Aus: Ausgabe vom 10.11.2018, Seite 12 / Thema

Den Frieden erkämpft

Vor 100 Jahren unterschrieb Deutschland einen Waffenstillstand. Matrosen und Arbeiter hatten das Kriegsende erzwungen und die Restaurierung des kaiserlichen Autokratismus verhindert

Von Martin Seckendorf
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Der Krieg ist aus. Rückmarsch deutscher Truppen über die kleine Rheinbrücke bei Bonn nach Unterzeichnung des Waffenstillstandes am 11. November 1918 in Compiègne

Am 21. März begann unter der Deckbezeichnung »Michael« an der Westfront der deutsche Frühjahrsfeldzug 1918. Mit einer Reihe von Teiloffensiven sollte die Kriegsentscheidung erzwungen werden. Dann wären die Deutschen in der Lage, dem Gegner einen Frieden zu diktieren, so die Planung der Obersten Heeresleitung (OHL).

Für den Feldzug hatte die OHL unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff das bis dahin größte Kontingent an Soldaten und Artillerie aufgeboten. Am 17. Juli musste die Offensive abgebrochen werden. Das kaiserliche Heer erzielte im Verlauf des Feldzugs zwar Geländegewinne, ein Durchbruch gelang jedoch nicht. Die Verluste aber erreichten ungekannte Ausmaße. Die deutsche Armee verlor zwischen März und Juli fast eine Million Mann, die nicht mehr ersetzt werden konnten.

»Im Felde besiegt«

Das Scheitern des Feldzuges hatte erhebliche Auswirkungen. Ludendorff sagte am 17. Juli: »Das ist der Zusammenbruch.« Schon am 18. Juli begann die Entente eine 100-Tage-Offensive, die das deutsche Heer bei geringen eigenen Verlusten zermürben sollte. Kronprinz Rupprecht von Bayern, Oberbefehlshaber einer nach ihm benannten Heeresgruppe, meinte am 20. Juli: »Wir stehen am Wendepunkt des Krieges.« Einen Angriff der Briten mit mehr als vierhundert Panzern am 8. August, der die Deutschen überrollte, kommentierte Ludendorff: Das »war der schwarze Tag in Deutschlands Geschichte«.

Zuverlässige Informationen von der Front kamen vor allem mit den Briefen der Soldaten in die Heimat. Verschiedentlich werde darauf hingewiesen, so der Zensor der Heeresgruppe Rupprecht über das Ergebnis der Briefkontrollen, dass Krieg ein Produkt des Kapitalismus sei. »Zu Hause«, heißt es in einem Brief, »müssen sie streiken, aber feste, und Revolution machen, dann muss es zum Frieden kommen.«

Mitte September hatte sich für den deutschen Imperialismus die militärische Situation dramatisch zugespitzt. Bulgarien musste kapitulieren. Österreich-Ungarn bat um Friedensverhandlungen. Die Türkei fiel als Verbündeter Deutschlands aus. Auch der U-Boot-Krieg geriet zum Desaster. Der gegen besseres Wissen von der Marineleitung versprochene schnelle Zusammenbruch des Vereinigten Königreichs war nicht in Sicht, und der Strom amerikanischer Güter und Soldaten nach Europa konnte kaum behindert werden. Am 27. September durchbrachen Entente-Truppen die nach Meinung der OHL uneinnehmbare »Siegfried­linie«. Dahinter befand sich keine vergleichbare Befestigungsanlage; der Weg nach Deutschland stand offen. Ludendorff schrieb rückblickend: »Jetzt war der Krieg verloren.«

Ludendorff, Hindenburg und Außenminister Paul von Hintze forderten am 28. September von der zivilen Reichsleitung, schnellstmöglich den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson zu ersuchen, Maßnahmen für das Erreichen eines Waffenstillstands und von Friedensverhandlungen zu ergreifen.

