Aus: Ausgabe vom 09.11.2018, Seite 10 / Feuilleton

Tiere, Bücher, Sofas lesen

Nikolaus Heidelbach erhält den Ringelnatz-Preis

Von Wiglaf Droste
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Wenn das kein riskanter schöner Unfug ist

Der Dichter Joachim Ringelnatz war auch Maler, nicht nebenher, sondern ein ernsthafter und guter. Die Stadt Cuxhaven, in der Ringelnatz während des Ersten Weltkriegs als Mariner stationiert war, fühlt sich ihm so verbunden, dass sie jährlich den mit 10.000 Euro dotierten Ringelnatz-Preis vergibt – immer an einen Dichter und einen bildenden Künstler im Wechsel. In diesem Jahr wird der in Köln lebende Maler, Illustrator, Geschichtenerzähler und Literaturwissenschaftler Nikolaus Heidelbach ausgezeichnet. In der Begründung der Jury heißt es: »Mit seinem Werk setzt er Kindern in wundersamen Bildern ›Flöhe in die Ohren‹ und stiftet sie so – wie vor ihm Joachim Ringelnatz – zu riskantem Blödsinn an«. Herzlichen Glückwunsch!

Dass die Kinder auch ein paar Semester älter sein dürfen, zeigt Heidelbachs just erschienener Band »Lest doch!« Georg Christoph Lichtenbergs Bemerkung über den Hohlklang, der entstehen kann, wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen, ist Allgemeingut. Auch Kurt Tucholsky wusste, dass die Begegnung mit Büchern allein keine Garantie für Klugheitserwerb ist; schließlich könne man auch 20 Jahre lang das Falsche lesen. Beide Sentenzen hat Heidelbach für den neuen Band ins Bild gesetzt, wie auch Julian Barnes’ sehr britische, an Oscar Wilde erinnernde Boshaftigkeit: »Man sollte immer nur Bücher lesen, die sich gut auf dem Nachttisch machen, falls man unerwartet stirbt.«

Thomas von Aquin rät von literarisch-gedanklichem Monotheismus ab: »Hüte dich vor dem, der nur ein Buch besitzt«, und Gilbert Keith Chesterton erweist sich auch auf kürzester Strecke als Verfechter der humorvollen, tiefgründigen Üppigkeit: »Lesen Sie ausschließlich Bücher, die dicker sind als Sie selbst.«

Gesammelt hat Heidelbach, der auch lebende Autoren zu Wort kommen lässt, die aphoristischen oder auch apodiktischen Aperçus und Uppercuts nach dem Alphabet; die Nachnamen der Dichter von A–Z (plus Zugabe) samt zugehöriger Bildtafel ergeben 27 farbige Doppelseiten, auf denen stets ein Sofa und ein Tier zu einer Einheit zusammenfinden, die im eigentlichen Sinn des Wortes traumhaft ist. Das altmodische Wort »Fauteuile« kommt einem in den Sinn: Zwar trifft es sachlich nicht ganz zu, ein Lesesessel ist kein Sofa, aber das Wort klingt so schön nach Faultier. So möchte man sich zum Lesen legen, umgeben von und eingebettet in die Sofatiere beziehungsweise Tiersofas, wie sie nur Heidelbach ersinnen und malen kann. Könnte ich Stroh zu Gold spinnen, ich ließe jedes einzelne Lesesofa bauen und bestückte mit allen den märchenhaftesten Lesesaal der Welt.

Selten wurden gewogene Leser so raffiniert freundlich und kenntnisreich zum Lesen animiert wie von diesem schmalen Band, der jedem, dem Abenteuer nicht Angst machen, sondern Freude bereiten, ein Meer voller faszinierender Wesen eröffnet.

Nikolaus Heidelbach: Lest doch! Kampa-Verlag, Zürich 2018, 64 S., 12 Euro

Verkaufsausstellung der Originale bis 31.12. in der Buchhandlung Jungkunz, Friedrichstr. 3, 90762 Fürth

Verleihung des Ringelnatz-Preises an Heidelbach: heute, 19 Uhr, Hapag-Hallen, Cuxhaven


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