Aus: Ausgabe vom 09.11.2018, Seite 11 / Feuilleton

Verweigerung dem Weltlauf

Mahlers »Lied von der Erde« in der Interpretation des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlins

Von Berthold Seliger
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»Luft von anderem Planeten« (das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin)

Als wir die Berliner Philharmonie verlassen, blicken wir uns unsicher an: Haben wir das gerade wirklich erlebt? Der Abend begann im nahen Tiergarten. Bei einer vogelkundlichen Exkursion des Naturschutzbunds NABU hörten wir die ihr Territorium lauthals verteidigenden Rotkehlchen, die monotonen Rufe der Drosseln und dank eines Detektors sogar die Jagdrufe der Zwergfledermäuse.

»Der Mensch und sein Lebensraum« ist das Saisonthema des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB), und Mahlers »Lied von der Erde« stand im Mittelpunkt des Eröffnungskonzerts am 14. Oktober. RSB-Chefdirigent Vladimir Jurowski wies im Vorfeld darauf hin, dass für Mahler die Schönheit der Natur noch ewig währte, heute sei das fraglicher denn je. Doch schon Adorno wies in seinem großen Mahler-Aufsatz in den frühen 60er Jahren darauf hin, dass die »Natur, Gegenbild menschlicher Gewaltherrschaft, selber deformiert ist, solange Mangel und Gewalt ihr angetan werden«. Was wollte man da heute konstatieren?

Mahler hat seine radikale Lied-Sinfonie 1907/08 in einer Zeit größter Krisen geschrieben: Seine Tochter war im fünften Lebensjahr gestorben, Ärzte diagnostizierten ihm einen beidseitigen Herzklappenfehler, er drohte seine Frau an Walter Gropius zu verlieren, ihren Geliebten und zukünftigen Ehemann, und nicht zuletzt sah sich Mahler als Direktor der Wiener Hofoper ständig antisemitisch geprägten Konflikten und Intrigen ausgesetzt, die ihn schließlich zur Demission trieben: »Ich gehe, weil ich das Gesindel nicht mehr aushalten kann«, schrieb er in einem Brief im Juni 1907. »Das Lied von der Erde« ist, wie Steffen Georgi im vorzüglichen Programmheft anmerkt, wie seine Sinfonien Nr. 9 und 10 das »Werk eines Todgeweihten, ein einziges großes Abschiednehmen: von der Kunst, von der Natur, vom Leben«.

Die ersten Sätze ziehen vorbei, sehr gut musiziert: Das »Trinklied vom Jammer der Erde« lässt das Orchester in allen Farben schillern. »Dunkel ist das Leben, dunkel ist der Tod.« Dem Tenor Robert Dean Smith gelingt es hier nicht so recht, sich gegenüber dem Orchester stimmlich durchzusetzen; um so leuchtender dann seine Interpretationen des dritten und fünften Liedes – nach der sommerlichen Idylle in »Von der Jugend« scheint in »Der Trunkene im Frühling« Mahlers geradezu sarkastischer Witz hervor: »Wenn nur ein Traum das Leben ist, warum dann Müh’ und Plag’?«

»Keck« lautet Mahlers Regieanweisung dazu, doch diese Keckheit täuscht wie die gesamte Anlage der fünf ersten Lieder (vom Jammer auf Erden über Herbst, Jugend und Schönheit im Sommer bis zum Trinklied auf den Frühling) – Hegel sprach vom »verkehrten Weltlauf«, der dem Bewusstsein ein »Entgegengesetztes und Leeres« sei. Das Subjekt ist laut Adorno »eingespannt in den Weltlauf, ohne ihn von sich aus verändern zu können« – Mahler allerdings verweigert sich dem, und durch das in etlichen Modifikationen vorkommende Motiv a-g-e, also die melodische Folge von Sekunde und Terz, sogar dem Lauf abendländischer Harmoniegesetze. Das sind mehr als nur Verfremdungseffekte, das ist Verweigerung.

Jurowski, sein aufs äußerste gespanntes RSB und die fabelhafte Altistin Sarah Connoly zelebrieren den »Abschied«, das grandiose Finale, in einer seltenen Radikalität. »So nackt und schutzlos lag die Einsamkeit eines Menschen noch nie da«, meinte der Kulturwissenschaftler Jens Malte Fischer. Man begreift, dass die einzelnen Stimmen und Instrumentengruppen des Orchesters absichtsvoll nebeneinander spielen, Akkorde zersetzen sich in Stimmen, die Bässe (Bassklarinette, Kontrafagott und Kontrabässe, unterstützt immer wieder von dunkelsten Trommeln) hüllen die Altstimme »in einen Kokon aus Schönheit und Schmerz« (Georgi). Mahler komponierte in diesem Satz keinen »Breitwandsound«, sondern extreme Kargheit, eine klangliche Mondlandschaft. Die Singstimme wird nur noch von einem Pedalton der Kontrabässe begleitet, die Flöten spielen einen Doppelschlag, und es war in der Berliner Philharmonie noch nie so kalt wie bei den ersten Takten dieses Abschieds: »Ich spüre eines feinen Windes Weh’n / Hinter den dunklen Fichten!« Selbst »die Vögel hocken still in ihren Zweigen«, »die Welt schläft ein …« Wir halten den Atem an und erleben neue Töne, von Jurowski und dem RSB intensiv moduliert, die Oboe greift den um sich selbst kreisenden Doppelschlag auf, ein Tamtam ist mit seinem »Grabgeläut« zu hören, ein Trauermarsch taucht aus dem Nichts auf, ein Cellosolo verläuft sich in den Kontrabass-Terzen, und am Ende des Werks löst sich alles in einen dissonanten Akkord – nein, eben nicht »auf«, vielmehr »blauen allüberall und ewig licht die Fernen!« Mehr scheint sinfonisch nicht sagbar, wir stehen hier an der Stufe zur Zwölftonmusik, ahnen bereits Schönbergs »luft von anderem planeten«.

Adorno hat einen seiner schönsten Sätze über Mahlers »Lied von der Erde« geschrieben: Er spricht davon, »dass in der Jugend unendlich vieles als Versprechen des Lebens, als antizipiertes Glück wahrgenommen wird, wovon dann der Alternde, durch die Erinnerung hindurch, erkennt, dass in Wahrheit die Augenblicke solchen Versprechens das Leben selber gewesen sind«.

Mahler fragte seinen Freund (und späteren Uraufführungsdirigenten dieses Werks) Bruno Walter zu dem »Abschied«: »Was glauben Sie? Ist das überhaupt zum Aushalten? Werden sich die Menschen nicht danach umbringen?« Ja, diese Musik ist, jedenfalls wenn sie so interpretiert wird wie in dieser Sternstunde in der Philharmonie, schier nicht auszuhalten. Aber es ist ein Glück, dies erleben zu dürfen, und gibt Kraft zum Weiterleben – und Mut, dem Weltlauf kämpfend sich zu verweigern.

Konzertmitschnitt heute, 20.05 Uhr, MDR Kultur

Programmheft: kurzlink.de/ErdeRSB


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