Aus: Ausgabe vom 08.11.2018, Seite 16 / Sport

Gegen die eigene Geschichte

Beim Schlagerspiel am Samstag trifft Mario Götze auf seine Zwischendurch-Ex, den FC Bayern. Wird er sich weiter aus der Krise kämpfen können?

Von Rouven Ahl
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Da hat er noch so richtig Schlagzeilen gemacht, der Mario

Im Fußball zählt das Narrativ oft mehr als die eigentlichen Fakten. Das beste Beispiel für diesen Sachverhalt ist Mario Götze von Borussia Dortmund.

Als Götze im November 2009 mit 17 Jahren sein Debüt in der Bundesliga gab, galt er als großes Versprechen. Nichts weniger als der Retter des deutschen Fußballs sollte der gebürtige Memminger sein. Mit seinen Dribblings und seiner Unbekümmertheit entsprach er diesem Bild zum Anfang seiner Karriere auch wie kein zweiter Nachwuchsspieler in Deutschland.

Jürgen Klopp, der ihn damals ins kalte Wasser warf, meint noch heute, Götze sei der beste Spieler, den er jemals trainiert habe. »Er war unglaublich«, so der aktuelle Trainer des FC Liverpool. Was auffällt: Klopp spricht in der Vergangenheitsform. Denn »unglaublich« wird im Zusammenhang mit Götze nur noch verwendet, wenn jemand zum Ausdruck bringen möchte, nicht glauben zu können, dass der so Hochveranlagte sich bislang nicht zum Weltklassespieler entwickelt hat.

Götze sei dabei im Laufe seiner Karriere eben jene vielzitierte Unbekümmertheit abhanden gekommen. Schuld daran, und das ist mittlerweile Konsens, ist der Wechsel 2013 zum FC Bayern. Doch was dabei ignoriert wird: Während seiner Zeit beim Rekordmeister legte Götze mit die besten Zahlen seiner Karriere auf.

Dass er letztlich den Durchbruch nicht zur Gänze schaffte, lag vor allem an seinen vielen Verletzungen. Und dennoch galt Götze bei seiner Rückkehr nach Dortmund 2016 als gescheitert. Hinzu kam, dass sein Siegtor für Deutschland im WM-Finale 2014 gegen Argentinien die Erwartungen an den 26jährigen noch höher schraubte.

In seinem ersten Jahr bei seinem neuen alten Verein verpasste er wegen einer Stoffwechselerkrankung einen Großteil der Saison. Götze kämpfte sich zurück und gehörte in der kommenden, weithin verkorksten Spielzeit bei Borussia Dortmund zu den besseren Akteuren. Doch wurde er weiterhin unverhältnismäßig kritisiert. Dass er mittlerweile eine tiefere Rolle im Spiel einnimmt, wird bei seiner Bewertung ebenfalls meist ignoriert. Die Öffentlichkeit erwartet weiterhin Tempo-Dribblings über die Flügel.

Unter dem neuen BVB-Trainer Lucien Favre hatte Götze zunächst einen schweren Stand; zuletzt zeigte er jedoch wieder gute Leistungen, ehe ihn eine Bronchitis ausbremste. Beim 0:2 gegen Atletico Madrid in der Champions League am Dienstag stand er jedoch wieder im Kader und wurde eingewechselt.

Am Samstag wartet nun das Spitzenspiel gegen die Bayern. Für Götze eine weitere Gelegenheit, gegen das eigene Narrativ anzukämpfen.


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