Aus: Ausgabe vom 02.11.2018, Seite 4 / Inland

Kriegsgegner unerwünscht

Marinebund sperrt Ehrenmal für Gedenken an Matrosen, die Erstem Weltkrieg ein Ende setzten

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Mitglieder der Hochschulgruppe von Die Linke.SDS und Lorenz Gösta Beutin (3. v. l.) am Donnerstag mit Kranz vor der Absperrung des Marinebunds

Seit Donnerstag findet sich im Gästebuch des Marineehrenmals in Laboe an der Kieler Förde der Eintrag: »In Erinnerung an alle mutigen Matrosen, die den Befehl verweigerten, die Flotte sabotierten und dem Krieg ein Ende setzten. Ich war, ich bin, ich werde sein!« Im Rahmen der Kampagne »Revolutionsstadt Kiel« wollten Mitglieder der Partei Die Linke und der Hochschulgruppe des parteinahen Studierendenverbandes SDS dort an die Ereignisse vor 100 Jahren erinnern – auch mit einer Kranzniederlegung.

Dem Deutschen Marinebund e. V. (DMB) passte das gar nicht. »Als wir das Marineehrenmal erreichten, war das Gelände bereits abgesperrt«, erklärte der Bundestagsabgeordnete Lorenz Gösta Beutin (Die Linke) am Donnerstag gegenüber junge Welt. Polizeikräfte hielten an Ort und Stelle schon ihre Helme bereit. Der Marinebund teilte auf einem Aushang mit, er sei parteipolitisch neutral und dulde auf dem Gelände »keine politischen Meinungsäußerungen von Parteien oder politischen Gruppierungen, gleich welcher Ausrichtung«. »Wir haben statt dessen davor, an der Absperrung, eine Kundgebung abgehalten und einige Worte in Gedenken an die widerständigen Matrosen gesagt. Anschließend sind wir ohne Kranz auf das Gelände gegangen, um uns die Örtlichkeiten und die Ausstellung anzuschauen«, so Beutin.

Ein Politikum war und ist das Marineehrenmal schon immer. Erbaut wurde es von 1927 bis 1936 als Gedenkstätte für die im Ersten Weltkrieg gefallenen deutschen Marinesoldaten. In der Eingangshalle finden sich heute links die Jahreszahlen »1914–1918« und rechts »1939–1945«. In der Mitte der Spruch »Euer Tod ist uns Verpflichtung«. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Alliierten 1945 diese Kultstätte des deutschen Militarismus beschlagnahmt und zeitweise sogar erwogen, sie zu sprengen – auch der damalige Marinebund war gemäß Beschluss des Alliierten Kontrollrats aufgelöst worden. 1952 kam es zur Neugründung – 1954 wurde dem DMB schließlich auch das Ehrenmal übergeben.

Zwar wurde es 1996 zur Gedenkstätte für die auf den Meeren gebliebenen Seeleute aller Nationen und zum Mahnmal für eine friedliche Seefahrt umgewidmet. In der Ausstellung findet sich aber heute noch eine bemerkenswert unkritische Beschreibung der Rolle des deutschen Kaiserreichs: »Weltweite Beziehungen verbanden das Kaiserreich und dessen aufstrebende Wirtschaft mit allen Ländern und Völkern der Erde. Das Meer war bester Mittler und Weg für diese friedliche Entwicklung.« Über den Matrosenaufstand und die Befehlsverweigerung heißt es dort: »Die Offiziere der Marine reagieren völlig hilflos auf den Zusammenbruch der Disziplin.«

Zur Erinnerung an die Novemberrevolution im Jahr 1918, die mit der Befehlsverweigerung der kriegsmüden Matrosen begonnen hatte, sind in den kommenden Tagen weitere Gedenkaktionen, Demos und Veranstaltungen linker Gruppen, Parteien und Gewerkschaftsgliederungen geplant.

So etwa kommenden Sonnabend in Kiel – dort soll ab 14.30 Uhr am Bahnhof unter dem Motto »Für den Traum der ›Roten Matrosen‹ – für eine Welt ohne Krieg, Militär, Ausbeutung und Ausgrenzung« demonstriert werden. Den Aufruf haben unter anderem der Deutsche Gewerkschaftsbund Kiel und dessen Jugendorganisation, die Ortsverbände der Partei Die Linke und der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) sowie die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) Kiel und die Ortsgruppe des Netzwerks ATTAC unterzeichnet. Die DKP Schleswig-Holstein hat die Teilnahme an dieser Bündnisdemonstration in ihren Aktionstag unter dem Motto »100 Jahre Novemberrevolution, 100 Jahre KPD – Für eine Ostsee als Meer des Friedens« eingebettet und lädt bereits am Vormittag zu Workshops ein. (jW)

Termine: revolutionsstadt.blackblogs.org

dkp-sh.de


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