Aus: Ausgabe vom 09.11.2018, Seite 7 / Ausland

Ein Gott als Kläger

Indische Hindunationalisten beanspruchen Moscheegelände, um einen Tempel für Rama zu bauen

Von Aditi Dixit und Silva Lieberherr, Mumbai
RTX3KXS8.jpg
Hindunationalisten demonstrieren am 3. Dezember 2017 für den Bau eines Ram-Tempels in Ayodhya

In Indien schlägt die Umbenennung eines Distrikts hohe Wellen. Yogi Aadityanath, der Chief Minister des größten indischen Bundesstaats Uttar Pradesh, gab dem bisherigen Distrikt Faizabad den neuen Namen Ayodhya, nach einer für die indische Politik sehr symbolträchtigen Stadt.

Die in Indien regierende hindunationalistische Bharatiya Janata ­Party (BJP) versucht seit einiger Zeit, die Geschichte Uttar Pradeshs zu »hinduisieren« und Ortsnamen zu sanskritisieren. In den vergangenen Wochen forderten rechte Hindu-Nationalisten und sogar mehrere Minister immer lauter den Bau eines Rama-Tempels in Ayodhya. Auf dem dafür vorgesehenen Gelände befand sich aber einmal die Babri-Moschee. Sie wurde im 16. Jahrhundert von den muslimischen Mogulen erbaut. Gläubige Hindus vermuten an genau diesem Platz die Geburtsstätte ihres Gottes Rama.

Schon 1992 eskalierte der Streit. Nach einer Massenkundgebung marschierten damals von der BJP unterstützte Nationalisten zu der Moschee, um den Grundstein für einen Rama-Tempel zu legen. Sie machten die Moschee dem Erdboden gleich. Bei den folgenden Unruhen in ganz Indien starben mehr als 2.000 Menschen, überwiegend Muslime. Diese Ereignisse gelten als Auslöser für den Aufstieg der rechten Kräfte in Indien.

2010 urteilte der Oberste Gerichtshof in Allahabad, dass das umstrittene Grundstück unter den drei klagenden Parteien aufgeteilt werden müsse. Die dritte Partei neben einer hinduistischen und einer muslimischen Gruppe war der Gott Rama persönlich, den die Richter als Kläger anerkannt hatten. Die Entscheidung war so ein schwerer Rückschlag für Bemühungen, den Konflikt auf säkularem Weg zu lösen. Später setzte das Oberste Gericht Indiens die Entscheidung der Instanz in Allahabad aus. Für Januar 2019 ist eine Anhörung geplant – nur Monate vor den im April oder Mai anstehenden Parlamentswahlen.

Für die Rechte spielt Ayodhya im Wahlkampf eine große Rolle. Der Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), die Mutterorganisation der BJP, forderte im Oktober die Regierung auf, das Land in Ayodhya zu kaufen und den Rama-Tempel zu bauen. Kurz darauf drängte Vishwa Hindu Parishad, eine ultrarechte Organisation mit guten Beziehungen zur BJP, die Exekutive zu »unabhängigen Maßnahmen« in dieser Angelegenheit. Wenn es nicht bald zu einer Lösung komme, könne das zu Gewalt zwischen den Religionen führen. Der BJP-Politiker Giriraj Singh, Minister für kleine und mittlere Unternehmen in der indischen Regierung, sagte Ende Oktober der Zeitung The Indian Express in ähnlichem Tonfall, dass den »Hindus die Geduld« ausgehe.

Vielen Menschen in Indien droht tatsächlich die Geduld auszugehen – aber aus anderen Gründen. Die Wirtschaftspolitik der Regierung hat die Hoffnungen der Leute nicht erfüllt, Wut und Frustration nehmen vor allem auf dem Land zu. Angesichts der bevorstehenden Wahlen versuchen rechte Kreise jetzt immer mehr, mit Aufwiegelung und Hetze von den Misserfolgen ihrer Regierung abzulenken. In dem derzeitigen Klima könnte das dramatische Folgen für den Frieden im Land und für die Sicherheit insbesondere der Muslime haben.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Ausland
  • Frankreichs Präsident Macron lobt Nazikollaborateur Pétain. Seltsame Geschichtsstunden am Rand der Schlachtfelder
    Hansgeorg Hermann, Paris
  • Pjöngjang lehnt weitere einseitige Vorleistungen ab. Wiederaufnahme von Atomprogramm möglich
    Knut Mellenthin
  • Ecuadors Justiz wirft dem früheren Präsidenten Rafael Correa Beteiligung an einer Entführung vor. Nachfolger Moreno in der Kritik
    Volker Hermsdorf