Aus: Ausgabe vom 10.11.2018, Seite 6 / Ausland

Hundert Jahre »Rote Woche«

Erinnerung an November 1918 auch in den Niederlanden

Von Gerrit Hoekman
Portrait of Henriëtte Roland Holst-van der Schalk anytime before
Henriëtte Roland Holst wollte die Revolution in die Niederlande tragen

Die Niederlande waren nicht aktiv am Ersten Weltkrieg beteiligt. Trotzdem finden dieser Tage an vielen Orten des Landes Gedenkveranstaltungen statt. So sucht am Samstag im Vredespaleis in Den Haag eine Konferenz nach Lehren aus dem Gemetzel. Vorher treffen sich die Teilnehmer am »Visserijmonument« im Seebad Scheveningen. Es erinnert an die niederländischen Fischer und Seeleute, die in der Nordsee ertranken, weil ihre Schiffe auf Minen liefen.

Wie viele Niederländer an der Grenze zu Belgien starben, ist unbekannt. Dort hatten die Deutschen einen von Vaals in Limburg bis nach Cadzand am Meer reichenden Zaun errichtet und ihn mit 2.000 Volt unter Strom gesetzt. »Dieser ›Draht des Todes‹ forderte gut 1.000 Menschenleben, auch weil Elektrizität am Beginn des vorigen Jahrhunderts noch ein recht unbekanntes Phänomen war«, erinnerte die Nachrichtenagentur ANP. An der Linie haben Schulkinder unlängst auf mehr als 200 Kilometern Krokusse gepflanzt.

Im friesischen Kollum erinnerte Bürgermeister Bearn Bilker in einem Artikel für das Friesch Dagblad an den Matrosenaufstand in Kiel und die deutsche Revolution von 1918. Leider erwähnte er nicht, wie die Ereignisse im Nachbarland auch auf die Niederlande übergriffen. Auch dort gab es einen Aufstand gegen die Monarchie. Die Sozialistin Henriëtte Roland Holst zog mit Genossen zu einer Kaserne in Amsterdam, um sich mit den Soldaten zu verbrüdern. Der Versuch scheiterte, es gab zwei Tote. Nach nur drei Tagen war die Revolution beendet. Obwohl die Niederländer Hunger litten und die Arbeitslosigkeit hoch war, mochten nur wenige den Kommunisten folgen. Der fehlgeschlagene Aufstand ist als die »Rote Woche« in die niederländische Geschichte eingegangen.

Am 10. November 1918 traf der gestürzte deutsche Kaiser Wilhelm II. aus seinem Hauptquartier in Spa kommend in der niederländischen Kleinstadt Eijsden nahe Maastricht ein und bat um Asyl. Bis heute beschäftigt die Historiker die Frage, ob der abgesetzte Monarch unerwartet auf der Matte stand oder er sich vorher bereits mit dem Königshaus der Oranjes kurzgeschlossen hatte. »Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass es mich eine Woche oder länger gekostet hat, bevor ich den hereinkommenden Berichten glauben konnte«, behauptete die damalige Königin Wilhelmina in ihren Memoiren.

Die Geschichtswissenschaftlerin Beatrice de Graaf fand dagegen in Berliner Archiven deutliche Hinweise darauf, dass Wilhelmina durchaus im Bilde war. Bereits im Sommer gab es demnach sondierende Gespräche zwischen den Hohenzollern und dem Königshaus Oranje-Nassau. Zwei Gesandte des Kaisers sollen bereits zu dieser Zeit begonnen haben, Kasteel Amerongen für die Ankunft von Wilhelm II. vorzubereiten.


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