Der große Bluff

Doch der Waffenstillstand sollte, so die Planung der OHL, nicht einen Friedensprozess einleiten, sondern dem angeschlagenen Westheer lediglich eine Atempause verschaffen. Kampfruhe und neuer Ersatz würden die Lage ändern und das Heer wieder schlagkräftig machen. Man dachte dabei in zwei Richtungen: Die Streitkräfte sollten so gestärkt werden, dass sie den Kampf bald wieder aufnehmen könnten. Am 6. Oktober bekräftigte Ludendorff, die Waffenstillstandsbedingungen dürften einer Wiederaufnahme des Krieges nicht im Wege stehen. Dem Reichskabinett sagte er am 17. Oktober: »Wenn die Armee über die nächsten vier Wochen hinüber kommt (…), so sind wir ›fein heraus‹«. Zum anderen wollten die Generale angesichts der revolutionären Entwicklung in Deutschland das kaiserliche Heer als funktionsfähiges Instrument zur Bekämpfung des »inneren Feindes« erhalten.

Wegen der militärischen Lage und der krisenhaften Entwicklung im Inland war es wichtig, dass diese Atempause bald eintrat. Ludendorff hatte die zivile Reichsleitung bereits am 1. Oktober in einem Telegramm ultimativ aufgefordert, »sofort« und auf »allerschnellste Weise« ein Waffenstillstandsersuchen an die USA zu senden, denn, so seine Begründung, »48 Stunden kann die Armee nicht noch warten.«

Um eine Feuerpause ohne politischen Schaden für die Generalität zu erreichen, verfolgte die OHL eine hochkomplexe Strategie. Sie signalisierte Bereitschaft, das 14-Punkte-Programm für die Nachkriegszeit, das Wilson am 8. Januar 1918 vor dem US-Kongress vorgestellt hatte, zur Diskussionsgrundlage für Friedensverhandlungen nach vorherigem Waffenstillstand zu machen. Der US-Präsident hatte darin besonderen Wert auf die Beseitigung der autokratischen Regime gelegt. Sollte die Initiative Aussicht auf Erfolg haben, musste in Deutschland ein scheinbarer Systemwechsel eingeleitet werden. In einer Aufzeichnung des Auswärtigen Amtes vom 28. September heißt es: »Wichtigste Voraussetzung für die Einleitung des Friedens ist die sofortige Bildung einer neuen Regierung«. Dem Konzept stimmte der Kaiser zu. Am 30. September entließ er Reichskanzler Georg von Hertling und Außenminister von Hintze. Neuer Außenminister wurde Wilhelm Solf, der bis dahin das Kolonialministerium geleitet hatte. Am 1. Oktober stand fest, dass Prinz Max von Baden, ein Verwandter Wilhelms II., neuer Reichskanzler würde. Nach kaiserlichem Erlass war er pro forma nicht mehr, wie die Bismarcksche Verfassung von 1871 bestimmte, dem Monarchen, sondern dem Reichstag verantwortlich. Um die Absicht zur Parlamentarisierung zu unterstreichen, schrieb Wilhelm II. in dem Entlassungsdokument für von Hertling, es sei sein Wille, dass im Gegensatz zur bisherigen Praxis »Männer, die vom Vertrauen des Volkes getragen sind (also Mitglieder des Reichstages; jW), in weitem Umfange teilnehmen an den Rechten und Pflichten der Regierung«. Das Berliner Tageblatt schrieb am selben Tag, die Personalentscheidungen und die im Erlass angekündigte Absicht einer Parlamentarisierung durch den Kaiser hätten »die Bahn frei gemacht für das neue Deutschland«.

Die gewollte Halbherzigkeit der »neuen« Politik zeigte sich am Personal der Regierung des Prinzen Max von Baden. Die Mehrheit der alten Kabinettsmitglieder behielt ihre Ämter. Nur einige Reichstagsabgeordnete, darunter zwei von der SPD, traten in die Regierung ein. Die meisten neuen Minister hatten keinen eigenen Zuständigkeitsbereich.

