Aus: Ausgabe vom 09.11.2018, Seite 6 / Ausland

»Großer Soldat«

Frankreichs Präsident Macron lobt Nazikollaborateur Pétain. Seltsame Geschichtsstunden am Rand der Schlachtfelder

Von Hansgeorg Hermann, Paris
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Kranzniederlegung für die Toten des Ersten Weltkriegs: Macron am Montag in Morhange

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron hat während seiner einwöchigen Reise zu den Schauplätzen des Ersten Weltkriegs entdeckt, dass der für seine spätere Zusammenarbeit mit dem Naziregime bekannte Marschall Philippe Pétain »ein großer Soldat« gewesen sei. Am Mittwoch raunte er in einige Dutzend Mikrofone der ihn begleitenden Journalisten, dass der Militär sich dieses Lob während der »Grande Guerre«, dem Morden zwischen 1914 und 1918, durchaus verdient habe, auch wenn er rund 25 Jahre später als Präsident des Landes mit den deutschen Besatzern zusammenarbeitete und die Juden Frankreichs an Adolf Hitlers Schergen ausliefern ließ. Das Credo des Präsidenten: »Man kann im Ersten Weltkrieg ein großer Soldat gewesen sein und im Zweiten eine unheilvolle Wahl getroffen haben.«

Noch am selben Tag gab es Protest gegen Macrons seltsame Geschichtsstunde 100 Jahre nach den Massakern in den Schützengräben, die 1,2 Millionen französische Soldaten das Leben kosteten. Der »Rat der jüdischen Institutionen Frankreichs« (CRIF) zeigte sich schockiert, dass Pétain zusammen mit den Offizieren des damaligen Generalstabs am Samstag im Pariser Invalidendom als »Held von Verdun« geehrt werden sollte – mit ausdrücklicher Zustimmung des Präsidentenbüros im Élysée-Palast. Der landesweite Aufschrei veranlasste Macron inzwischen, Pétain von der Liste der dort zu honorierenden Schlachtenlenker zu streichen.

André Chassaigne, Sprecher der Französischen Kommunistischen Partei (PCF), sprach von einem »schweren Fehler«, der Macron mit seiner Einschätzung der Rolle Pétains als Marschall und Präsident unterlaufen sei: »In der französischen Geschichte ist er nicht mehr der Marschall Frankreichs, man kann keine Seiten aus den Geschichtsbüchern entfernen.« Pétain sei 1945 zur »Schande der Nation« erklärt und zum Tod verurteilt worden, erinnerte auch Boris Vallaud. Für den sozialistischen Abgeordneten steht fest, dass man »nicht einen Feind der Republik ehren oder ihn Marschall nennen« könne. Alexis Corbière, Sprecher der Linkspartei »La France insoumise« (LFI) und selbst Geschichtsprofessor, erklärte, Macron sei im Begriff gewesen, einen »Totengräber« der Republik zu würdigen. »Die bisher unglücklichsten Aussagen des Präsidenten«, so Corbière, »getragen von absurden Subtilitäten«.

Gleichwohl wird Macron am Samstag im Invalidendom die steinernen Gräber der sechs Marschälle und Befehlshaber des blutigen Gemetzels mit Blumen dekorieren – ausgenommen bleibt nun eine entsprechende Ehrung des im rechten politischen Lager nach wie vor als Held bewunderten Pétain.

Hinter sich weiß der Staatschef den größeren Teil seiner Partei »La République en Marche« (LREM), die in der Nationalversammlung die absolute Mehrheit hält. Die Regierung des rechtskonservativen Ministerpräsidenten Édouard Philippe versuchte am Donnerstag, Macrons Geschichtsrätsel zu entschlüsseln: Der Chef habe eine sehr »komplexe« Auffassung von einer ebenso »komplexen Geschichte des Landes«. Es sei »nun einmal schwierig, sich der Geschichte Frankreichs zu stellen. Man denkt gleichzeitig an die Sieger und an die (als Deserteure, jW) Erschossenen – ebenso an die Glorreichen, die sich anschließend nicht auf der Höhe der Ereignisse zeigten«, so Philippe.

Am Sonntag wird Macron in Paris zum 100. Jahrestag des Kriegsendes den russischen Präsidenten Wladimir Putin, US-Präsident Donald Trump und die meisten europäischen Staats- und Regierungschefs zu Gast haben.


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