Aus: Ausgabe vom 23.10.2018, Seite 16 / Sport

Palmarès der Speichen

Britische Dominanz bei den großen Rundfahrten und aufstrebende junge Fahrer aus Deutschland – Ein Rückblick auf die Straßenradsaison 2018

Von Tobias Kraus
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Don’t drink and drive? Gilt wohl nicht für Radler: Thomas und Froome bei der Tour

Am vergangenen Sonntag endete mit der sechstägigen Tour of Guangxi in China die Straßenradsaison der Männer. Gianni Moscon gewann die Gesamtwertung, nachdem er die einzige Bergankunft für sich entschieden hatte. Üblicherweise bleiben im Rückblick auf eine Saison insbesondere die drei großen Landesrundfahrten in Erinnerung, deren Titel sich 2018 ausnahmslos britische Fahrer sicherten: Mit Chris Froome (Giro d’Italia), Geraint Thomas (Tour de France) und Simon Yates (Vuelta) waren es gleich drei Fahrer, die die britische Dominanz der letzten Jahre unterstrichen.

Chris Froome war angetreten, nach seinem Double (Tour de France und Vuelta) 2017 sämtliche Rekorde zu brechen und erstmals seit Marco Pantani 1998 das Double aus Giro d’Italia und Tour de France und damit vier Grand-Tours in Folge zu gewinnen. Den Giro konnte er nach einer beeindruckenden Aufholjagd für sich entscheiden, bei der Tour musste er sich ausgerechnet seinem Teamkollegen Geraint Thomas geschlagen geben. Am Ende wurde er noch hinter dem Niederländer Tom Dumoulin Dritter. Der angebliche Asthmatiker Froome, Spitzname Froomey, konnte die Bedenken hinsichtlich der Dopingvorwürfe, die nach der Vuelta 2017 aufgekommen waren, nicht recht zerstreuen; am Ende war der Rucksack des angekratzten Images für »Froomey« wohl zu schwer, um Pantanis Rekord anzugreifen.

Andererseits erwies sich Geraint Thomas über die gesamten drei Wochen der Tour als der cleverste und stärkste Fahrer. Während Simon Yates beim Giro nach anfänglicher Überlegenheit noch kurz vor dem Gesamtsieg einbrach, konnte er sich bei der letzten Grand Tour des Jahres, der Vuelta, dank einer zurückhaltenderen Fahrweise rehabilitieren und die Rundfahrt souverän gewinnen.

Peter Sagan knüpfte bei der Tour de France nach seinem Ausschluss im letzten Jahr an seine Serie im grünen Trikot an, gewann es ein sechstes Mal und egalisierte den bis dato bestehenden Rekord von Erik Zabel. Außerdem gewann er erstmals Paris–Roubaix und fügte damit seinem Palmarès ein weiteres Monument hinzu. Dafür fand er nach drei aufeinanderfolgenden Jahren im Regenbogentrikot in Alejandro Valverde seinen Nachfolger, der Ende September in Innsbruck seine beeindruckende, wenn auch nicht zweifelsfreie Karriere mit dem Weltmeistertitel krönte.

Überaus erfolgreich trat 2018 das Team Quickstep-Floors auf. Mit insgesamt 73 Saisonerfolgen stellte es die erfolgreichste World-Tour-Mannschaft, insbesondere Elia Viviani stieg mit seinen Siegen endgültig in Weltspitze der Sprinter auf.

Aus deutscher Sicht sind vor allen Dingen die richtungweisenden Erfolge der nachrückenden Generation zu erwähnen, allen voran der neue deutsche Meister Pascal Ackermann, der mit Achtungserfolgen bei der Tour de Romandie, dem Critérium du Dauphiné oder der Polen-Rundfahrt auf sich aufmerksam machte. Aber auch Maximilian Schachmann und Nils Politt ließen mit starken Leistungen aufhorchen, während alte Haudegen wie Tony Martin, Marcel Kittel oder André Greipel im Vergleich zu den letzten Jahren eher blass blieben. Auch John Degenkolb trat mit Ausnahme seines lang ersehnten und verdienten Etappensiegs auf der berüchtigten Kopfsteinpflasteretappe bei der Tour de France wenig in Erscheinung. Die wieder ins Leben gerufene Deutschland-Tour darf hingegen als Erfolg gewertet werden. An vier Tagen zeigte ein illustres Fahrerfeld vor Tausenden Zuschauern und einer tollen Kulisse spannende Rennen. Ein gelungener Auftakt für die Wiederbelebung, der gleiche Termin in der letzten Augustwoche steht für 2019 bereits fest.


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