Das Vorgaukeln demokratischer Verhältnisse und die scheinbare Entmachtung der autokratischen Eliten hatten nicht nur die Funktion, Wilson zu täuschen. Es ging der Reaktion auch darum, die Forderungen der Massen in Deutschland nach Frieden, demokratischen Reformen und tiefgreifenden sozialen Veränderungen zu unterlaufen. Angesichts der sich besonders seit Oktober rapide verschlechternden Lebensbedingungen und der gigantischen Verluste an der Front wurden sie immer nachdrücklicher gestellt. »Die Revolution von unten kann nur vermieden werden durch eine Revolution von oben«, beschrieb Karl Helfferich, zwischen Mai 1916 und November 1917 Vizekanzler und außerdem Vertreter der Deutschen Bank in der Regierung, die Taktik der Herrschenden.

Eine Komponente der Täuschungstaktik war das Bestreben, die Rolle der OHL bei dem Waffenstillstandsersuchen und der Parlamentarisierung zu verschleiern. Am 1. Oktober führte Ludendorff nach Aufzeichnungen des sächsischen Generalstäblers Albrecht von Thaer aus, er habe den Kaiser gebeten, »jetzt auch diejenigen Kreise an die Regierung zu bringen, denen wir es in der Hauptsache zu danken haben, dass wir so weit gekommen sind. Die sollen nun Frieden schließen, der jetzt geschlossen werden muss. Sie sollen die Suppe essen, die sie uns eingebrockt haben!« Die als Minister vorgesehenen Reichstagsabgeordneten aus der Zentrumspartei und der SPD waren von der Militärclique bis dahin wechselweise als Flaumacher, Defätisten oder sogar als Pazifisten bezeichnet worden, die die Kriegführung behindert und die Massen in der Heimat gegen die Front aufgehetzt hätten.

Entlarvt

Nicht vom Feind, sondern durch einen von vaterlandslosen Gesellen in der Heimat geführten Dolchstoß in den Rücken der Armee sei das Heer besiegt worden, sollte damit gesagt werden. Zum anderen bedeutete der Auftrag der OHL an die zivile Reichsleitung, ein Waffenstillstandsersuchen abzusenden, dass dem Reichstag und der ihm pro forma unterstellten Regierung die Verantwortung für den Verhandlungsprozess und für die Beendigung des von den Militärs, der Monarchie und den hinter ihnen stehenden Kräften der Hochfinanz verursachten Krieges aufgebürdet wurden. Die OHL blieb als unbeteiligter Zuschauer im Hintergrund. Das Waffenstillstandsersuchen erschien nicht mehr als Rettungsanker für das geschlagene Heer, sondern als Ergebnis der Parlamentarisierung und Demokratisierung. Die Militärs übten auf die Mitarbeiter der zivilen Reichsleitung erheblichen Druck aus, um die Rolle der OHL zu verschleiern. Kurt Riezler, Kabinettschef des neuen Außenministers Wilhelm Solf, notierte am 13. Oktober, die OHL verbreite die Behauptung, »für den Friedensschritt trage die Civilregierung, die die Nerven verloren habe, die volle Verantwortung«, der »nicht widersprochen werden darf«.

Den normalen Bürgern blieben die Hintergründe der Personalrochaden verborgen. Erst am 6. Oktober erfuhren die Deutschen aus den Zeitungen, dass sie einen neuen Reichskanzler hatten und der eine Note an den US-amerikanischen Präsidenten mit dem Ersuchen nach Friedensverhandlungen und Waffenstillstand geschickt hatte. Auf die dem monarchistischen Regime treu anhängenden Deutschen wirkte die Note wie ein Keulenschlag. Die bürgerliche Massenpresse hatte bis dahin Siegesmeldungen verbreitet. Jetzt folgte das Eingeständnis der militärischen Niederlage. Bei der Mehrheit der Deutschen jedoch weckte das Schreiben an Wilson die Hoffnung, dass das Massenschlachten an der Front bald ein Ende haben werde. Sofortiger Frieden war die zentrale Losung der lawinenartig anwachsenden revolutionären Bewegung.

