Aus: Ausgabe vom 01.11.2018, Seite 1 / Titel

Jeder fünfte ist arm

Statistisches Bundesamt: 15,5 Millionen Menschen sind in der Bundesrepublik »sozial ausgegrenzt«. Konjunktur holt niemanden aus der Armut

Von Nico Popp
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Zumutung Kapitalismus: Wagen eines Flaschensammlers in Hannover

Ein knappes Fünftel der Bevölkerung der Bundesrepublik war 2017 von »Armut oder sozialer Ausgrenzung« betroffen. Das sind 15,5 Millionen Menschen. Diese Zahl ergibt sich aus der europaweiten Erhebung EU-SILC (European Union Statistics on Income and Living Conditions), teilte das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Wiesbaden mit. Die Zahl der Betroffenen ging, wie die Statistiker erleichtert nachschoben, etwas zurück: 2016 drohten »Armut oder soziale Ausgrenzung« noch 16 Millionen Menschen, was 19,7 Prozent der Bevölkerung entsprach. Das heißt allerdings auch: Der vielfach besungene wirtschaftliche »Boom« ändert nichts an der verfestigten Armut.

Im EU-Durchschnitt fallen 22,5 Pro­zent der Bevölkerung in diese Armutskategorie, nach der eine Person dann als von »Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht« gilt, wenn mindestens eine der folgenden drei Lebenssituationen zutrifft: Das Einkommen liegt unter der offiziellen Armutsgefährdungsgrenze (beträgt also weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens), der Haushalt ist von »erheblicher materieller Entbehrung« betroffen oder eine Person lebt in einem Haushalt mit sehr geringer »Erwerbsbeteiligung«.

Für jede dieser Lebenssituationen wurde jeweils der Anteil der Personen in der Bevölkerung ermittelt, auf den diese Situation zutrifft. Mit 16,1 Prozent der Bevölkerung war jeder sechste Mensch in der BRD im Jahr 2017 »armutsgefährdet« (2016: 16,5 Prozent). Das sind rund 13,1 Millionen Menschen. 8,7 Prozent der Bevölkerung unter 60 Jahren lebten in einem Haushalt mit sehr niedriger Erwerbsbeteiligung, das heißt, der Anteil der erwerbsfähigen Haushaltsmitglieder im Alter von 18 bis 59 Jahren, die einer Arbeit nachgingen, betrug weniger als 20 Prozent. Von erheblicher materieller Entbehrung waren 3,4 Prozent der Bevölkerung betroffen – 0,3 Prozentpunkte weniger als 2016. Das bedeutet, dass das Leben der Betroffenen aufgrund fehlender finanzieller Mittel drastisch eingeschränkt war: Sie waren häufig nicht in der Lage, Rechnungen für Miete oder Hypotheken zu bezahlen, ihre Wohnungen zu heizen oder eine kurze Urlaubsreise zu finanzieren.

Im EU-Durchschnitt waren den Angaben zufolge im vergangenen Jahr 16,9 Prozent der Bevölkerung von Armut bedroht und 6,9 Prozent von erheblicher materieller Entbehrung betroffen. 9,3 Prozent lebten in einem Haushalt mit sehr niedriger Erwerbsbeteiligung.

Die Zahlen wurden am Mittwoch lebhaft kommentiert. Die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Katja Mast, verwies auf Maßnahmen der Bundesregierung zur Armutsbekämpfung. So solle kommende Woche das Gesetz zum sozialen Arbeitsmarkt verabschiedet werden. Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im Bundestag, Sabine Zimmermann, betonte demgegenüber, dass sich das Problem »nicht mit Symbolpolitik« beheben lasse: »Gegen Armut helfen nur deutliche Lohnsteigerungen im unteren Lohnbereich und armutsfeste Sozialleistungen.« Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, nannte es »skandalös«, dass 15,5 Millionen Menschen in der Bundesrepublik arm seien. Erforderlich sei ein »Gesamtkonzept bei der Armutsbekämpfung«, zu dem Maßnahmen gegen prekäre Arbeitsverhältnisse ebenso wie eine dauerhafte Festsetzung des Rentenniveaus bei 50 Prozent gehören müssten. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, nannte die Zahlen des Statistischen Bundesamtes »mehr als bedenklich«.


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  • Richard Altpaß: Zu viele falsche Linke Es ist absonderlich. Jeder fünfte in Deutschland ist arm … und die Politik rüstet auf, beteiligt sich an der Feindbildgenese … Wie das alle Regierungen machen, die von ihrer eigentlichen Unfähigkeit a...

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