Aus: Ausgabe vom 09.11.2018, Seite 15 / Feminismus

Nichts an Aktualität eingebüßt

Gebündelte Essays: 1858 geborene Frauenrechtlerin Rosa Mayreder war ihrer Zeit weit voraus

Von Christiana Puschak
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Landschaft, 1896, Dorotheum, Austria, Aquarell auf Papier

Lange vor Simone de Beauvoir formulierte die Schriftstellerin, Frauenrechtlerin, Malerin und Friedensaktivistin Rosa Mayreder Sätze wie: »Man wird erst wissen, was die Frauen sind, wenn ihnen nicht mehr vorgeschrieben wird, was sie sein sollen.« Mit Thesen, die heute noch Gültigkeit besitzen, war sie ihrer Zeit weit voraus.

Am 30. November 1858 in Wien als Rosa Obermayer, Tochter eines Gastwirts und einer gebildeten Mutter, geboren, wuchs sie mit zwölf Geschwistern auf. Ihre Auflehnung gegen die patriarchalen Verhältnisse entstand aus persönlicher Betroffenheit heraus. Als wissbegieriges Kind, das philosophische Zitate an die Zimmerwände klebte, spürte sie früh, wie ungerecht es war, dass ihr als Mädchen die Bildung vorenthalten wurde, die ihren Brüdern zukam. Und sie erkannte, dass es nur eine Möglichkeit gab, sich gegen die traditionelle Frauenrolle zu wehren: Sie musste Widerstand leisten und sich ihren Platz erkämpfen. »Meine geistige Entwicklung fällt in eine Zeit, in der die bürgerliche Familie noch völlig unter der Herrschaft unangetasteter Traditionen stand. Die Auflehnung dagegen bildete im Bereich meines persönlichen Schicksals das entscheidende Erlebnis.« So setzte sie durch, gemeinsam mit ihren Brüdern Griechisch- und Lateinunterricht zu erhalten. Sie befasste sich mit Kunst, las viel und schrieb Tagebücher. Als Achtzehnjährige legte sie das Korsett ab, da ihr die Frauenkleidung zu unbequem war und sie sich weder geistig noch körperlich einschränken lassen wollte. »Kraft meiner Lebensart … nahm ich den Kampf … als ein ganz isoliertes Einzelwesen auf«, schrieb sie in ihren Jugenderinnerungen. Ein besonderes Anliegen war ihr zeitlebens eine fortschrittliche Mädchen- und Frauenbildung. So war sie unter anderem Mitbegründerin einer Kunstschule für Mädchen und Frauen, die später in Wiener Frauenakademie umbenannt wurde. In den 1890er Jahren begann Mayreders politisches Engagement im radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung. Zusammen mit Auguste Fickert wurde sie 1893 Vizepräsidentin des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins, dessen Motto »Durch Erkenntnis zu Freiheit und Glück« lautete.

In diesem Jahr hat die Wiener Kulturpublizistin Eva Geber Mayreders Hauptwerke, die beiden Essaybände »Zur Kritik der Weiblichkeit« (1907) und »Geschlecht und Kultur« (1923), gebündelt im Mandelbaum-Verlag herausgeben, da Mayreder so radikal Fragen nach Machtverhältnissen, Gewaltformen und Sexualität gestellt hat. Obwohl diese Texte um die 100 Jahre alt sind, haben sie nichts an Aktualität eingebüßt.

In dem Essay »Die Frau und der Krieg« analysiert Mayreder, wie Hass- und Rachegefühle in Kriegszeiten zu einer »sexuellen Fessellosigkeit« bei Männern führen und wie Frauen dadurch geschädigt werden. Geschlechtsspezifische Rollenzuschreibungen sieht sie als »historisch gewachsen« und deshalb veränderbar an. Allerdings müssten Frauen sich selbst den ihnen zustehenden Platz in der Gesellschaft erobern, da er ihnen von Männern nicht zugestanden werde.

Wie radikal Mayreder in ihrem Denken war, zeigt sich besonders in ihrer Haltung zu Prostitution und Sexualität. So kämpfte sie zwar gegen die Prostitution, aber nicht gegen die Prostituierten. In öffentlichen Reden warnte sie vor der moralischen Verurteilung der Prostituierten. Treffend analysierte sie den Zusammenhang von Sexualität und Macht in einer patriarchalen Gesellschaft – und kam zu dem Schluss: »Die lustbetonte Vorstellung ist nicht diejenige des Dienens auf der einen und des Herrschens auf der anderen Seite, sondern die Vorstellung der Gleichheit.« Mayreder argumentierte, dass kulturelle Normen und nicht die Natur die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern bestimmen und stellte grundsätzlich die biologische Determiniertheit in Frage.

In dem Essay »Von der Männlichkeit« diagnostizierte sie die ganze Moderne als ein Männerwerk und forderte die Frauen dazu auf, »gegen die Abstraktion zu kämpfen, in die sie beständig durch das männliche Denken verwandelt werden. Gegen das Weib als Idol müssen sie kämpfen, wenn sie als reelle Personen ihr Recht in der Welt erobern wollen.« In den Essays »Geschlecht und Sozialpolitik«, »Krise der Väterlichkeit« und »Wandlungen der Ehe« plädiert sie anhand dieser Themen schonungslos für eine Veränderung der Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern.

In einem aufschlussreichen Nachwort erschließt die Herausgeberin Eva Geber den historischen Hintergrund und die heutige Bedeutung der Texte von Rosa Mayreder. Sie resümiert wie ihre Protagonistin, dass Einsicht ohne Aktivität nichts wert sei.

Rosa Mayreder: Zur Kritik der Weiblichkeit. Essays, herausgegeben von Eva Geber, Mandelbaum-Verlag, Wien 2018, 438 S., 25 Euro


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