Der neue Reichskanzler Max von Baden hatte sich zunächst geweigert, als erste Amtshandlung das Waffenstillstandsersuchen an die USA abzusenden. Er erbat sich Bedenkzeit. Doch die Mächte, die ihn ins Amt gehoben hatten, zwangen ihn, in der Nacht vom 3. zum 4. Oktober die von der OHL bereits formulierte Note abzuschicken. Es folgte ein intensiver Schriftverkehr mit den USA. Dabei erwies sich, dass die US-Administration die Täuschungsabsicht der Deutschen erkannte. Wilson bezweifelte, dass die Parlamentarisierung tatsächlich Ausdruck eines Systemwechsels sei. Noch immer, so der US-amerikanische Präsident, hielten jene Kräfte die Zügel in der Hand, die den Krieg ausgelöst hatten und ihn in verbrecherischer Weise führten.

Die US-Administration forderte für einen Waffenstillstand Garantien, die so weit gingen, den Kaiser abzusetzen. Außerdem verlangten die Alliierten den Rückzug der deutschen Truppen aus den besetzten Gebieten. Angesichts der großflächigen Zerstörungen, der Ausplünderungen der Gebiete und der Deportation großer Teile der Bevölkerung zur Zwangsarbeit forderten sie den vollständigen Wiederaufbau in den besetzten Gebieten. Das bedeutete die verpflichtende Zusage des Kaiserreichs, für den durch seine Kriegführung »der Zivilbevölkerung (…) und ihrem Eigentum zugefügten Schaden Ersatz« zu leisten, heißt es in der Wilson-Note vom 5. November.

Für große Empörung bei der Bevölkerung in den Entente-Ländern sorgte, dass die deutsche Marine während der Waffenstillstandssondierungen den völkerrechtswidrigen uneingeschränkten U-Boot-Krieg fortsetzte. Nach der Torpedierung des britischen Passagier- und Postschiffes RMS »Leinster« in der Irischen See am 10. Oktober, bei dem 501 Passagiere und Besatzungsmitglieder umkamen, wurden harte Maßnahmen gegen Deutschland gefordert. Die verbrecherische Kriegführung des deutschen Imperialismus brachte auf diese Weise eine erhebliche Ausdehnung der Reparationen, die später von der Massenpresse und der offiziellen Politik in Deutschland so verteufelt wurden, auf die Tagesordnung der internationalen Politik. Wilson kündigte am 23. Oktober für den Fall eines Waffenstillstands harte Maßnahmen an, »um eine Wiederaufnahme der Feindseligkeiten seitens Deutschlands unmöglich zu machen«. Das Konzept der Atempause war entlarvt worden.

Angesichts der militärischen Überlegenheit der Alliierten, aber besonders wegen der revolutionären Situation im Lande signalisierte die deutsche Regierung Bereitschaft, alle Waffenstillstandsbedingungen zu akzeptieren. Daraufhin wurde Berlin am 5. November aufgefordert, »beglaubigte Vertreter« in das Hauptquartier von Marschall Ferdinand Foch, dem Oberbefehlshaber der alliierten Truppen in Westeuropa, zu entsenden.

