibt sich Paul vor der Sinnlosigkeit seines Tuns: »Sich um etwas zu bemühen, obwohl man schon weiß, dass es zu nichts führen wird, und darin bestätigt zu werden – ist das nicht komisch? Gerade jetzt findet er es enorm komisch.«

Paul hat durchaus einen Blick für die Gesellschaft. Er sieht die Immobilienspekulationen, die Maskeraden der Karrieristen, die Perversionen der Superreichen. Aber es folgt: nichts. Während Paul sich also dem Fatalismus hingibt, auch in bezug auf seine familiäre Entfremdung, kämpft seine Frau Inge ebenfalls mit sich selbst. Unter Anleitung des örtlichen Schamanen sucht sie ihr »inneres Licht«, ansonsten führt sie ihr Leben dezidiert für die Nachbarn. Um die empathielose Tochter Judith spannt Widmann noch eine ganz andere, finstere Erzählung über Ichbezogenheit auf. Die Frage, was diese Menschen so ruiniert hat, geht ihm allerdings verloren. War es der gesellschaftliche Druck? Der Ennui in einem Umfeld, in dem für alles gesorgt ist, außer für den Inhalt?

Neugieriger machen die Nebenfiguren, die Widmann einsetzt, um die Marionettenhaftigkeit seines Hauptpersonals zu illustrieren. Da ist Jarvis, ein dauerhaft prekär beschäftigter Typ, den Paul als Assistenten und Übersetzer anheuert. Jarvis macht die irrsten Jobs, als Vorlesungsmitschreiber tauber Studenten, Blindenhundbetreuer oder mobiler Wegweiser. Und er hat eine Meinung zu Eigentums- und Machtverhältnissen, die zu unbestechlich für einen Job in der sogenannten Mitte der Gesellschaft ist. Oder der Handwerker Walter Engelbreit: Er ist unerwartet hilfsbereit und erträgt geduldig Inges Manipulationen, seine Meinung zur Konkurrenz aus Osteuropa ist dagegen vernichtend. Nicht aus stumpfer Fremdenfeindlichkeit, sondern weil ihn diese Konkurrenz etwas kostet.

Wer keine Haltung hat, rennt leicht jedem Scharlatan hinterher, das ist die etwas dürre Botschaft des Romans. Wer eine hat und selbst handelt, macht sich angreifbar. Das ist der spannendere Punkt und vielleicht der Ansatz für einen dritten Anlauf.

Andreas Martin Widmann: Messias. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2018, 448 Seiten, 23 Euro


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