Aus: Ausgabe vom 26.10.2018, Seite 4 / Inland

Ungeschützt vom Pressekodex

Von »Sozialmissbrauch« und »monströsen Zuständen«: Fachtagung »Antiziganismus in den Medien« in Berlin

Von Eleonora Roldán Mendívil
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Eröffnung des Vereinslokals von Amaro Drom 2012 in Berlin

Selbstorganisationen von Roma werden in den letzten Jahren immer sichtbarer und greifen aktiv in die politischen Debatten ein, die sie betreffen. Zur Fachtagung »Antiziganismus in den Medien« hatten am Mittwoch die Roma-Jugendorganisation Amaro Foro aus Berlin, sowie der Bundesverband Amaro Drom und die »Neuen Deutsche Medienmacher« eingeladen. Ziel war es, Medienschaffende sowie Menschen aus Politik und Verwaltung für das Thema zu sensibilisieren. Um die 50 Personen folgten der Einladung ins Tagungshaus am Berliner Hauptbahnhof.

Markus End, Vorsitzender der Gesellschaft für Antiziganismusforschung, zeigte die stereotype Verbindung von Roma, vor allem in den Medien, mit Kriminalität, Obdachlosigkeit und angeblichem Missbrauch von Sozialleistungen auf, vor allem bezogen auf Kindergeld. Dieser durch Bilder, reißerische Titel und Schlagwörter wie »Armutszuwanderung« medial kommunizierte Antiziganismus werde noch zusätzlich dadurch verschärft, dass Roma nie als Individuen gezeigt oder interviewt werden, sondern immer als Repräsentanten einer undefinierten Gemeinschaft. Anstelle der materiellen und strukturell-politischen Gründe für Armut und Obdachlosigkeit, wovon Roma in Deutschland überproportional betroffen sind, wird zum Beispiel unter der Überschrift »Monströse Zustände« beschrieben, dass ein Haus verfällt, weil dort Roma leben – nicht weil der Vermieter sich nicht um die Instandsetzung kümmert. Dass die Überbelegung von Mietwohnungen auch als Entmietungsstrategie von Vermietern bewusst genutzt wird, um hartnäckige Mieter loszuwerden und dann die Wohnungen sanieren und teurer vermieten zu können, findet medial kaum Beachtung.

Andrea Wierich, Pressereferentin bei Amaro Foro, beschrieb, wie redaktionelle Entscheidungen zu rassistischen Bildern führen. Denn oft wird – auch in linken Medien – zum Beispiel von »Obdachlosen, Aussteigern und Roma« geschrieben, wobei unklar ist, ob es sich wirklich um Roma handelt beziehungsweise warum es von Relevanz ist, Roma eigenständig zu nennen, wenn die ethnischen Gruppen aller anderen nicht genannt werden. Außerdem würden Artikel selten über die Rolle der deutschen Regierung und die der EU berichten. Dass zum Beispiel EU-Bürgerinnen und Bürger weniger Ansprüche auf Sozialleistungen haben als Deutsche und sie auch viel schneller verlieren können, wird kaum problematisiert. Ferda Ataman, Sprecherin der Neuen Deutschen Medienmacher und Spiegel-online-Kolumnistin, konstatierte, dass für die Berichterstattung über Roma Tabus, die selbst bei der liberal-bürgerlichen Presse angekommen sind, meist nicht gelten. »Wir finden, es ist schlechter und schlimmer geworden«, so Ataman. »Früher gab es einen Pressekodex, der die Nennung der sogenannten ethnischen Herkunft nur dann legitimierte, wenn dies für den Tathergang eine Relevanz hatte.« Seit Silvester 2015/2016 sei jedoch ein so starker öffentlicher Druck entstanden, dass es nun heißt, dass die ethnische Herkunft eines Täters benannt werden darf, »wenn ein öffentliches Interesse besteht«. Ethnisierender Berichterstattung wird somit Tür und Tor geöffnet.

Gegenstrategien beinhalten nicht nur eine saubere und ehrliche Recherche von Sachverhalten. Journalistinnen und Journalisten sind angehalten, mit den Menschen zu sprechen, deren Lebensrealität sie beschreiben, ohne auf die eine Stimme zurückzugreifen, die alle Klischees wieder erfüllt. »Wir wollen, dass Menschen als Subjekte gesehen werden« so Wierich. Und dabei sei es auch wichtig, von den Kämpfen diverser Roma-Selbstorganisationen laufend zu berichten. Die Ethnisierung von Schlagzeilen führt generell dazu, dass eine rassistische Atmosphäre verschärft und befeuert wird. Wierich weist zudem darauf hin, dass Antiziganimus ein Thema der Mehrheitsgesellschaft sei, da er – wie andere Rassismen – eine Funktion habe. Antiziganismus dient zur Stabilisierung des eigenen – weißen, deutschen, westlichen – Selbstbildes und damit zur Schaffung eines homogen gedachten »deutschen Selbst«, das über »den anderen« steht.

Auch wenn einige Teilnehmende die Ursprünge der prekären Arbeits- und Lebenssituation vieler Roma in Deutschland benannten, wurde die Diskussion um mediale Repräsentation stark im Rahmen einer antirassistischen Aufklärungsarbeit geführt. So gilt »Rassismussensibilisierung« bei der Polizei als Positivbeispiel. Ausgeblendet wird dabei, dass nicht die einzelnen Beamte die Gesetze machen, in denen Länder wie Bulgarien und Rumänien, aus denen vermehrt Angehörige der Roma nach Deutschland migrieren, zu »sicheren« Drittstaaten erklärt werden, sondern die EU und die deutsche Bundesregierung. Denn auch unter »rot-grünen« und »rot-rot-grünen« Bundes- und Landesregierungen (wie aktuell in Berlin) werden Roma in miserable und lebensbedrohliche Umstände abgeschoben. Kritik in diese Richtung blieb leider aus.


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