Putschpläne

Seit den Antworten Wilsons opponierten Armeeführer gegen die Waffenstillstandspolitik des Reichskanzlers. Ihre Haltung hatte sich gegenüber der düsteren, aber realistischen Lagebeurteilung von Ende September geändert. Kriegsminister Heinrich Schëuch zauberte urplötzlich einen Mannschaftsersatz von 600.000 Mann aus dem Hut. Damit, so die OHL, könne die Lage nicht nur stabilisiert werden; sogar offensive Operationen seien möglich. Die OHL schickte am 24. Oktober einen Befehl an die Kommandierenden Generäle. Darin wurde erklärt, die von den Alliierten gestellten Bedingungen seien »für das Militär unannehmbar. Es bleibt daher nichts übrig als Kampf bis zum äußersten«. Am 25. Oktober verlangte von Hindenburg von Vizekanzler Friedrich von Payer, die Verhandlungen mit Wilson sofort abzubrechen und das »Volk zu den Waffen zu rufen«. Der Abbruch der Waffenstillstandsgespräche sollte, so die Intention der Putschisten, nicht nur den Krieg verlängern und den Sturz der Regierung herbeiführen. Auch die Parlamentarisierung und die zaghaften Ansätze einer Demokratisierung sollten beseitigt, zu den autokratischen Zuständen sollte zurückgekehrt werden. Die Pläne der Militärs bedeuteten eine konterrevolutionäre Bewegung gegen die noch Ende September von der OHL befürwortete »Revolution von oben«.

Der Reichskanzler war angesichts der Revolutionsbewegung in Deutschland entschlossen, den Kurs auf Waffenstillstand fortzusetzen. Man müsse die Armee »für die innere Sicherheit intakt halten«, führte Robert Friedberg, stellvertretender Ministerpräsident in Preußen, auf der Kabinettssitzung vom 28. Oktober aus. Von Bedeutung war, dass die Putschbewegung nicht nur von der Mehrheit der hohen Militärs, sondern auch von mächtigen Gruppen des Finanzkapitals, den mit ihnen verbundenen Politikern und der gleichgeschalteten Massenpresse getragen wurde.

Am 7. Oktober hatte die Vossische Zeitung auf der Titelseite einen Artikel des Industrie- und Bankmagnaten Walther Rathenau veröffentlicht. in dem er das Waffenstillstandsersuchen scharf kritisierte. Man hätte erst nach einem militärischen Erfolg das Ersuchen absenden sollen. Wahrheitswidrig behauptete er, die Armee sei zwar punktuell zurückgewichen, »aber nicht geschlagen«. Auch das Land sei »ungebrochen, seine Mittel unerschöpft, seine Menschen unermüdet«. Man müsse »vorbereitet sein«, wenn die Entente die Unterwerfung verlange. Dann solle »der Kampf wieder aufgenommen werden«. Auch der Rücktritt der Regierung wurde verklausuliert gefordert. Der Bund der Indus­triellen erklärte am 16. Oktober, der Verband und alle Mitgliedsfirmen stellten ihre Kräfte »zur Verfügung, wenn es gilt, das deutsche Volk zum letzten entschlossenen Widerstand aufzurufen«. Einige Gefolgsmänner des Kapitals, so der Vertreter der rheinisch-westfälischen Schwerindus­trie, insbesondere des Hauses Krupp in der OHL, Oberst Max Bauer, spielten mit dem Gedanken, eine Militärdiktatur zu errichten.

Matrosen erzwingen den Frieden

Die Regierung erkannte die Gefahr, die von den Umtrieben der OHL ausging. Am 26. Oktober erwirkte sie die Entfernung Ludendorffs, des Rädelsführers der Putschpläne, aus der OHL. Zur selben Zeit bereitete die Seekriegsleitung einen von der Regierung weitgehend unbeachteten, aber mit der OHL abgestimmten Schlag vor. Die auf der Reede von Wilhelmshaven zusammengezogene Hochseeflotte sollte überraschend die Themsemündung und die flandrische Küste angreifen. Man erwartete ein Eingreifen der weitgehend in Schottland ankernden überlegenen Grand Fleet. Diese hatte bis zur Themsemündung eine Zwei-Tages-Fahrt durch deutsche U-Bootsperren zu absolvieren. Der dadurch geschwächten britischen Flotte wollte die kaiserliche Marine eine Entscheidungsschlacht liefern. Die Seekriegsleitung ging davon aus, dass eine 40prozentige Chance für das Gelingen der Aktion bestehe, diese aber in jedem Fall große Opfer unter den Matrosen und unter der Zivilbevölkerung in den Angriffsgebieten fordern werde. Man erwartete, dass danach die Waffenstillstandsgespräche abgebrochen, die Regierung Max von Baden zurücktreten, die neue Regierung die »alten« Zustände wiederherstellen und den Krieg weiterführen werde, bis »ehrenvolle« Bedingungen für einen Waffenstillstand angeboten würden. Die Matrosen erahnten die Zusammenhänge. Auf den Schiffen ging die Parole um, die Offiziere seien mit der Friedenspolitik der Regierung des Prinzen Max nicht einverstanden. Sie planten »einen Handstreich, der die Mannschaften nutzlos dem Tode ausliefern würde«, heißt es in einer Proklamation.

Für den 30. Oktober war auf Grundlage des Operationsbefehls 19 vom 24. Oktober – am selben Tag, an dem der oben genannte Armeebefehl der OHL ausgegeben wurde – das Auslaufen der Flotte vorgesehen. Die Matrosen auf dem Flaggschiff des III. Geschwaders, SMS König, verweigerten die Ankerlichtung. Die Männer des I. Geschwaders schlossen sich an. Einer der »Rädelsführer« der aufrührerischen Seeleute, Richard Stumpf, gab die Parole aus: »Friede in Sicht«. Am 30. Oktober befahl der Chef der Hochseeflotte, Franz von Hipper, den vorläufigen Abbruch des Unternehmens. Viele Matrosen wurden verhaftet. Die Einheiten des III. Geschwaders wurden mit den Festgenommenen in den »Reichshafen Kiel« verlegt, wo weitere Verhaftungen erfolgten. In Kiel solidarisierten sich Arbeiter mit den Matrosen. Die Erregung der Massen steigerte sich, als kaisertreue Soldaten in der Stadt an der Förde auf Demonstranten schossen. Matrosen und Arbeiter bewaffneten sich und erzwangen die Freilassung der Verhafteten. Am 3. November war Kiel in der Hand der revolutionären Kräfte. Die Ereignisse dort und in Wilhelmshaven waren die Initialzündungen für die Revolution, die sich wie ein Lauffeuer im ganzen Reich verbreitete.

Der Kieler Soldatenrat ordnete am 4. November an: »Die Ausfahrt der Flotte hat unter allen Umständen zu unterbleiben.« Der geplante Flottenvorstoß war endgültig vom Tisch und der Weg für Waffenstillstandsgespräche geebnet.

Am 7. November reiste die deutsche Delegation unter Leitung des Zentrumspolitikers Matthias Erzberger nach Compiènge ins Hauptquartier von Marschall Foch. Die von den Deutschen akzeptierten Bedingungen beinhalteten u. a. die Entwaffnung der deutschen Streitkräfte und Garantien für die Einhaltung des Vertrages. So mussten die Deutschen eine große Anzahl von Waffen, Flugzeugen, Kraftfahrzeugen, Lokomotiven und Waggons abliefern. Die okkupierten Territorien waren zu räumen. Das linksrheinische Gebiet sowie drei große Brückenköpfe auf dem rechten Rheinufer sollten von den Alliierten besetzt werden.

Am 11. November schwiegen ab 11.55 Uhr die Waffen. Bis dahin waren mehr als zehn Millionen Soldaten beider Seiten getötet, weitere 20 Millionen teils grässlich verstümmelt worden. Etwa sieben Millionen Zivilisten kamen ums Leben. Revolutionäre Matrosen hatten die Beendigung des imperialistischen Krieges – die wichtigste Errungenschaft der deutschen Revolution – erkämpft.

Martin Seckendorf schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 29./30. September 2018 über die Annexion der »Sudetengebiete« durch Nazideutschland vor 80 Jahren.


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